„Handke ist überhaupt nicht weltabgewandt“

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Peter Handke formuliert einmal ein elftes Gebot: „Du sollst Zeit haben.“ Corinna Belz (Gerhard Richter – Painting) hat ihn während dreier Jahre mit der Kamera besucht, ihn beim Sticken und beim Pilzeschneiden beobachtet. Dazu erzählt sie von seinem Leben und seinem Schreiben. Ihr Film heisst Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte. (Hier gibts meine Filmkritik.) Frau Belz hat sich die Zeit genommen, über ihren Film zu sprechen, über unsere Abhängigkeit von der Technologie – und darüber, was es mit dem Filmtitel auf sich hat.

Corinna Belz

Studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Medien- wissenschaften in Köln, Zürich und Berlin. Abschlussarbeit über die Dokumentarfilme von Peter Nestler. Lebt heute in Köln. Arbeitete als Produzentin, Skripterin und Regisseurin, in erster Linie fürs Fernsehen. Ins Kino kam ihr Malerporträt Gerhard Richter – Painting (2011), das ihr den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm einbrachte.

Kulturmutant: Früh im Film sticht ein Satz von Handke heraus: „Ich bin in meinem Leben noch nie vor einem Computer gesessen.“ Er wirkt in vielerlei Hinsicht wie aus der Zeit gefallen.

Corinna Belz: Es kommt auf die Perspektive an. Ich seh in den Vorführungen viele Leute ab vierzig und älter, für die stammt Handke aus ihrer Zeit. Aber ich sehe auch junge Leute, für die er aus einer Zeit stammt, die jetzt wieder interessant wird. Weil ihnen die Sechzigerjahre zum Beispiel ein Gespür für Sprache und Geschichtenerzählen vermitteln, das in Auflösung begriffen ist. Was die Form anbelangt, ist Handke also nicht aus der Zeit gefallen.
Wenn man das auf seine Lebensweise bezieht, kann man das so sehen. Aber manchmal ist es auch schön, aus der Zeit zu fallen.

Immerhin verkörpert er eine Alternative zur heutigen Zeit, die bestimmt ist durch das Internet und den Computer. Handke schreibt nicht einmal auf einer Schreibmaschine, sondern von Hand.

Zurzeit nicht. Er hat ab Neunundachtzig eine dreijährige Weltreise gemacht. Er ist überwiegend ohne Schreibmaschine gereist, und so hat er angefangen, seine Bücher von Hand zu schreiben. Das wird auch im Film erzählt.
Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass wir noch gar nicht genau verstanden haben, wie sehr uns dieser technologische Fortschritt verändert. Wir haben vielleicht eine Ahnung, und das wird auch diskutiert oder beklagt von Eltern, deren Kinder jetzt die ganze Zeit mit ihrem iPhone beschäftigt sind. Aber uns ist noch gar nicht klar, was für Auswirkungen die neuen Technologien haben, wie abhängig wir werden und wie tief sie uns verändern. Es kann sein, dass sich unsere Sprache, wie sie jetzt als Schriftsprache existiert, auflöst, einfach deswegen, weil man anders kommuniziert und man auf das ganze Regelwerk, die Grammatik oder Zeichensetzung, überhaupt darauf, wie man Sätze baut, keinen Wert mehr legt.

Ich bin mir nicht sicher, ob es schlechter wird, aber es ist sicher eine andere Sprache. Jetzt habe ich wieder viel Handke gelesen, und seine Bücher enthalten eine Sprache, die man gar nicht mehr gewohnt ist. Er liest sich wie ein Schrifsteller aus dem 19. Jahrhundert.

Die grossen Schriftsteller bleiben ja. Goethe, Dostojewski oder Flaubert werden alles überdauern, auch diese technologische Revolution. Nur fragt sich, wieviele Leute mit dieser Sprache Kontakt haben und ihre Feinheiten zu schätzen wissen, die verstehen, was da für eine Verdichtung und Sensibilität zum Ausdruck kommt.
Man meint ja oft, Handke sei weltabgewandt, aber das ist er überhaupt nicht. Seine Hinwendung zu den alltäglichen Dingen ist ganz intensiv. Er wird halt nicht dauernd unterbrochen oder ist mit dem Kopf woanders. Nehmen Sie uns als Beispiel: Wenn wir uns jetzt unterhalten und ich würde gleichzeitig meine Emails lesen, so wäre ich gar nicht bei Ihnen.
Ich habe schon erlebt, dass ich im Kino sitze, plötzlich wird es neben mir hell und da seh ich, dass einer auf sein iPhone schaut. Das ist mir vollkommen fremd. Da bin ich empört, gerade wenn es mein Film ist (lacht). Der verpasst ja, was ich in neun Monaten Schnitt mühsam in diese verdichtete Form gebracht habe.

