Attack of the Weekly Links: Schnaps, Langstrasse, Kanon

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Potcheen oder Poitín? Wenns um Alkohol geht, diskriminiere ich normalerweise nicht. Aber der irische Potscheen dürfte so ziemlich die ekelhafteste Plörre sein, die mir jemals untergekommen ist. Nun hat Kollege Albrecht von der Gruppe Konverter in seinen Montagsgedanken über die theoretischen Folgerungen des Gesöffs geschrieben.

Die unbekannte Langstrasse: David Sarasin hat für den Tagi einen alten Dokumentarfilm über die Langstrasse ausgebuddelt. Hier kann man sich das Ding auf der YouTube-Seite vom Schweizer Fernsehen angucken. Unbedingt empfehlenswert.

Bitte mehr Verbindlichkeit! Der Germanist Björn Hayer hat für die NZZ über Literaturkritik und Kanon geschrieben. Es brauche weniger Pluralismus in der Kritik und dafür mehr normative Poetik, die sich in einem festgelegten Kanon ausdrückt. Wie genau Hayer die Zeit um hundert Jahre zurückdrehen will, erklärt er leider nicht.
(Mir persönlich erscheint übrigens gerade Pluralismus als grösste Chance für eine Kritiklandschaft, die doch eigentlich ziemlich eintönig daherkommt, weil selbst der durchschnittliche Online-Kommentator – den Hayer mit professioneller Arroganz abwatscht – dieselben altgewohnten Schemata kopiert, die in allgemeiner Sichtweise zu einer „richtigen Kritik“ gehören. Aber die Diskussion betrifft eine andere Ebene.)

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London #3: Die singenden Todsünden

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Das Barbican Centre ist ein architektonisches Ungetüm. Ein brutalistischer Albtraum. Ein Leviathan des Beton. 1982 eröffnet, handelt es sich dabei um ein Kulturzentrum mit Konzerthalle, Theater- und Kinosälen, Galerien, Bibliothek und so weiter. Angeblich das grösste seiner Art in ganz Europa. Ein schwindelerregender Anblick, wenn man sich ihm als kleines Menschlein nähert. Dazu führt der Weg zum Centre von der Underground-Station her durch eine lärmige, stinkende Strassenunterführung, was nur bedingt zu einer heimeligen Atmosphäre beiträgt.
Von innen wirkt das Barbican zum Glück um einiges gemütlicher, mit warmem Licht und Teppichböden. Wir gingen dorthin, um uns Hochkultur anzusehen (man kann ja nicht nur Musicals gucken). Die geschichtsträchtige Royal Shakespeare Company führte Doctor Faustus auf, nach Christopher Marlowe.

Auch wenn man im deutschen Sprachraum leicht dem Irrtum erliegen könnte, so war Goethe bei weitem nicht der erste Schriftsteller, der sich des Faust-Stoffes angenommen hatte. Schon früh kursierten Geschichten über den historischen Alchemisten und Wunderheiler Johann Georg Faust, der wohl um 1541 verstarb. Diese Geschichten wurden erstmals 1587 in einem Buch versammelt — dem sogenannten Volksbuch aus der Druckerei von Johann Spies (Historia von D. Johann Fausten). Selbiges war die Grundlage für die meisten Bearbeitungen, die danach kamen. So gab es ein Jahr nach der Veröffentlichung bereits eine englische Übersetzung, die wiederum Christopher Marlowe (1564-93) erst zu einer Ballade und dann eben zu einem Theaterstück verarbeitete: The Tragical History of Doctor Faustus.

