American Honey: Der Tampon in der Obstplantage

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Der neue Film von Andrea Arnold (Fish Tank) hat den Jury-Preis in Cannes gewonnen und kriegt zurzeit viel positive bis überschwängliche Kritik. Mich hat American Honey eher kalt gelassen, aber das ist jetzt nicht so wichtig – denn ich möchte in erster Linie über Sex reden. In American Honey wird ziemlich viel gevögelt.

Den Sex hat hier vor allem Star (Sasha Lane), eine junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen. Sie schliesst sich einer Gruppe von ebenso jungen Leuten an, die durchs Land reist, um arglosen Menschen Abonnements für Magazine zu verkaufen. Anscheinend ist das in den USA ein reales Phänomen, das das Interesse der englischen Regisseurin Arnold geweckt und sie dazu inspiriert hat, dieses Roadmovie zu drehen.
Nun kommt es, dass sich Star in Jake (Shia LaBeouf) verliebt, rechte Hand und Boytoy der Gruppen-Anführerin Crystal (Riley Keough). Jake ist dafür zuständig, Star in die Geheimnisse des Magazin-Verkaufs einzuführen, und fängt hinter Crystals Rücken eine Affäre mit der Neuen an. Star hat also Sex mit Jake. Einmal hilft sie zudem einem Ölarbeiter dabei, sich einen runterzuholen, aber darum gehts mir nicht.

Stattdessen geht es mir um folgende Sexszene: Da quartiert sich die Gruppe auf einer Farm ein. Star und Jake verabschieden sich heimlich in die Obstplantage und treiben es dort miteinander. Bevor nun Jake in Star eindringt, stoppt sie ihn kurz – und entfernt ihren Tampon. Den schleudert sie ins Gras, bevor es weitergeht.
Diese Szene steht für den ganzen Film. Andrea Arnold befleissigt sich eines Realismus, den sie aber seltsamerweise nur zur Hälfte durchzieht. Einerseits ist da eben die Sache mit dem Tampon, andererseits drückt sich Arnold um andere Realitäten des Geschlechtsverkehrs wie Verhütungsmittel oder die Frage, was im Anschluss mit dem Sperma des Typen passiert – Star gehört zu der Sorte Filmfrau, die den Samen ihres Partners anscheinend einfach in sich aufsaugt. Oder die allein von vaginaler Penetration innert einer Minute kommt.
Überhaupt tendiert Arnold dazu, Sex nach der Methode Hollywood zu romantisieren: Ästhetisch einwandfreies Liebemachen in prächtigen Bildern, wo es weder Schweiss noch einen Krampf im Oberschenkel gibt. Natürlich verzichtet der Film auf allzu explizite Bilder.
Dabei fällt es mir eh schon ein wenig schwer, den dokumentarischen Ansatz von American Honey ernst zu nehmen, wenn da die ganze Zeit ein bekannter Filmstar wie Shia LaBeouf herumhampelt.

In letzter Zeit fällt mir häufiger auf, wie sich Arthouse-Filme demonstrativ realitätsnaher Sexszenen bedienen, die dann aber trotzdem nicht ganz realistisch sind, was mich mehr stört als Hollywood’sches Liebemachen. Erst kürzlich gab es in Stille Reserven eine entsprechende Stelle, in der der Protagonist seine Chefin von hinten nimmt. Im Anschluss an seinen Orgasmus kleidet sich die Frau an, als habe er nicht gerade eine Ladung Sperma in sie gepumpt, die nun irgendwo wieder herausfliessen muss – an den Gesetzmässigkeiten der Schwerkraft kommt niemand vorbei.

Ein Beispiel, das ich in der Hinsicht gerne anführe, ist der ansonsten tolle Film Fidelio, l’odyssée d’Alice. Die Handlung dreht sich um eine sexfreudige Schiffs-Mechanikerin. Da lässt sie sich einmal von einem Kollegen lecken. Nicht nur, dass sie innerhalb von fünfzehn Sekunden kommt, ihr Partner hat danach auch einen unverstrubelten und trockenen Bart. So läuft das in der Realität einfach nicht.

Was ich damit sagen will: Sexszenen sollen entweder konsequent romantisierend oder dann realistisch sein. Mit dem Zwischending kann ich nichts anfangen.

American Honey
USA 2016, 164 Min.
Regie und Drehbuch: Andrea Arnold
Mit Sasha Lane, Shia LaBeouf, Riley Keough et al.
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4 Gedanken zu “American Honey: Der Tampon in der Obstplantage

  1. Die sollen halt mehr Kritiken schreiben – da wird man schnell trocken von der ganzen Sublimation. Und alles was noch raus gepustet wird, ist Staub.
    Hm… was wäre dann das Äquivalent zum kollektiven Kritisieren, das hier auf dem Kulturmutant praktiziert wird? Ist der Kulturmutant das Bukake der Kritik? Ou weia… „zu einem dunklen Ort diese Gedanken dich führen“ 😀

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