Keine Babyfragen

Deutsche Dramen aus der Gegenwart haben für mich oft was furchtbar Biederes. Ich fand zum Beispiel Halt auf halber Strecke, in welchem es um einen krebskranken Familienvater geht, einfach nur öde und unehrlich. Für mich wird das Genre oft von Leuten bedient, die entweder keine Ideen oder keinen Humor haben und diesen Umstand versuchen in Pathos zu ersaufen, wobei sie diesen gleichzeitig versuchen zu verdrängen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich intime Einblicke in das menschliche Leid nur als Form der Unterhaltung gerechtfertigt finde, wenn dahinter ein moralischer Ansatz steht. Sonst lieber Machete. Was aber ist ein moralischer Ansatz meiner Meinung nach? Dazu später mehr.

Erstmal zum Film 24 Wochen, um welchen es hier gehen soll. Der Plot ist relativ schnell erzählt. Ein Paar, sie erfolgsverwöhnte Comedian, er ihr Manager, erwarten ihr zweites Kind. (Ich hasse es normalerweise, wenn in Filmen die Leute immer auch noch Künstler sein müssen, aber hier macht es von der Story her einfach ziemlich viel Sinn.) Bei einer pränatalen Voruntersuchung wird festgestellt, dass dieses Kind Down-Syndrom haben wird. Die Eltern wollen das Kind trotzdem. Bei einer späteren Überprüfung wird noch ein schwerer Herzfehler festgestellt. Und jetzt kommt die grosse Frage, soll man abtreiben oder bekommt man das vielleicht schwer behinderte Kind.

Ist die erste ¾ Stunde, die zum Aufbau der Geschichte verwendet wird, und primär die Familien- und Paarbeziehung beleuchtet, irgendwie auch ziemlich langweilig, weil nichts Neues und manchmal auch etwas gestellt, wo Oma und das bereits-da-Kind mit dem grausigen Namen „Nele“ die meiste Zeit nur nerven, nimmt der der Film im zweiten Teil richtig Fahrt auf und es werden sehr aktuelle und gute Fragen gestellt. Was bedeutet die menschliche Existenz in einer von moderner Medizin, also Technik mit direktestem Einfluss auf Menschen, und Doppelmoral geprägten Gesellschaft, wie viel ist das Leben von wem und in welchem Moment seiner Zeit wert?

Der moralische Ansatz diese Dramas ist für mich erfüllt, weil man keine billigen oder überhaupt Antworten bekommt. Man ist in derselben Ambivalenz wie die Hauptfiguren und egal wie sich diese entscheiden, man weiss nicht ob man auch so gehandelt hätte. Ich glaube, das ist ziemlich grosses Handwerk, auch wenn man bei diesem Film nie lachen muss, und einem das Kind, welches das Paar schon hat, mit seiner eingebildeten Art so auf den Sack geht, dass man sich eh fragt, warum die überhaupt je ein zweites wollten. Für diesen Film gebe ich gerne 8 von 10 Kinderwagen .

24 Wochen
Detuschland 2016, 103 Minuten
Regie: Anne Zohra Berrached
Drehbuch: Carl Gerber, Anne Zohra Berrached
Mit Julia Jentsch, Bjarne Mädel u.w.
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Ein Gedanke zu “Keine Babyfragen

  1. „auch wenn man bei diesem Film nie lachen muss, und einem das Kind, welches das Paar schon hat, mit seiner eingebildeten Art so auf den Sack geht, dass man sich eh fragt, warum die überhaupt je ein zweites wollten.“

    Die dachten wohl, beim zweiten Versuch kommts weniger nervig heraus.

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