Vergleicht man diese Version von Marlowe, der ja ein Zeitgenosse und Kollege Shakespeares war (die Geburtstage der beiden liegen nur zwei Monate auseinander), mit jener von Goethe, der beinahe zweihundert Jahre später kam, so kommt sie einem doch um einiges archaischer vor. Die Figuren und ihre Konflikte, der ganze Aufbau des Stücks erinnert an mittelalterliche bîspil und Heiligenlegenden.
Soll heissen: Die Figur Faust bewegt sich hier in der Tradition einer typischen Heiligenfigur. Ein gelehrter Mann, der zum persönlichen Gewinn einen Pakt mit dem Teufel eingeht, am Ende jedoch bereut, seine Seele weggegeben zu haben. Dazu werden die Themen des Stückes thesenartig ausgebreitet. So haben wir hier eine Episode, in der sich Faust in den Vatikan zaubern lässt – dort erweist sich der Papst als perverser Trunkenbold und Idiot. Ein Paradestück anglikanischer Propaganda (es war damals ja erst 60 Jahre her, dass Henry VIII die Trennung der englischen von der katholischen Kirche ausgerufen hatte).
Da hat Goethe seine Themen etwas subtiler und differenzierter verarbeitet. Dafür ist Marlowes Version witziger.

Ein weiterer zentraler Moment des Stücks ist der Auftritt der sieben Todsünden. Nacheinander treten sie auf und stellen sich vor. Die Szene ist etwas schematisch im Ablauf und repetitiv, aber die Regie machte das Beste daraus, nämlich eine Art Cabaret-Nummer mit durchgeknallten Kostümen und exaltiertem Spiel. (Ohne Musicaleinflüsse kann auch die englische Hochkultur nicht leben, so scheint es.) Zweifellos die unterhaltsamste Stelle dieser Inszenierung, die Spektakel und Effekt liebte.

Einen spannenden Dreh der Inszenierung erlebten wir ganz zu Anfang: Da traten Sandy Grierson und Oliver Ryan (die Darsteller des Faust und des Mephisto) gleichzeitig auf die Bühne, beide im selben Aufzug. Ihre Bewegungen spiegelnd, zündeten sie jeweils ein Streichholz an – die Reihenfolge, in der die Zündhölzer ausgingen, bestimmten, welcher Schauspieler für jenen Abend welche Rolle übernahm.
Doch so lustig das vom Spielprinzip her auch ist, so bin ich mir nicht ganz sicher, wieviel Sinn es macht, Faust und Mephisto als Doppelfigur anzulegen. Welche beiden Seiten welchen Phänomens verkörpern die beiden? Vom Text her scheinen mir die zwei weder diametral noch komplementär angelegt und zumindest ich fand in dieser Inszenierung keinen höheren Sinn in diesem Dreh. (Aber das bin ja nur ich.)
Kommt hinzu, dass nicht beide Schauspieler gleichermassen für beide Rollen geeignet sind. Oliver Ryan ist etwas kleiner und stämmiger, hat ein Raspeln in der Stimme und macht einen leicht verschlagenen Eindruck. Dagegen ist Sandy Grierson hochgewachsen, hat feinere Gesichtszüge und eine feinere Stimme. Als wir uns das Stück ansahen, gab Oliver Ryan den Mephisto, und er war schlicht perfekt in der Rolle. Dass die Rollenverteilung umgekehrt so gut funktioniert hätte, bezweifle ich. Der Trailer gibt ein Gefühl für die beiden Versionen (die erste ist die mit Ryan als Mephisto).

Wenn die Royal Shakespeare Company spielt, empfiehlt es sich, die Tickets lang genug im Voraus zu bestellen – auch an jenem Abend waren die Zuschauerränge bis auf den letzten Platz besetzt. Sympathisch war mir, dass das Barbican Theatre wenig versnobt ist – ich durfte mein Bier problemlos mit zum Sitzplatz nehmen und vor dem Eingang konnte man sich noch einen Snack kaufen. Versucht das mal im Pfauen.

Doctor Faustus
Von Christopher Marlowe
Regie: Maria Aberg
Royal Shakespeare Company
Barbican Theatre

Attack of the Weekly Links: Spiel, Dunkelheit und Humor

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Comic-Collab: Ich habe einen Comic zum Thema „Spiel“ gezeichnet.

