Jack Reacher: Nur echt mit Herzog

Diese Woche lief Jack Reacher: Never Go Back in den Zürcher Kinos an. Ich verkneife mir das offensichtliche Wortspiel (das haben schon genug Leute gemacht), aber es stimmt: Niemand sollte seine Zeit mit diesem Sequel verschwenden. Nehmen wir uns lieber einen Moment, um auf den ziemlich guten ersten Teil zurückzublicken.

jackreacherherzog

Erst letztens habe ich mich über das amerikanische Oldboy-Remake echauffiert. Jenes litt zu einem guten Teil darunter, dass der Bösewicht ein Würstchen war. Ein verheerender Umstand bei einer Geschichte, die sich doch gerade um den Kampf von Gut gegen Böse dreht. Eine solche Geschichte kann nur so gut sein wie der Bösewicht, den der Held überwinden muss. Man führe sich vor Augen: Kein Mensch würde heute von Star Wars reden, wäre Darth Vader nicht gewesen. Handkehrum sind schwache Bösewichte regelmässig ein Kritikpunkt – so auch bei Jack Reacher: Never Go Back.

Ganz anders war das beim ersten Teil von 2012, simplerweise noch Jack Reacher getauft. Dort gab niemand Geringeres als Werner Herzog den Oberschurken. Eine ebenso überraschende wie geniale Castingwahl.

Herzog tritt ja überhaupt nur selten in Filmen auf (wenn, dann meist als Erzähler in seinen eigenen Dokumentarfilmen), zudem ist er durch und durch ein Arthouse-Regisseur, der nur wenig mit Hollywood zu tun hat (sein Bad Lieutenant-Remake mit Nicolas Cage dürfte sein mainstream-affinstes Projekt gewesen sein, und schon der Film war deutlich zu schräg für ein Durchschnittspublikum).
Aber Herzog hat eben auch ein unglaubliches Charisma und eine tolle Stimme – die erwähnten Doku-Kommentare sind Kult, nicht zuletzt wegen seinem schweren deutschen Akzent.

Jack Reacher nutzt das aus: Wenn wir Herzog als „der Zec“ das erste Mal sehen, so hält dieser einen langen Monolog darüber, wie er sich als Gefangener in Siberien die Finger abgenagt hat, um Gefrierschäden zuvorzukommen, bzw. der Arbeit in den Schwefelminen zu entgehen. Das erzählt er einem Handlanger, der sich einen Fehler geleistet hat. Der Zec droht daraufhin, ihn töten zu lassen. Ausser, er opfert die Finger seiner linken Hand.
Handlanger: „Haben Sie … haben Sie ein Messer für mich?“
Der Zec: „Hatte ich denn ein Messer in Siberien?“

Der Zec ist der skrupellose Anführer einer Gangsterbande. Seine rechte Hand ist der Super-Sniper Charlie (Jai Courtney). Im Auftrag seines Chefs erschiesst Charlie fünf Leute. Den scheinbar zufälligen Mehrfachmord hängen die Gangster James Barr (Joseph Sikora) an, einem ehemaligen Militärschützen. Dieser wiederum ruft Jack Reacher (Tom Cruise) auf den Plan, seinerseits ein ehemaliger Militärermittler, der mit ihm im Irakkrieg zu tun hatte. Reacher wundert sich, warum der Angeklagte ausgerechnet nach ihm verlangt hat, ebenso wie Barrs Anwältin Helen Rodin (Rosamund Pike). Reacher hat jedenfalls keine grossen Sympathien für Barr übrig und glaubt zunächst an die Theorie eines simplen Amoklaufs.
Doch auf Rodins Insitieren hin schaut sich Reacher die Sache genauer an – und tatsächlich, bald stösst er auf Ungereimtheiten, die ihn schliesslich auf die Spur des Zec führen.

