Rogue One: Eine mühsame Geschichte

Achtung, Achtung, ich spoilere hier gnadenlos. (Zu dem Thema möchte ich hiermit anmerken, dass mir die ganze Spoilerhysterie tierisch auf die Nerven geht — und wer bei dieser Hysterie mitmacht, macht sich in meinen Augen zum Knecht der Marketingabteilung Disneys. Kampf der Maus!)

Als letzter Mensch auf der Welt habe ich mir also Rogue One: A Christmas Carol angesehen. Und wie alle anderen bestehe ich darauf, meine Gedanken dazu ins Internet zu blasen. Hier habt ihr sie.

  • Darüber, dass der Todesstern eine derart offensichtliche Schwäche eingebaut hat, haben sich selbstgefällige Nerds seit 1978 immer wieder lustig gemacht. Jetzt hat man einen ganzen verdammten Film gedreht, nur um jenen eins reinzuwürgen.
     
  • Wieviele Star-Wars-Prequels braucht die Welt eigentlich noch? Haben wir uns nach den Episoden I bis III nicht darauf geeinigt, dass Prequels ganz grundsätzlich eine dumme Idee sind? So auch hier: Um die Continuity nicht durcheinander zu bringen, kommt Rogue One zum Beispiel gar nicht darum herum, sämtliche Protagonisten umzubringen (wie gesagt: Achtung, Spoiler) — was in der inflationären Häufung der Heldentode bald einmal noch mühsamer und billiger wird als bei Game of Thrones. Emotionale Wucht? Keine Spur.
     
  • Die einzige Figur, um die es schade war, um die ich tatsächlich geweint habe, war K-2SO (Alan Tudyk), jener imperiale Droide, der zwar erfolgreich zum Rebell umprogrammiert wurde, sich seither aber fast ausschliesslich in trockenem Sarkasmus mitteilt. Damit legt er genau jene Geisteshaltung an den Tag, die ich als Zuschauer gegenüber Rogue One notgedrungen einnehme, wird also zur idealen Identifikationsfigur. Damit ist er auch interessanter als die kugelrunde R2-D2-Kopie aus The Force Awakens. Umso übler nehme ich es den Filmemachern, dass sie K-2SO eben umgebracht haben, noch nicht einmal aus der Logik der Geschichte oder der Figur heraus, sondern, wie gesagt, den Zwängen eines Prequels folgend. Prequels sind ein Scheiss, will ich damit sagen.
     
  • Just als ich mir den Film im Kino angesehen habe, las ich in der Pause auf meinem Smartphone, dass Carrie Fisher gestorben ist. Wahrscheinlich war das nur ein Zufall, aber etwas unbehaglich ist mir jetzt schon. Jedenfalls kam mir danach das Ende besonders schräg rein (wo mithilfe von CGI eine junge Prinzessin Leia auftritt, gell. Wie gesagt, Spoiler und so).
     
  • Dass in Rogue One auch Tarkin auftaucht und dafür Peter Cushing mit CGI-Technik zu neuem Leben erweckt wurde (verstorben ist er schon 1994), wusste man ja. Das computergenerierte Gummigesicht fand ich keine Sekunde lang überzeugend, aber anscheinend ging das vielen Leuten anders. Für mich jedenfalls ist Zombie-Tarkin das perfekte Symbol für die Disney-Ära des Kriegs der Sterne: Es fühlt sich schon irgendwie nach dem Original an, aber im Grunde seines Herzens spürt man, dass da irgendwas nicht stimmt, dass wir da keinen lebendigen Film vor uns haben, sondern ein Frankenstein-Monster aus wiederverwerteten Teilen, gerade so zusammengehalten von Nostalgie. (Übrigens, Cushing hat seinerzeit in mehreren Filmen der Hammer-Studios Doktor Frankenstein verkörpert.)
     
  • Regisseur Gareth Edwards hat zuletzt Godzilla (2014) gemacht — und das merkt man, nämlich im Finale, wo sich Rebellen und Imperiale eine Schlacht liefern, wobei plötzlich einige AT-AT ins Geschehen eingreifen (das sind jene Roboter-Mammuts, die man aus The Empire Strikes Back kennt). Diese Riesenmaschinen aus dem Blickwinkel von Bodentruppen zu erleben, das ist schon gruselig. Ansonsten hat mir die ganze Inszenierung etwas zuviel Wackelkamera à la Saving Private Ryan (1998).
     