Die Dunkelheit dahinter: Kollege Albrecht hat drüben bei der Gruppe Konverter einen tollen Kurztext veröffentlicht.

Humorkritik: Hier gibts die Titanic-Humorkritik im November. Unter anderem gehts um Woody Allens neuen Film und um Wittgensteins Humor.

„Handke ist überhaupt nicht weltabgewandt“

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Peter Handke formuliert einmal ein elftes Gebot: „Du sollst Zeit haben.“ Corinna Belz (Gerhard Richter – Painting) hat ihn während dreier Jahre mit der Kamera besucht, ihn beim Sticken und beim Pilzeschneiden beobachtet. Dazu erzählt sie von seinem Leben und seinem Schreiben. Ihr Film heisst Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte. (Hier gibts meine Filmkritik.) Frau Belz hat sich die Zeit genommen, über ihren Film zu sprechen, über unsere Abhängigkeit von der Technologie – und darüber, was es mit dem Filmtitel auf sich hat.

Corinna Belz

Studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Medien- wissenschaften in Köln, Zürich und Berlin. Abschlussarbeit über die Dokumentarfilme von Peter Nestler. Lebt heute in Köln. Arbeitete als Produzentin, Skripterin und Regisseurin, in erster Linie fürs Fernsehen. Ins Kino kam ihr Malerporträt Gerhard Richter – Painting (2011), das ihr den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm einbrachte.

Kulturmutant: Früh im Film sticht ein Satz von Handke heraus: „Ich bin in meinem Leben noch nie vor einem Computer gesessen.“ Er wirkt in vielerlei Hinsicht wie aus der Zeit gefallen.

Corinna Belz: Es kommt auf die Perspektive an. Ich seh in den Vorführungen viele Leute ab vierzig und älter, für die stammt Handke aus ihrer Zeit. Aber ich sehe auch junge Leute, für die er aus einer Zeit stammt, die jetzt wieder interessant wird. Weil ihnen die Sechzigerjahre zum Beispiel ein Gespür für Sprache und Geschichtenerzählen vermitteln, das in Auflösung begriffen ist. Was die Form anbelangt, ist Handke also nicht aus der Zeit gefallen.
Wenn man das auf seine Lebensweise bezieht, kann man das so sehen. Aber manchmal ist es auch schön, aus der Zeit zu fallen.

Immerhin verkörpert er eine Alternative zur heutigen Zeit, die bestimmt ist durch das Internet und den Computer. Handke schreibt nicht einmal auf einer Schreibmaschine, sondern von Hand.

Zurzeit nicht. Er hat ab Neunundachtzig eine dreijährige Weltreise gemacht. Er ist überwiegend ohne Schreibmaschine gereist, und so hat er angefangen, seine Bücher von Hand zu schreiben. Das wird auch im Film erzählt.
Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass wir noch gar nicht genau verstanden haben, wie sehr uns dieser technologische Fortschritt verändert. Wir haben vielleicht eine Ahnung, und das wird auch diskutiert oder beklagt von Eltern, deren Kinder jetzt die ganze Zeit mit ihrem iPhone beschäftigt sind. Aber uns ist noch gar nicht klar, was für Auswirkungen die neuen Technologien haben, wie abhängig wir werden und wie tief sie uns verändern. Es kann sein, dass sich unsere Sprache, wie sie jetzt als Schriftsprache existiert, auflöst, einfach deswegen, weil man anders kommuniziert und man auf das ganze Regelwerk, die Grammatik oder Zeichensetzung, überhaupt darauf, wie man Sätze baut, keinen Wert mehr legt.

Ich bin mir nicht sicher, ob es schlechter wird, aber es ist sicher eine andere Sprache. Jetzt habe ich wieder viel Handke gelesen, und seine Bücher enthalten eine Sprache, die man gar nicht mehr gewohnt ist. Er liest sich wie ein Schrifsteller aus dem 19. Jahrhundert.