Einziger Wehrmutstropfen an der ganzen Sache: Der Zec findet kein würdiges Ende. Hier rächt sich, dass Tom Cruise Produzent und Hauptdarsteller des Filmes ist. Denn der kleine Mann hat nunmal ein gigantisches Ego. Sein Jack Reacher ist nicht nur der beste Detektiv der Welt, sondern auch im Nahkampf und als Schütze unbesiegbar. Ausserdem bekommt jede Frau weiche Knie, sobald sie flüchtig ein Auge auf ihn legt.
Und dann diese ganzen Dialogzeilen, die cool klingen sollen, aber bloss doof sind. Da quatscht ihn beispielsweise ein Typ in einer Bar blöd von der Seite an, weil Reacher seine Schwester beleidigt habe, und fordert ihn zum Kampf auf.
„He. Draussen.“
„Bezahl erst deine Rechnung.“
„Mach ich nahher.“
„Wirst du nicht können.“
„Denkst du?“
„Ständig. Solltest es auch mal probieren.“

Jesses. Cruises Ego-Masturbation wird jedenfalls bald ermüdend. Und eben, er kann keinesfalls zulassen, dass der Bösewicht am Ende einen echten Stich gegen seinen Reacher hätte.

Wenn Jack Reacher ein guter Film ist, dann also nicht wegen Cruise, sondern trotz Cruise. Und neben Werner Herzog können wir vor allem Christopher McQuarrie danken. Bekannt wurde McQuarrie als Drehbuchautor von The Usual Suspects (1995), mit Tom Cruise arbeitete erstmals bei Valkyrie (2008) zusammen. Für Jack Reacher hat er nicht nur Lee Childs Roman adaptiert, sondern auch gleich Regie geführt – und er hat dabei unter Beweis gestellt, dass er ein kreativer Kopf ist. So kommen die ersten zehn Minuten des Filmes, also der Amoklauf und die Verhaftung von Barr, gänzlich ohne Dialoge aus.
Darüber hinaus hat McQuarrie immer wieder spannende Bildeinfälle. Als Barr erstmals vernommen wird, steht ihm der ermittelnde Polizist gegenüber und zeigt ihm Fotos vom Tatort. Daraufhin setzt sich dieser Polizist hin, so dass hinter ihm ein weiterer Mann zum Vorschein kommt – der Staatsanwalt. Bis dahin waren wir uns als Zuschauer gar nicht bewusst, dass er sich mit im Raum befand.
Der Film ist voll mit gewitzten kleinen inszenatorischen Momenten dieser Art, die einem womöglich nicht einmal auffallen. Aber man merkt, dass sich da jemand Mühe gegeben hat.
(Später hat McQuarrie bei Mission Impossible: Rogue Nation Regie geführt, meinem Lieblingsteil der Reihe. Mehr dazu hier.)

Bei Jack Reacher: Never Go Back ist das nicht mehr so. Im Vergleich zu Christopher McQuarrie erscheint Edward Zwick (The Last Samurai) als routinierter, aber einfallsloser Handwerker. Er liefert Dutzendware ab, die man sich ebensogut auf Netflix angucken kann. Tödliche Folge: Obwohl die Fortsetzung kürzer ist als der erste Teil, kommt sie einem doppelt so lange vor.
Für Jack Reacher: Never Go Back spricht eigentlich nur das Setting fürs Finale: New Orleans während Halloween. Gerade die grosse Halloween-Parade ist ein spannender Hintergrund. Allerdings musste ich die ganze Zeit an Spectre denken: Der spektakuläre Auftakt des Bond-Films findet ja während des Dia de Los Muertos in Mexiko City statt. Da gibt es einige Parallelen. Doch mit Bond kann Reacher nun wirklich nicht mithalten. So sehr sich das Tom Cruise auch wünscht.
Sollte es je einen Bondfilm mit Werner Herzog als Bösewicht geben – dann hätten wir ein echtes Meisterwerk.

Jack Reacher
USA 2012, 130 Min.
Regie: Christopher McQuarrie
Drehbuch: Christopher McQuarrie (nach dem Roman One Shot von Lee Child)
Mit Tom Cruise, Rosamund Pike, Werner Herzog, Jai Courtney, Robert Duvall, Richard Jenkins, David Oyelowo, Joseph Sikora et al.
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