  • Wir haben Rogue One im Abaton gesehen, diesem Kitag-Multiplex am Escher-Wyss-Platz. Ich muss schon sagen, gerade die Kitag tut alles in ihrer Macht stehende, um einem den Kinobesuch zu vergällen. Bevor der Film anfing, gabs erst einmal eine halbe Stunde Werbung, wobei die Hälfte davon für Autos warb. (Ich glaube, es wurde auch ein einzelner Filmtrailer gezeigt, aber ich würde dafür nicht meine Hand ins Feuer legen.) Weiterhin unterschieden sich die Werbefilmchen der verschiedenen Automarken kaum voneinander — abgesehen davon, dass es sich grundsätzlich um immer dieselbe Edel-Ästhetik handelt, schauen die Marketingleute sich sogar spezifische Ideen voneinander ab: Gleich dreimal bestand der Bildeinfall darin, die Zeit rückwärts laufen zu lassen.
     
  • Merke zudem: Wenn man einen Staubsauger Männern verkaufen will, so muss man diesen ebenfalls in der Ästhetik einer Autowerbung darstellen — inklusive Nonsens-Technik-Geschwätz („Vortex-Technologie“).
     
  • Wer auch immer im Projektor-Raum des Kinosaals stand, brachte dann ein besonderes Kunststück fertig: Die Pause begann mitten in einem Satz — und nach der Pause ging der Film mitten im Satz weiter. Ich ziehe meinen Hut.
     
  • Ich hätte ja fast schon vorgeschlagen, Rogue One ins Houdini gucken zu gehen, aber dort bekommt man den Film nur in 3-D zu sehen — und dazu noch in einem anderen 3-D-System als bei der Kitag oder den Arena Cinemas. Alternative Kinos in allen Ehren, aber ich hab bereits eine Schublade voller 3-D-Brillen zuhause, verdammt nochmal!
     
  • Und zuletzt: Wenn der nächste Star-Wars-Film schon wieder von einem Todesstern (oder einer dem Todesstern ähnlichen Einrichtung) handelt, schreie ich! DENKT EUCH WAS NEUES AUS HIMMELHERRGOTTNOCHMAL!

 

Rogue One: A Star Wars Story
USA 2016, 133 Min.
Regie: Gareth Edwards
Drehbuch: Chris Weitz, Tony Gilroy, John Knoll, Gary Whitta
Mit Felicity Jones, Diego Luna, Donnie Yen, Alan Tudyk, Forest Whitaker, Mads Mikkelsen, James Earl Jones et al.

 
Hier gibts die Kritik zum Film bei den Kollegen vom Buddelfisch.

Der Schlitzer von Tunis

challat_de_tunisDie Kamera sitzt mit auf dem Moped, so dass wir die Perspektive eines Mitfahrers (eines Komplizen?) einnehmen. Dazu treibende elektronische Musik von der Tonspur. In einem Heidentempo nähert sich die Maschine von hinten einer jungen Frau; ohne irgendwas zu merken, geht sie die Strasse entlang. Plötzlich zückt der Fahrer ein Messer. Während das Bild zum Titel blendet, hören wir einen Schrei.
Da spielt Le challat de Tunis kurz mit den sensationalistischen Elementen des Horrorgenres. Was folgt, ist dann aber ein subtiler Dokumentarfilm. In diesem untersucht die junge tunesische Regisseurin einem Fall von 2003. Dazumal ging das Gerücht um, ein Mann rase mit einem Moped durch die Hauptstadt Tunis — und schneide Frauen mit einem Messer den Hintern auf. Elf Opfer wurden gemeldet. Zehn Jahre später versucht nun die Regisseurin herauszufinden, was hinter der Geschichte steckt, und vor allem: Wer war der Schlitzer von Tunis?