Und es ist ja nicht nur der Schnitt allein.

Ja, insgesamt habe ich vier Jahre am Film gearbeitet. Ich habe alle seine Bücher nochmal gelesen und recherchiert, habe Handke getroffen. Dann haben wir angefangen zu drehen, und wir haben noch gedreht, als ich schon im Schneideraum war. Und all das führte zu dieser Form.
Die Form ist das, was jemand für die anderen macht. Wenn ich recherchiere, dann hab ich ein Sammelsurium an Informationen und Quellen, aber das hat ja noch keine Form. Erst muss ich alles verarbeiten. Es ist, als würde man eine grosse Doktorarbeit schreiben, soviel Zeit, Energie und Wissen steckt in einem Dokumentarfilm. Das ist das Angebot, das man dem Publikum macht.

In Gerhard Richter – Painting zeigten Sie noch einen Künstler aus einer Welt von Bildern. Dagegen in Ihrem neuen Film jemandem, der in einer Welt der Sprache lebt.

Das war eine bewusste Entscheidung. Meine erste Leidenschaft war eigentlich das Lesen. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und da waren zuerst die Bücher. Erst später bin ich ins Kino. Diese alte Leidenschaft des Lesens mit dem Kino in Verbindung zu bringen, das schien mir eine schöne Aufgabe zu sein. Auch mit den besonderen Schwierigkeiten, weil Sprache ja abstrakt ist. Da kam die Überlegung, wie man das auf die Leinwanden bringen und mit Bildern verbinden könnte, so dass ein Gefühl für die Grammatik, das Sinnliche der Sprache oder für den Rhythmus entsteht. Rhythmus ist ganz wichtig.

So lassen Sie jetzt Handke seine Texte vorlesen. Ausserdem projizieren Sie die Wörter auf die Leinwand. Dazu kommt schliesslich der Einblick in Handkes Notizbücher. Die sind in farbiger Tinte geschrieben und voller Zeichnungen, das hat schon wieder etwas von Malerei. Wie sind Sie zu diesen Notizbüchern gekommen?

Am Anfang habe ich mir überlegt, dass es schön wäre, wenn der Zuschauer vom Betrachter zum Leser wird. Deshalb diese Idee, die Schrift in Auszügen über die ganze Leinwand laufen zu lassen. Das nehmen die Zuschauer im Kino auch dankbar an, dass sie so ganz im Text sein können.
Und dann habe ich während der Recherche die verschiedenen Archive besucht. Als ich im Deutschen Literaturarchiv Marbach war, war ich erstaunt, wie schön diese Notizbücher sind. Es gibt ja manche Bücher von ihm – Das Gewicht der Welt zum Beispiel kann man unbedingt empfehlen –, in denen werden in Auszügen seine Notizbücher veröffentlicht. Aber dass sie grafisch so schön sind, in diesen verschiedenen Farben – dazu verändert sich die Handschrift, daran kann man Stimmungen ablesen, sowie die vielen Zeichnungen – ich wusste nicht, dass das so oft ins Bildnerische geht.
Zudem hat er alles notiert. Seine Reisen, die vielen Orte, an denen er war, die Bücher, an denen er arbeitet. Auf der Innenseite der Deckel stehen oft Titel für Bücher, die er erst zehn Jahre später geschrieben hat. Es gibt dieses eine Notizbuch, das ist auch im Film zu sehen, in dem steht „Ein geglückter Tag“. Diesen Versuch über den geglückten Tag hat er erst acht, neun Jahre später geschrieben. Dieses im Werden begriffene Werk spürt man nirgendwo so stark wie in den Notizbüchern. Was er im Film sagt – „Es gibt nichts Unvergänglicheres als die immer werdende Sprache“ –, das ist in den Notizbüchern sichtbar.
Sie sind auch nicht zensiert, er hat da ganz frei notiert und sehr aufrichtig. Seine Lektüre, die Bücher, die er gelesen hat, sind dort ebenfalls festgehalten. Man könnte Wochen damit verbringen.
Es gibt eine Literaturwissenschafterin, Katharina Pektor, sie arbeitet an einem Projekt, die Notizbücher zu veröffentlichen, also die, die in Marbach liegen. Das älteste ist von Zweiundsiebzig, Dreiundsiebzig, und dann läuft das weiter bis Anfang der Neunziger.