Die grossen Schriftsteller bleiben ja. Goethe, Dostojewski oder Flaubert werden alles überdauern, auch diese technologische Revolution. Nur fragt sich, wieviele Leute mit dieser Sprache Kontakt haben und ihre Feinheiten zu schätzen wissen, die verstehen, was da für eine Verdichtung und Sensibilität zum Ausdruck kommt.
Man meint ja oft, Handke sei weltabgewandt, aber das ist er überhaupt nicht. Seine Hinwendung zu den alltäglichen Dingen ist ganz intensiv. Er wird halt nicht dauernd unterbrochen oder ist mit dem Kopf woanders. Nehmen Sie uns als Beispiel: Wenn wir uns jetzt unterhalten und ich würde gleichzeitig meine Emails lesen, so wäre ich gar nicht bei Ihnen.
Ich habe schon erlebt, dass ich im Kino sitze, plötzlich wird es neben mir hell und da seh ich, dass einer auf sein iPhone schaut. Das ist mir vollkommen fremd. Da bin ich empört, gerade wenn es mein Film ist (lacht). Der verpasst ja, was ich in neun Monaten Schnitt mühsam in diese verdichtete Form gebracht habe.

Und es ist ja nicht nur der Schnitt allein.

Ja, insgesamt habe ich vier Jahre am Film gearbeitet. Ich habe alle seine Bücher nochmal gelesen und recherchiert, habe Handke getroffen. Dann haben wir angefangen zu drehen, und wir haben noch gedreht, als ich schon im Schneideraum war. Und all das führte zu dieser Form.
Die Form ist das, was jemand für die anderen macht. Wenn ich recherchiere, dann hab ich ein Sammelsurium an Informationen und Quellen, aber das hat ja noch keine Form. Erst muss ich alles verarbeiten. Es ist, als würde man eine grosse Doktorarbeit schreiben, soviel Zeit, Energie und Wissen steckt in einem Dokumentarfilm. Das ist das Angebot, das man dem Publikum macht.

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Attack of the Weekly Links: Buddelfisch-Zeugs und die Natur der Satire

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Comic-Jam-Wandkalender: Letzthin zeichnete ich ja am Comic Jam von diedruckerei.de teil (letzte Folge). Nun kann man sich Last Minute Hero als Kalender kaufen. Der Erlös geht sogar an einen guten Zweck, nämlich ans Refugio München.

Buddelfisch Funk, Folge 12: Vor einer Weile sprach ich mit Sebastian und Dirk vom Buddelfisch über Satire und was sie denn darf. Jetzt kann man sich das als Podcast anhören. Die Aufnahmen entstanden schon vor einer Weile, noch unter dem Einfluss des Anschlages auf die Charlie-Hebdo-Redaktion, sind aber immer noch halbwegs aktuell, würd ich mal behaupten.
Im Übrigens möchte ich alle Folgen des Buddelfisch-Funks empfehlen — insbesondere aber Folge 5: Kreisch, wenn der Krake Kraucht, wo mein perverser Schweizer Akzent hilariöse Nutzung findet.

The Limitations of Punching Up: Apropos Satire: Es heisst ja immer wieder, dass gute Satire sich über die Mächtigen lustig macht, nicht die Unterdrückten, dass gute Satire nach oben tritt, nicht nach unten. Gladstone hat einen Artikel geschrieben, in dem er diese Sichtweise hinterfragt. Der Mann gehört zu den besten Schreibern auf Cracked und hat schon mehrfach über die Natur von Satire geschrieben.
Kurzfassung: Satire, die nur nach oben tritt, lässt sich vereinnahmen. Gute Satire kritisiert beide Seiten gleichermassen. Denn „for satire to be satire it must attack not mere identity but actual vice and illogic“. Und die finden sich überall, nicht nur bei den Mächtigen.

delirium n°7 Die Beiträge der aktuellen delirium-Ausgabe sind jetzt allesamt online. Wer aber wirklich cool ist, holt sich ein gedrucktes Exemplar – dafür gibts ja auch Abos.