Die Behörden sind wenig kooperativ. Da geht die Regisseurin mit ihrem Kameramann zu einem Gefängnis und fragt nach dem Schlitzer. Der verantwortliche Wärter verscheucht die beiden, obwohl sie ihm eine schriftliche Erlaubnis unter die Nase halten. Und auch die Suche nach Zeugen gestaltet sich schwierig, denn es gibt derart viele unterschiedliche Geschichten und Gerüchte, dass die Wahrheit kaum noch herauszudestillieren ist. „Wir Tunesier sind die Könige der Gerüchte“, sagt einmal ein alter Mann, der in einem Café sitzt.
Dies ist das eine Thema, das sich durch den Film zieht: Zwischen korrupten Behörden, die wenig von Transparenz halten, und dem Gerede der Bevölkerung wird die Suche nach Tatsachen zur Unmöglichkeit. (Hier denke man sich einen Kommentar zum trendigen Begriff des postfaktischen Zeitalters.) Nach und nach merkt man zudem, dass es auch der Film selbst mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, ja dass Le challat de Tunis kein Dokumentarfilm, sondern eine Mockumentary ist. Was wir hier sehen, ist das wirklich so passiert, oder hat es die Regisseurin inszeniert? Kann man nicht sagen.
Einmal führt die Regisseurin ein Casting durch, um einen Laiendarsteller zu finden, der den Schlitzer spielt. Sie sucht nach einem, der die Rolle glaubwürdig rüberbringt. „Ich möchte einen echten Film“, sagt sie.

Das andere Thema, das Le challat de Tunis verhandelt, ist das des tunesischen Frauenbildes. Als das Filmteam Passanten auf der Strasse zum Fall befragt, geht es nicht lange, bis einer antwortet: „Eine Frau, die sich nicht anständig kleidet, muss geschnitten werden.“ Und der Typ setzt prompt noch einen oben drauf: „Ich bin ein Mann mit meinen Trieben, und wenn ich sie vergewaltige, wird mir niemand böse sein.“ (Wie gesagt: Dass diese Strassenbefragungen authentisch sind, steht nicht ohne weiteres fest.)
Ein andermal beobachtet die Kamera heimlich eine junge Frau in einem engen Kleid, die durchs Viertel geht — soll heissen, die Kamera beobachtet heimlich die Männer, die ihr hinterherstarren oder sie blöd von der Seite anquatschen. Da erscheint der Streich mit dem Messer bloss als Fortsetzung der schneidenden Blicke, das phallische Symbol des Messers als logische Zuspitzung sexueller Machtausübung von Männern gegenüber Frauen. (Das überaus unerfreuliche Phänomen der Säureattacke geht ja in eine ähnliche Richtung.)
Beim Casting meldet sich auch einer, der sich als der wirklich echte Schlitzer ausgibt. „Sie zu verletzen ist wie ein Orgasmus“, sagt er. Wie sich herausstellt, wurde er seinerzeit tatsächlich im Zusammenhang mit dem Fall verhaftet. In seinem Viertel ist er als Schlitzer bekannt, wird dafür fast schon verehrt. Er erzählt von seiner Wut auf die Arroganz schöner Frauen, ist besessen von der Frage nach Jungfräulichkeit, liebt von allen Frauen nur seine Mutter. Ist Jalel — so sein Name — einfach ein Gestörter oder das logische Produkt seiner Gesellschaft?
Ein schönes Bild für die schwärenden Probleme der tunesischen Gesellschaft: Mitten durch Jalels eigentlich ziemlich beschauliches Viertel führt ein Bach, der vollkommen verschmutzt ist. Darin stapelt sich der Müll, schwimmen benutzte Kondome vorbei oder liegt an einer seichten Stelle der verrottende Kadaver eines Hundes.