Notizbücher gehen auch verloren mit dem Computer.

So ein Notizbuch hat etwas Haptisches, dort bildet sich das Denken im freien Fluss ab. Nach einer Vorführung sagte mal jemand zu mir: „Über die Schrifsteller von heute wird man so einen Film nicht mehr machen können, weil die Dokumente fehlen.“
Das fragt man sich ja manchmal: „Was bleibt von unserer Zeit übrig?“ Einsen und Nullen. Vielleicht noch Architektur.
Je stärker wir gefordert sind, mit der Technologie Schritt zu halten, umso mehr stellt sich die Frage, ob wir unsere Gewohnheiten nicht den Maschinen anpassen. Man sieht das schon in Charlie Chaplins Modern Times. Heute entkommt dem niemand, vor allen Dingen die Kinder nicht. Ich kann mir noch erlauben zu sagen: „Ich benutze kein Smartphone, weil ich auf Reisen nicht ständig meine Emails lesen will.“ Aber die Kinder, die damit aufwachsen, die haben schon dreissig Nachrichten aus ihrer Whatsapp-Gruppe, bevor sie in die Schule gehen. Eine Horrorvorstellung.

Ich selbst musste mir schliesslich auch so ein Gerät kaufen, für die Arbeit. Whatsapp habe ich aber stumm geschaltet, weil es einfach zu nervig wurde.

Und vor allem, was sind das für Nachrichten? Ich merke es ja: Wenn ich mal nur alle zwei Tage meine Emails lese, das reicht auch. Ich hab das Gefühl, es herrscht ein dauernder Belagerungszustand, der verhindert, dass man in eine bestimmte Stimmung kommt. Es gibt da Beispiele von Schriftstellern wie Miranda July: Wenn sie schreiben will, benutzt sie ein Programm, das „Freedom“ heisst. Da stellt man am Computer oder am Handy ein, dass man beispielsweise von neun bis vierzehn Uhr nicht ins Internet kann. Ich habe einen Tonmann, der macht das auch. Wenn er in einem Zug sitzt, stellt er das ein, damit er ungestört ein Buch lesen kann.

Darin steckt auch das Thema von der dauernden Erreichbarkeit.

Das ist ein Dauerstress. Ich kann mich erinnern, als ich studiert hab, da hing man noch Zettel an die Tür. Daher auch dieser Titel des Films: „Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte.“ Das war wirklich so. Wir kamen zu Handkes Anwesen und am Tor vor dem Garten hing dieser Zettel. Und dann hat man halt ein bisschen gewartet und sich Gedanken gemacht. Das ist doch auch was Schönes.

Auch als Person ist Handke spannend. Einerseits sieht man ihn als kontemplative Figur, einer, der die Ränder eines Gartenwegs mit Muschelschalen auslegt. Auf der anderen Seite sehen wir ihn als aufbrausenden Menschen. Wenn er sich zum Beispiel als junger Mann in England vor die Gruppe 47 stellt und die Kollegen als „läppische“ Schrifsteller beschimpft. Wie war er als Gesprächspartner? Eher schwierig im Umgang, oder einfach?

