Sprechbehinderte Schüler

Die neuen Pisa-Resultate sind raus und die Ernüchterung ist gross. Schweizer SchülerInnen können zwar gut rechnen, aber schlecht lesen. Anscheinend hat ein nicht unerheblicher Teil unseres Nachwuchs Mühe mit dem Textverständnis.

Lilo Lätzsch, seit 1978 Sekundarlehrerin in der Stadt Zürich, erzählt: «Ich stelle oft fest, dass unsere Schüler zwar schön vorlesen können. Aber wenn sie das Blatt umdrehen müssen und erzählen sollen, was sie gerade gelesen haben, tun sie sich schwer.»
NZZ am Sonntag, 12.12.16

Das Pisa-Ergebnis bestätigt jene, die eh schon lange davon sprechen, dass die Jugend von heute weder schreiben noch lesen kann. Weil sie keine Bücher oder Zeitungen, sondern nur noch Facebook-Beiträge lesen. Weil sie keine Briefe mehr schreiben, sondern nur noch Whatsapp-Nachrichten.
Jetzt werden allerlei Gegenmassnahmen durchdiskutiert: Migrantenkinder in ihrer Muttersprache fördern. Eltern dazu anhalten, ihren Kindern vorzulesen. Den Pisa-Test in Frage stellen. Was man gegen die Leseschwäche machen soll oder kann, interessiert mich gar nicht so sehr, aber die oben zitierte Aussage, die Lamentos über die Lesefähigkeit der Jugend, sie alle erinnern mich an eine Stelle in Peter Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter von 1970, ein Buch, das ich gerade wieder einmal lese.

Da flüchtet, nachdem er eine Frau erwürgt hat, Bloch, der Protagonist, in ein unbedeutendes kleines Grenzdorf. Dort begegnet er eines Tages dem Schuldiener, der grad Holz hackt. Weil Bloch dem Schuldiener eine Frage stellt, haut dieser mit dem Beil daneben, so dass ein Holzscheit wegfliegt und ein Holzstoss zusammenfällt.

Aber es folgte nicht mehr darauf, als dass er den Schuldiener in die halbdunkle Holzhütte hinein fragte, ob es denn für alle Schulklassen nur dieses eine Schulzimmer gebe, und dass der Schuldiener antwortete, für alle Schulklassen gebe es nur dieses eine Schulzimmer.
Kein Wunder, dass die Kinder beim Schulaustritt noch nicht einmal reden gelernt hätten, sagte der Schuldiener plötzlich, indem er das Beil in den Hackklotz schlug und aus der Hütte trat: nicht einmal einen einzigen eigenen Satz könnten sie zu Ende sprechen, sie redeten miteinander fast nur in einzelnen Wörtern, ungefragt überhaupt nicht, und was sie lernten, sei nur Merkstoff, den sie auswendig gelernt heruntersagten; darüber hinaus seien sie zu ganzen Sätzen unfähig. „Eigentlich sind alle mehr oder weniger sprechbehindert“, sagte der Schuldiener.

Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970). Suhrkamp 2014, S. 94

Also bitte keine Panik wegen Pisa, Schüler waren immer schon dumm.

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