Jack Reacher: Nur echt mit Herzog

Diese Woche lief Jack Reacher: Never Go Back in den Zürcher Kinos an. Ich verkneife mir das offensichtliche Wortspiel (das haben schon genug Leute gemacht), aber es stimmt: Niemand sollte seine Zeit mit diesem Sequel verschwenden. Nehmen wir uns lieber einen Moment, um auf den ziemlich guten ersten Teil zurückzublicken.

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Erst letztens habe ich mich über das amerikanische Oldboy-Remake echauffiert. Jenes litt zu einem guten Teil darunter, dass der Bösewicht ein Würstchen war. Ein verheerender Umstand bei einer Geschichte, die sich doch gerade um den Kampf von Gut gegen Böse dreht. Eine solche Geschichte kann nur so gut sein wie der Bösewicht, den der Held überwinden muss. Man führe sich vor Augen: Kein Mensch würde heute von Star Wars reden, wäre Darth Vader nicht gewesen. Handkehrum sind schwache Bösewichte regelmässig ein Kritikpunkt – so auch bei Jack Reacher: Never Go Back.

Ganz anders war das beim ersten Teil von 2012, simplerweise noch Jack Reacher getauft. Dort gab niemand Geringeres als Werner Herzog den Oberschurken. Eine ebenso überraschende wie geniale Castingwahl.

Herzog tritt ja überhaupt nur selten in Filmen auf (wenn, dann meist als Erzähler in seinen eigenen Dokumentarfilmen), zudem ist er durch und durch ein Arthouse-Regisseur, der nur wenig mit Hollywood zu tun hat (sein Bad Lieutenant-Remake mit Nicolas Cage dürfte sein mainstream-affinstes Projekt gewesen sein, und schon der Film war deutlich zu schräg für ein Durchschnittspublikum).
Aber Herzog hat eben auch ein unglaubliches Charisma und eine tolle Stimme – die erwähnten Doku-Kommentare sind Kult, nicht zuletzt wegen seinem schweren deutschen Akzent.

Jack Reacher nutzt das aus: Wenn wir Herzog als „der Zec“ das erste Mal sehen, so hält dieser einen langen Monolog darüber, wie er sich als Gefangener in Siberien die Finger abgenagt hat, um Gefrierschäden zuvorzukommen, bzw. der Arbeit in den Schwefelminen zu entgehen. Das erzählt er einem Handlanger, der sich einen Fehler geleistet hat. Der Zec droht daraufhin, ihn töten zu lassen. Ausser, er opfert die Finger seiner linken Hand.
Handlanger: „Haben Sie … haben Sie ein Messer für mich?“
Der Zec: „Hatte ich denn ein Messer in Siberien?“

Der Zec ist der skrupellose Anführer einer Gangsterbande. Seine rechte Hand ist der Super-Sniper Charlie (Jai Courtney). Im Auftrag seines Chefs erschiesst Charlie fünf Leute. Den scheinbar zufälligen Mehrfachmord hängen die Gangster James Barr (Joseph Sikora) an, einem ehemaligen Militärschützen. Dieser wiederum ruft Jack Reacher (Tom Cruise) auf den Plan, seinerseits ein ehemaliger Militärermittler, der mit ihm im Irakkrieg zu tun hatte. Reacher wundert sich, warum der Angeklagte ausgerechnet nach ihm verlangt hat, ebenso wie Barrs Anwältin Helen Rodin (Rosamund Pike). Reacher hat jedenfalls keine grossen Sympathien für Barr übrig und glaubt zunächst an die Theorie eines simplen Amoklaufs.
Doch auf Rodins Insitieren hin schaut sich Reacher die Sache genauer an – und tatsächlich, bald stösst er auf Ungereimtheiten, die ihn schliesslich auf die Spur des Zec führen.