Das hat gewechselt, das war stimmungsabhängig. Manchmal war er sehr geduldig, das wird auch in dieser Szene mit dem Sticken deutlich. Da hat er so eine Aufmerksamkeit und eine Geduld mit dem Faden, den er durchs Nadelöhr zu stecken versucht. Das hat im Film natürlich eine metaphorische Bedeutung im Bezug darauf, wie man das richtige Wort findet.
Zugleich hat er diese Ungeduld und auch das Aufbrausende. Ich finde aber, das passt ganz gut zusammen. Jeder hat widersprüchliche Seiten. Gerade Menschen, die so zurückhaltend und scheu sind, haben manchmal dieses Temprament, das sich plötzlich Bahn bricht.
Wichtig ist, was er im Zusammenhang mit Princeton sagt: „Ich wollte mich immer behaupten.“ Darum geht es eigentlich. Wenn ein junger Mann aus dem Nichts kommt, vom Land, wie verschafft er sich eine Stimme? Wie erreicht er, dass die Sachen, die er geschrieben hat, überhaupt zur Kenntnis genommen werden? Es passiert häufig, dass jemand, der ganz sorgfältig arbeitet, damit untergeht. Das Sich-behaupten-Wollen bedeutet, dass man die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für diese Arbeit einfordert.
Am Anfang vom Film sagt Handke: „Ich bestehe auf meiner Rolle, ich bin der, der das macht.“ Damit beschreibt er auch die gesellschaftliche Rolle des Schriftstellers. Man könnte ja fragen: „Warum braucht man Schriftsteller? Warum braucht man denn überhaupt Kunst?“ Die Künstler und Schrifsteller übernehmen jedoch eine Arbeit, die nicht jeder in seinem Alltag übernehmen kann.

Handke spricht auch die politische Rolle des Schriftstellers an. Inwiefern die Zeit, in der er sich befindet, eine Rolle in seinem Werk spielen soll.

Ja, die Aktualität. Man hat als Schriftsteller etwas in sich, aber wie soll man das in Beziehung bringen zur aktuellen Situation? Darüber denkt er wohl immer nach, in dem, was er schreibt, aber auch in dem, was er liest. Zu der Zeit las er gerade Tolstois Auferstehung. In der Auseinandersetzung mit der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts stellte er die Frage nach dem Bezug auf seine heutige Arbeit. Der Film zeigt Handke ja auch als Leser. Er hat einmal gesagt: „Nicht der Dichter ist das Herz der Welt, sondern der Leser.“
Dann hat er wieder gefragt: „Was ist jetzt?“ Und was kann er jetzt in Literatur fassen? Deswegen sein Ludwig-Hohl-Zitat: „Phantasie ist nicht Gaukelei, sondern herzliche Erwärmung des Vorhandenen.“ Dass aus der Wahrnehmung der Wirklichkeit diese Fantasie, eine Fiktion entsteht – das ist ein komplizierter Prozess.

Apropos Lesen: Wann haben Sie selbst Handkes Texte entdeckt?

Während ich zur Schule gegangen bin, bin ich in ein entferntes Kino gefahren und habe den Film Falsche Bewegung gesehen, dazu hatte Handke das Drehbuch geschrieben. Anfang der Siebziger war das. Und dann habe ich Germanistik studiert, das heisst, ich habe ihn weiterhin gelesen. Damals war Handke noch ein Pop-Phänomen, alle haben seine Bücher gelesen, Die linkshändige Frau oder was gerade herauskam, fast jedes Jahr etwas Neues. Diese Produktivität habe ich auch versucht darzustellen, mit den Kamerafahrten über die Büchrücken. Das ist ein wichtiges Moment, weil darin soviel Erfahrung steckt.

Heute scheint der Handke-Kult ja eher abgeflacht zu sein.

Ich kann das gar nicht so genau einschätzen. Wenn jemand fünfzig Jahre schreibt, ist es wohl normal, dass es solche Schwankungen gibt. Und ich glaube, er hat versucht sich davon unabhängig zu machen. Denn wenn man als Schrifsteller ständig den Druck hat, das nächste Buch rauszubringen, das dann in die Bestsellerlisten kommt, wird man ja zur Schreib-Maschine (lacht). Er bedient sie nicht, diese ganze Maschine, die jeder, der Kunst macht oder der schreibt, immerzu bedienen müsste, um weiter im Aufmerksamkeits-Radar zu bleiben.

Hat er den fertigen Film eigentlich schon gesehen?

Nein, hat er noch nicht, glaube ich. Es war keine Bedingung, dass ich ihm den Film vor Veröffentlichung zeigen musste.

Dann wissen Sie also noch gar nicht, was er dazu meint.

Nein, das weiss ich noch nicht. Aber das wird dann noch kommen (lacht).

 

Peter Hande – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte.
Deutschland 2016, 98 Min.
Regie & Buch: Corinna Belz

 

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