Nicht nur den gesellschaftlichen, sondern auch den medialen Ursprüngen von Gewalt geht die Regisseurin nach. Wie erwähnt, spielt der Anfang auf den Horrorfilm an, genauer gesagt, auf den Slasher — man denke an Filme wie Halloween (1978) oder Friday the 13th (1980) und ihre vielen, vielen Fortsetzungen und Nachahmer. Wo der Täter auch gern mit dem Messer auf junge Frauen losgeht, während die Kamera die Attacke aus seiner Perspektive zeigt. Über repressive Sexualität, das Messer als Phallus und ähnliche Themen im Slasher ist viel gesagt und geschrieben worden.
Zudem ist es kein Zufall, dass Schlitzer-Kandidat Jalel ein Scarface-T-Shirt trägt. Tony Montana, jener Typ mit grosser Wumme und patriarchalischen Sprüchen („This town like a great big pussy just waiting to get fucked“), ist eine ideale Heldenfigur für einen tunesischen Macho.
(Anmerkung am Rande: Scarface (1983) ist ein fantastischer Film, gell, und seinen Protagonisten als Helden zu verehren, zeugt von Unreflektiertheit — aber zugegeben, das Missverständnis ist schnell passiert.)
Das Filmteam trifft auch einen jungen Mann, der ein Computerspiel programmiert hat: Da ist man als Schlitzer auf dem Moped unterwegs und schneidet leichtbekleidete Frauen in den Hintern. Attackiert man jedoch eine verschleierte Frau, kriegt man Punkteabzug.
Jetzt soll man bloss nicht denken, die Regisseurin würde hier plumpes Medienbashing betreiben — eher geht es darum, dem selbstgefälligen westlichen Publikum zu zeigen, dass man eben nicht alles auf den Islam abwälzen kann, sondern dass westliche Medien und ihre geschlechterpolitisch fragwürdigen Seiten ebenfalls fatale Wirkung haben, zumindest in Tunesien. Wir sehen kein Reich des islamistischen Mittelalters, sondern eine Gesellschaft zwischen traditionellen Werten und Moderne, zwischen islamischen und westlichen Ansichten, die sich zu einem Ganzen formieren, das es Männer ebenso wie Frauen schwer macht, darin zu agieren, ohne zum Opfer dumpfer Geschlechtervorstellungen (oder von diesen zu Tätern gemacht) zu werden.

Ein letztes Beispiel für die Vertracktheit der gesellschaftlichen Umstände, das ich hier schildern möchte, ist der Virginometer. Jalel versucht eine Frau zu finden, auch wenn er als Schlitzer verschrien ist, und findet wider Erwarten eine, die mit ihm ausgeht. Aber wie kann er wissen, ob sie die Wahrheit sagt und tatsächlich noch Jungfrau ist? Er kauft eben den erwähnten Virginometer. Das ist ein Gerät mit einer Sonde, die man in den Urin der fraglichen Frau taucht — und das Gerät bestimmt, ob sie tatsächlich noch nie Sex hatte.
Die Regisseurin treibt die Person auf, die den Virginometer in Tunesien verkauft, und bei dieser handelt es sich überraschenderweise um eine Frau — eine knallharte Geschäftsfrau mit viel Geld, die international Geschäfte abschliesst. „Ich bin nach Japan gegangen und habe mich kundig gemacht“, erzählt sie von der Entwicklung des Virginometers. „Ich habe japanische Wissenschaftler getroffen, Spezialisten auf dem Gebiet.“
Man merkt, der Film hat durchaus seine humoristische Seite. Le challat de Tunis nähert sich seinen ernsten Themen mit den Mitteln der Satire, durchaus subtil, aber immer wieder sehr lustig.
Jalel versucht nun jedenfalls, den Urin seines Dates zu testen. Aber wie die Sache endet, verrate ich hier nicht.

Le challat de Tunis
Tunesien 2014, 90 Min.
Regie & Drehbuch: Kaouther Ben Hania

 
Trailer zum Film.

Bild von trigon-film

Das Dschungelbuch

Es ist schön, wenn man Künstler in der näheren Verwandtschaft hat. Denn dadurch kann man deren Arbeit von ziemlich Anfang an und über längere Zeit verfolgen. Angenehm, wenn einem auch gefällt, was besagter Verwandter macht. Es handelt sich in diesem meinem Fall um den Westschweizer Fotografen Yann Gross. Mir gefiel schon seine Arbeit über die verkitschte USA-Begeisterung aus dem Wallis (Horizonville) oder auch jene über Skateboard-Fahren in Uganda (Kitintale). Und deshalb möchte ich hier sein neustes Buch The Jungle Book besprechen.

Natürlich könnte besagter sehr erfolgsverwöhnter Cousin in meinem Fall jetzt denken, was ist das für eine billige Anbiederung, auf einem mehr als zweifelhaften Kulturblog, mit wenig Besuchern und ohne irgendeine Relevanz ausser für eine Gruppe von Dialektiknerds? Und hat damit natürlich Recht. Während diese Besucher wiederum denken könnten, muss der Saile schon wieder mit seiner Verwandtschaft angeben, womit sie wohl aus Erfahrung sprechen und auch Recht haben. (Immerhin ist ein anderer Onkel von mir… ok das lass ich jetzt weg.) Aber ich finde, die Fotos von Yann Gross haben eine solch direkte Poesie, dass sie und ein paar Gedanken zu ihnen ganz gut hierher passen. Trotzdem bin ich ohne Distanz und leider voll des Lobes.