Einziger Wehrmutstropfen an der ganzen Sache: Der Zec findet kein würdiges Ende. Hier rächt sich, dass Tom Cruise Produzent und Hauptdarsteller des Filmes ist. Denn der kleine Mann hat nunmal ein gigantisches Ego. Sein Jack Reacher ist nicht nur der beste Detektiv der Welt, sondern auch im Nahkampf und als Schütze unbesiegbar. Ausserdem bekommt jede Frau weiche Knie, sobald sie flüchtig ein Auge auf ihn legt.
Und dann diese ganzen Dialogzeilen, die cool klingen sollen, aber bloss doof sind. Da quatscht ihn beispielsweise ein Typ in einer Bar blöd von der Seite an, weil Reacher seine Schwester beleidigt habe, und fordert ihn zum Kampf auf.
„He. Draussen.“
„Bezahl erst deine Rechnung.“
„Mach ich nahher.“
„Wirst du nicht können.“
„Denkst du?“
„Ständig. Solltest es auch mal probieren.“

Jesses. Cruises Ego-Masturbation wird jedenfalls bald ermüdend. Und eben, er kann keinesfalls zulassen, dass der Bösewicht am Ende einen echten Stich gegen seinen Reacher hätte.

Wenn Jack Reacher ein guter Film ist, dann also nicht wegen Cruise, sondern trotz Cruise. Und neben Werner Herzog können wir vor allem Christopher McQuarrie danken. Bekannt wurde McQuarrie als Drehbuchautor von The Usual Suspects (1995), mit Tom Cruise arbeitete erstmals bei Valkyrie (2008) zusammen. Für Jack Reacher hat er nicht nur Lee Childs Roman adaptiert, sondern auch gleich Regie geführt – und er hat dabei unter Beweis gestellt, dass er ein kreativer Kopf ist. So kommen die ersten zehn Minuten des Filmes, also der Amoklauf und die Verhaftung von Barr, gänzlich ohne Dialoge aus.
Darüber hinaus hat McQuarrie immer wieder spannende Bildeinfälle. Als Barr erstmals vernommen wird, steht ihm der ermittelnde Polizist gegenüber und zeigt ihm Fotos vom Tatort. Daraufhin setzt sich dieser Polizist hin, so dass hinter ihm ein weiterer Mann zum Vorschein kommt – der Staatsanwalt. Bis dahin waren wir uns als Zuschauer gar nicht bewusst, dass er sich mit im Raum befand.
Der Film ist voll mit gewitzten kleinen inszenatorischen Momenten dieser Art, die einem womöglich nicht einmal auffallen. Aber man merkt, dass sich da jemand Mühe gegeben hat.
(Später hat McQuarrie bei Mission Impossible: Rogue Nation Regie geführt, meinem Lieblingsteil der Reihe. Mehr dazu hier.)

Bei Jack Reacher: Never Go Back ist das nicht mehr so. Im Vergleich zu Christopher McQuarrie erscheint Edward Zwick (The Last Samurai) als routinierter, aber einfallsloser Handwerker. Er liefert Dutzendware ab, die man sich ebensogut auf Netflix angucken kann. Tödliche Folge: Obwohl die Fortsetzung kürzer ist als der erste Teil, kommt sie einem doppelt so lange vor.
Für Jack Reacher: Never Go Back spricht eigentlich nur das Setting fürs Finale: New Orleans während Halloween. Gerade die grosse Halloween-Parade ist ein spannender Hintergrund. Allerdings musste ich die ganze Zeit an Spectre denken: Der spektakuläre Auftakt des Bond-Films findet ja während des Dia de Los Muertos in Mexiko City statt. Da gibt es einige Parallelen. Doch mit Bond kann Reacher nun wirklich nicht mithalten. So sehr sich das Tom Cruise auch wünscht.
Sollte es je einen Bondfilm mit Werner Herzog als Bösewicht geben – dann hätten wir ein echtes Meisterwerk.

