London #3: Die singenden Todsünden

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Das Barbican Centre ist ein architektonisches Ungetüm. Ein brutalistischer Albtraum. Ein Leviathan des Beton. 1982 eröffnet, handelt es sich dabei um ein Kulturzentrum mit Konzerthalle, Theater- und Kinosälen, Galerien, Bibliothek und so weiter. Angeblich das grösste seiner Art in ganz Europa. Ein schwindelerregender Anblick, wenn man sich ihm als kleines Menschlein nähert. Dazu führt der Weg zum Centre von der Underground-Station her durch eine lärmige, stinkende Strassenunterführung, was nur bedingt zu einer heimeligen Atmosphäre beiträgt.
Von innen wirkt das Barbican zum Glück um einiges gemütlicher, mit warmem Licht und Teppichböden. Wir gingen dorthin, um uns Hochkultur anzusehen (man kann ja nicht nur Musicals gucken). Die geschichtsträchtige Royal Shakespeare Company führte Doctor Faustus auf, nach Christopher Marlowe.

Auch wenn man im deutschen Sprachraum leicht dem Irrtum erliegen könnte, so war Goethe bei weitem nicht der erste Schriftsteller, der sich des Faust-Stoffes angenommen hatte. Schon früh kursierten Geschichten über den historischen Alchemisten und Wunderheiler Johann Georg Faust, der wohl um 1541 verstarb. Diese Geschichten wurden erstmals 1587 in einem Buch versammelt — dem sogenannten Volksbuch aus der Druckerei von Johann Spies (Historia von D. Johann Fausten). Selbiges war die Grundlage für die meisten Bearbeitungen, die danach kamen. So gab es ein Jahr nach der Veröffentlichung bereits eine englische Übersetzung, die wiederum Christopher Marlowe (1564-93) erst zu einer Ballade und dann eben zu einem Theaterstück verarbeitete: The Tragical History of Doctor Faustus.

Vergleicht man diese Version von Marlowe, der ja ein Zeitgenosse und Kollege Shakespeares war (die Geburtstage der beiden liegen nur zwei Monate auseinander), mit jener von Goethe, der beinahe zweihundert Jahre später kam, so kommt sie einem doch um einiges archaischer vor. Die Figuren und ihre Konflikte, der ganze Aufbau des Stücks erinnert an mittelalterliche bîspil und Heiligenlegenden.
Soll heissen: Die Figur Faust bewegt sich hier in der Tradition einer typischen Heiligenfigur. Ein gelehrter Mann, der zum persönlichen Gewinn einen Pakt mit dem Teufel eingeht, am Ende jedoch bereut, seine Seele weggegeben zu haben. Dazu werden die Themen des Stückes thesenartig ausgebreitet. So haben wir hier eine Episode, in der sich Faust in den Vatikan zaubern lässt – dort erweist sich der Papst als perverser Trunkenbold und Idiot. Ein Paradestück anglikanischer Propaganda (es war damals ja erst 60 Jahre her, dass Henry VIII die Trennung der englischen von der katholischen Kirche ausgerufen hatte).
Da hat Goethe seine Themen etwas subtiler und differenzierter verarbeitet. Dafür ist Marlowes Version witziger.

Ein weiterer zentraler Moment des Stücks ist der Auftritt der sieben Todsünden. Nacheinander treten sie auf und stellen sich vor. Die Szene ist etwas schematisch im Ablauf und repetitiv, aber die Regie machte das Beste daraus, nämlich eine Art Cabaret-Nummer mit durchgeknallten Kostümen und exaltiertem Spiel. (Ohne Musicaleinflüsse kann auch die englische Hochkultur nicht leben, so scheint es.) Zweifellos die unterhaltsamste Stelle dieser Inszenierung, die Spektakel und Effekt liebte.

Einen spannenden Dreh der Inszenierung erlebten wir ganz zu Anfang: Da traten Sandy Grierson und Oliver Ryan (die Darsteller des Faust und des Mephisto) gleichzeitig auf die Bühne, beide im selben Aufzug. Ihre Bewegungen spiegelnd, zündeten sie jeweils ein Streichholz an – die Reihenfolge, in der die Zündhölzer ausgingen, bestimmten, welcher Schauspieler für jenen Abend welche Rolle übernahm.
Doch so lustig das vom Spielprinzip her auch ist, so bin ich mir nicht ganz sicher, wieviel Sinn es macht, Faust und Mephisto als Doppelfigur anzulegen. Welche beiden Seiten welchen Phänomens verkörpern die beiden? Vom Text her scheinen mir die zwei weder diametral noch komplementär angelegt und zumindest ich fand in dieser Inszenierung keinen höheren Sinn in diesem Dreh. (Aber das bin ja nur ich.)
Kommt hinzu, dass nicht beide Schauspieler gleichermassen für beide Rollen geeignet sind. Oliver Ryan ist etwas kleiner und stämmiger, hat ein Raspeln in der Stimme und macht einen leicht verschlagenen Eindruck. Dagegen ist Sandy Grierson hochgewachsen, hat feinere Gesichtszüge und eine feinere Stimme. Als wir uns das Stück ansahen, gab Oliver Ryan den Mephisto, und er war schlicht perfekt in der Rolle. Dass die Rollenverteilung umgekehrt so gut funktioniert hätte, bezweifle ich. Der Trailer gibt ein Gefühl für die beiden Versionen (die erste ist die mit Ryan als Mephisto).

Wenn die Royal Shakespeare Company spielt, empfiehlt es sich, die Tickets lang genug im Voraus zu bestellen – auch an jenem Abend waren die Zuschauerränge bis auf den letzten Platz besetzt. Sympathisch war mir, dass das Barbican Theatre wenig versnobt ist – ich durfte mein Bier problemlos mit zum Sitzplatz nehmen und vor dem Eingang konnte man sich noch einen Snack kaufen. Versucht das mal im Pfauen.

Doctor Faustus
Von Christopher Marlowe
Regie: Maria Aberg
Royal Shakespeare Company
Barbican Theatre
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