In „The Jungle Book“ werden mittels Fotografie und kurzen Sätzen verschiedene Geschichten aus dem Amazonasgebiet erzählt. Dabei verfällt Gross weder ästhetisch noch inhaltlich in die üblichen Klischees, die man von dieser Gegend kennt. Es gelingt ihm mit seinen nüchternen Fotos einerseits die Exotik dieser Welt für unsere Augen zu betonen, anderseits ihre Ähnlichkeit zu uns zu thematisieren. Sei es über diese jungen Indigenas, welche in einfachsten Verhältnissen in der tiefsten Pampa leben, aber die Frisur des brasilianischen Fussballers Neymar nachahmen, oder wenn er in einfachen Bildern die Folgen der Goldgewinnung für die Natur zeigt. Mir gefällt diese Fähigkeit Nähe und Distanz sowohl inhaltlich wie auch ästhetisch nüchtern zu zeigen, ohne dabei einfache Wertungen zu ermöglichen.

Was ich mag an diesen Bilder, ist die Möglichkeit sie wirklich zu lesen, einer Geschichten in ihnen nachzuspüren, man kann durch sie durch spazieren und muss nicht wie bei einer definierten Geschichte einen Anfang und ein Ende festlegen. Es ist, als würden sie einen äusserlichen Rahmen setzen, in dem man selber denken kann, allerdings ohne sich in Allgemeinem zu verlaufen, eher als Inspiration zu Konkretem. Eine positive Fähigkeit von Bildern, die leider viel zu oft in plakativem Herzeigen ersäuft wird.  Und so funktioniert der ganze Bildband, welchen man immer wieder mal zur Hand nehmen kann, um darin zu stöbern.

Passend dazu gibt es eine grafisch ansprechende Landkarte des Amazonasgebietes, auf der man die verschiedenen Motive geographisch verorten kann. Auch hier wird die Möglichkeit zum Umherwandern suggeriert. Die Landkarte erinnert an Seekarten früherer Zeiten und damit daran, dass es immer noch etwas zu entdecken gibt, wenn denn der Blick nicht von Erwartbarem und Bekanntem, sondern von Offenheit geprägt ist.

Bei vielen anderen auch dokumentarisch-künstlerischen Arbeiten kommt es mir oft vor, dass die gezeigten und in Kunst verwursteten Objekte zwecks Verkauf als Kreativprodukt verarbeitet werden. Selbst wenn sie für sich mal Originale gewesen sein mögen, so werden sie durch ihre Darstellung zu Massenprodukten gestählt. Bei den Motiven von Yann Gross, und seien es selbst nur auf weissem Hintergrund abgebildete Fische, erscheint es mir genau umgekehrt, so dass er diesen wieder einen Wert gibt, ihnen wieder Originalität gibt durch ihre Darstellung und man dahinter eine Gegenstrategie zur alltäglichen Flut von Bildern erkennen mag, auch wenn man nicht durschaut, wie er es genau anstellt. Vielleicht ist es auch gar kein Trick, sondern bloss grosser Respekt vor der Welt, den Menschen und der Natur, welchen er in auf hohem handwerklichem Niveau gestaltete Bilder fasst.

Yann Gross: The Jungle Book
yanngross.com

Attack of the Weekly Links: X-Mas-Boogaloo

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Fantastic Man | Entdeckt via DRS 2 (Radio SRF 2 Kultur auf Neusprech): Dieses halbstündige Doku-Filmchen von Noisey erzählt von William Onyeabor, einem obskuren nigerianischen Musiker. Eine faszinierende Figur, dieser Onyeabor, und faszinierende Musik hat er gemacht. Hier ist der Track Fantastic Man.