Jack Reacher
USA 2012, 130 Min.
Regie: Christopher McQuarrie
Drehbuch: Christopher McQuarrie (nach dem Roman One Shot von Lee Child)
Mit Tom Cruise, Rosamund Pike, Werner Herzog, Jai Courtney, Robert Duvall, Richard Jenkins, David Oyelowo, Joseph Sikora et al.

Attack of the Weekly Links: Der Tod, eine Weltreise und Halloween

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Revolte der Pinguine 2: Die Gruppe Konverter zeigt ihr marxistisches Nunsploitation-Meisterwerk in Basel.
„Kotzen, Koks, Kommunismus, dieser Film hat den geilen Shit!“ (Autonome Revue)
Ort: Off-Bar (Offenburgstr. 59)
Datum: Dienstag, 8. November
Zeit: 21 Uhr

20. Internationale Kurzfilmtage Winterthur: Am nächsten Dienstag beginnt auch die aktuelle Ausgabe der Winterthurer Kurzfilmtage. Wer noch einen gedruckten Züritipp erwischt, kann darin meine Vorschau zum Festival lesen, sowie ein kleines Interview mit einem von dessen Gründerväter. Und wer besonders viel Glück hat, kann mich jener Tage in Winterthur antreffen.

Hell or High Water: Apropos Züritipp: Ich habe eine Kritik zu Hell or High Water geschrieben, einem modernen Western mit Jeff Bridges und Chris Pine.

Christophe Badoux: Der Zürcher Comiczeichner und Schöpfer von Stan the Hooligan ist gestorben. Neben diesen Fussballcomics hat er viel fürs Strapazin und einen Comic über Paul Klee gemacht.

Jack Chick: Apropos tote Comicmacher: Auch der Schöpfer der berüchtigten Chick Tracts hat das Zeitliche gesegnet. Gibt es einen gerechten Gott, so brutzelt Chick inzwischen in der Hölle, denn der Mann war ein widerwärtiger Kerl, ein selbstgerechter religiöser Fundamentalist, der in seinen Comic-Traktaten gegen Rockmusik, Evolutionstheorie, Katholiken oder Dungeons & Dragons zu Felde gezogen ist. Letzterer Comic wurde sogar verfilmt — allerdings mit einem ironischen Unterton. Die Chack Tracts sind denn auch nur ihrer unfreiwilligen Komik wegen geniessbar (und weil sie zum Teil überraschend gut gezeichnet sind).
Alle Chick Tracts kann man sich kostenlos online ansehen.

sallys travels: Eine gute Freundin und Kulturmutant-Leserin ist diese Woche zu einer mehrmonatigen Weltreise aufbebrochen. Auf ihrem Blog wird sie über ihre Erfahrungen schreiben.

Halloween-Specials: Vergangenen Montag war ja Halloween, der besteste aller Feiertage. Wann sonst feiert man Süssigkeiten und Horrorfilme? Ich hab mir an dem Abend wiedermal den klassischen Frankenstein angesehen (und bekanntlich hab ich aus dem Anlass eine spezielle Filmkritik geschrieben).
Auf Monster Madness X hab ich ja schon hingewiesen. Jetzt liegen alle einunddreissig Kurzkritiken vor. Ich habe seit Anbeginn jede Ausgabe von Cinemassacre’s Monster Madnass mitverfolgt (ist es wirklich schon zehn Jahre her?), und bin etwas traurig, dass es das letzte Mal war – wünsche James Rolfe aber alles Gute mit seinen künftigen Projekten.
Und zu guter Letzt lege ich euch das Halloween Spooktacular von RedLetterMedia ans Herz.