Dogville im Schauspielhaus Zürich

dogvilleb03 Illustration: Gregor Schenker

Die Vorlage könnte aktueller nicht sein. Da kommt eine Frau in ein kleines Städtchen und bittet um Schutz und Unterkunft. Wovon sie flieht und ob sie gute Absichten hat, weiss niemand. Um sie zu testen, wird ihr zunächst zwei Wochen provisorisch Unterkunft gewährt, dann will die Gemeinschaft darüber entscheiden, ob sie länger bleiben darf. Als Zeichen ihres guten Willens, hilft sie den Bewohnern von Dogville bei ihrer täglichen Arbeit. Im heutigen Jargon würde man sagen, dass sie sich so gut wie es geht zu integrieren versucht, um eine definitive Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus zu erhalten. Die Gastfreundschaft (Willkommenskultur?) des Dorfes schlägt aber ziemlich schnell in Gewalt und Ausbeutung um.

Lars Van Triers Spielfilm aus dem Jahr 2003 zeichnet ein düsteres Bild des Menschen. Obwohl der Film in den Rocky Mountains und in den 30er-Jahren spielt, erinnert er uns heute mühelos an brennende Flüchtlingsheime und an schreiende „besorgte Bürger“. Der Film erlangte auch wegen seiner speziellen Machart Bekanntheit: Die Häuser Dogvilles sind mit weisser Kreide auf eine schwarze bühnenähnliche Fläche eingezeichnet, auf jegliche Illusion wird verzichtet. Van Trier soll sich dazu unter anderem von Bertolt Brechts epischem Theater inspiriert haben lassen.

Wie soll man eine solche Vorlage, die bereits im Original theatrale Mittel nutzt, auf einer eigentlichen Bühne umsetzen? Im Pfauen steht kein gezeichnetes Dorf, sondern die Handlung spielt in einem an einen Container oder Frachtschiff erinnernden Bühnenbild. Es bietet eine Vielzahl an Leitern, Luken und Vorsprüngen, welche die Stadtbewohner wie selbstverständlich umturnen. Das führt dazu, dass die Einheimischen gerade zu Beginn einen sehr verspielten und athletischen Wesenszug bekommen und dadurch auch eine ironische Distanz zu ihren Figuren. Es wird allgemein viel getanzt in diesem Dogville, beispielsweise im Gleichschritt an den Dorfversammlungen oder wenn zu Beginn jeder Stadtbewohner mit einem eigenen Song vorgestellt wird.

Zusätzlich erzeugt ein Solomusiker (Michael Verhovec), der zusammen mit seinen Instrumenten sichtbar in einer Nische sitzt, Geräusche und Stimmung. Der als Schauspieler anwesende Erzähler (Nils Kahnwald) gibt ihm dazu das Kommando und bestimmt so die Atmosphäre der Szenen. Dieser Erzähler, welcher gleichzeitig auch noch kleinere Rollen übernimmt, beispielsweise den Wachhund Moses, schaut dem Treiben zu und kommentiert es. „Das war nicht die Schuld von Dogville. Aber so war es nun mal“, sagt er einmal. Auch die anderen Stadtbewohner sprechen hin und wieder über sich selbst in der dritten Person. Das schafft einen zusätzlichen Abstand zur Handlung, rückt Dogville noch weiter vom Zuschauer weg und lässt selten Identifikation mit einer Figur zu.

Regisseur Stephan Kimmig übersetzt den Stoff nicht ins heutige Europa und überlässt die Übersetzungsleistung dem Zuschauer. Die spielerische und erzählerische Distanzierung hilft dabei nicht. Zwar strotzt die Inszenierung vor Spielfreude und szenischen Ideen, lässt uns den Kopf schütteln über die Thematik, aber so ratlos zurück wie wenn wir in den Nachrichten Flüchtlingsheime brennen sehen.

Der Vorhang ist zu, viele Fragen bleiben offen. Dabei wären gerade jetzt Antworten gefragt, aber die kann und will das Theater nicht geben, oder?

 
Nächste Vorstellung am 7.11.
Dogville auf der Schauspielhaus-Seite

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