Luigi Russolo | Apropos faszinierende Typen und Musik: Luigi Russolo war nicht nur ein futuristischer Maler (in dem Sinne, dass er dem Futurismus zugehörte, nicht in dem, dass er Roboter gemalt hat), sondern auch ein Soundtüftler, der mit Lärm (und selbstgebauten Instrumenten) komponierte. Das hört sich dann so an.
Letzthin hab ich mit der Liebsten ein Wochenende in Mailand verbracht, und dort waren wir unter anderem im Museo del Novecento, wo auch Russolos wohl bekanntestes Bild hängt: Autoritratto con teschi (zu Deutsch: „Selbstporträt mit Schädeln“). Und dieses Gemälde find ich ganz einfach voll knorke, nicht zuletzt, weil Russolo offensichtlich eine Menge Humor hatte.

Mix & Remix | Philippe Becquelin ist gestorben. Schöne Scheisse. Hier kann man nochmal in sein Schaffen hineingucken.

Notizen aus der Schule (NSFW) | Kollege Saile hat beim Konverter seine Unterrichtsnotizen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. In diesen findet man Geschichten von der Pflege und von Piraten. Merke: „Pflege des Zitronenstäbchens kann Klient sauer machen.“

Hm, jetzt gabs ja gar nichts zum Thema Weihnachten. Egal.

Fantastic Beasts and Where to Find Them: Gute Unterhaltung

Phantastische Tierwesen und wo sie zuhause sind ist ein 3D-Kinderfilm. Der Plot ist ziemlich hirnrissig, aber das ist vollkommen egal. Was zählt, sind die durch den 3D-Effekt hervorgehobenen fantasievollen Figuren. Zeitweise taucht man wirklich in eine andere Welt ein. Ein doch ziemlich seltener Vorgang in einer von Überfluss an jedweder Filme geprägten Zeit. Wie Zigarettenrauchen verlangt der Massenkonsum eigentlich eine gewisse Form der Distanz.

Der Vorteil von so 3D-Brillen ist natürlich, dass, sollte der Film mal langweilig sein, man zu seinem Nachbarn rüberschauen und lachen kann, da dieser aussieht wie eine Parodie der 80er-Jahre. Diese Sidesotry von Harry Potter handelt von einem jungen Mann, der mit einem Koffer voller seltsamer Wesen durch New York stolpert. Ein Festessen für die Augen, ohne grossen Anspruch. Und gerade deshalb sehr angenehm. Story zu banal für Distanz. Und es wäre ziemlich sinnlos hier jetzt zu beschreiben was man sieht, weil es bei diesem Film grad nur um Sehen geht.

Der Nachteil, einen 3D-Film zu schauen, liegt natürlich darin, dass man in eines dieser hässlichen Mulitplexkinos gehen muss. Ein Ort, an dem man nicht sein möchte. Jeder Centimeter ist Konsum. Jede Handlung führt nur zu Konsum. Kinokarte kaufen, reicht es noch für ein Bier an der Bar der Mausefalle oder doch nur für Käsenachos? Anstehen ja, Rumstehen nein. Rumstehen nur ein paar ältere Semester, die offensichtlich Lehrer sind und auf ihre Schüler warten, die draussen rauchen. Als Kind hätte ich mir nie vorstellen können, mit einer Rolltreppe zum Kinosaal zu fahren. Der Film beginnt nicht um 20 Uhr, sondern um 20:20, bis dahin Werbung vor allem für Lebensmittel aus heimischer Bioproduktion.

Ich will gar nicht mehr Relevanz aus diesem Machwerk zwingen wollen. Diese verzweifelte Überall-etwas-Finden, wo man was dazu vielleicht denken könnte, ist eh nur das kapitalistische Pressen, um aus „Scheisse Gold zu machen“, was bekanntlich fast nie gelingt, sondern nur die Verpackung mit gelber Alufolie. Ich persönlich schätzte gute Unterhaltung gerade deshalb, weil sie sehr, sehr selten ist. Vielleicht ist gute Unterhaltung auch echte Katharsis, weil entspanntes Eh-egal-Loslassen. Und nur weil der Putzraum sich oft in der Nähe der Klos befindet, wird das so oft verwechselt, wer weiss. Wer einen entspannten Kinoabend geniessen will, dem ist dieser Film zu empfehlen.

7 von 10 Zaubertierchen

Siehe auch Gregors Meinung zum Film

Attack of the Weekly Links: Courgette, Erdmann und Koran

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Preis der Schweizer Filmkritik | Der Schweizerische Verband der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten (SVFJ) — ja, ich gehöre auch zu der Bande — haben ihren jährlichen Preis für den besten schweizerischen, bzw. internationalen Film vergeben.
Bester Schweizer Film: Ma vie de Courgette
Bester internationaler Film: Toni Erdmann

1001 Koran | Bei Tsüri.ch haben sie über 1001 Koran im Neumarkt geschrieben. Es lohnt sich ja grad doppelt, beim Neumarkt hinzusehen, nachdem die Politik mit Budgetkürzungen strafend eingriff. Am Schluss machen die Künstler glatt noch Kunst, und das geht ja gar nicht.
Nur eines müssen sich alle Kulturjournalisten, angehende wie sonstige, endlich mal hinter die Ohren schreiben: Die Wendung „X gelingt Y“ gehört in den Giftschrank verschlossen (vorliegendes Beispiel: „Samuel Braun und Johannes Mittl gelingt es, Wirkung zu erzeugen“).
Und „funktionieren“ à la „Warum funktioniert dieser Abend?“ ist auch ganz doofes Kritikerdeutsch.

Sprechbehinderte Schüler

Die neuen Pisa-Resultate sind raus und die Ernüchterung ist gross. Schweizer SchülerInnen können zwar gut rechnen, aber schlecht lesen. Anscheinend hat ein nicht unerheblicher Teil unseres Nachwuchs Mühe mit dem Textverständnis.

Lilo Lätzsch, seit 1978 Sekundarlehrerin in der Stadt Zürich, erzählt: «Ich stelle oft fest, dass unsere Schüler zwar schön vorlesen können. Aber wenn sie das Blatt umdrehen müssen und erzählen sollen, was sie gerade gelesen haben, tun sie sich schwer.»
NZZ am Sonntag, 12.12.16

Das Pisa-Ergebnis bestätigt jene, die eh schon lange davon sprechen, dass die Jugend von heute weder schreiben noch lesen kann. Weil sie keine Bücher oder Zeitungen, sondern nur noch Facebook-Beiträge lesen. Weil sie keine Briefe mehr schreiben, sondern nur noch Whatsapp-Nachrichten.
Jetzt werden allerlei Gegenmassnahmen durchdiskutiert: Migrantenkinder in ihrer Muttersprache fördern. Eltern dazu anhalten, ihren Kindern vorzulesen. Den Pisa-Test in Frage stellen. Was man gegen die Leseschwäche machen soll oder kann, interessiert mich gar nicht so sehr, aber die oben zitierte Aussage, die Lamentos über die Lesefähigkeit der Jugend, sie alle erinnern mich an eine Stelle in Peter Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter von 1970, ein Buch, das ich gerade wieder einmal lese.

Da flüchtet, nachdem er eine Frau erwürgt hat, Bloch, der Protagonist, in ein unbedeutendes kleines Grenzdorf. Dort begegnet er eines Tages dem Schuldiener, der grad Holz hackt. Weil Bloch dem Schuldiener eine Frage stellt, haut dieser mit dem Beil daneben, so dass ein Holzscheit wegfliegt und ein Holzstoss zusammenfällt.

Aber es folgte nicht mehr darauf, als dass er den Schuldiener in die halbdunkle Holzhütte hinein fragte, ob es denn für alle Schulklassen nur dieses eine Schulzimmer gebe, und dass der Schuldiener antwortete, für alle Schulklassen gebe es nur dieses eine Schulzimmer.
Kein Wunder, dass die Kinder beim Schulaustritt noch nicht einmal reden gelernt hätten, sagte der Schuldiener plötzlich, indem er das Beil in den Hackklotz schlug und aus der Hütte trat: nicht einmal einen einzigen eigenen Satz könnten sie zu Ende sprechen, sie redeten miteinander fast nur in einzelnen Wörtern, ungefragt überhaupt nicht, und was sie lernten, sei nur Merkstoff, den sie auswendig gelernt heruntersagten; darüber hinaus seien sie zu ganzen Sätzen unfähig. „Eigentlich sind alle mehr oder weniger sprechbehindert“, sagte der Schuldiener.

Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970). Suhrkamp 2014, S. 94

Also bitte keine Panik wegen Pisa, Schüler waren immer schon dumm.