Elf findet magischen Ring: Die Welt des James Kochalka

James, der Elf, tanzt auf dem Weg zur Arbeit ausgelassen im Schnee. Er singt: „A dance to winter. To the cold north winds. To our amazing planet. To the unbreakable human spirit!“
In dem Moment hört er den Glockenschlag einer Kirche. „Oh Christ. Gotta catch the bus!“
James kommt zu spät, der Bus fährt direkt vor seiner Nase ab. In der Eile rutscht er aus und fällt hin. Aber da: „Hey … what’s that? A golden ring in the slush!“

kochalka_qyj02b James Kochalka (49) hat Comic-Geschichte geschrieben mit American Elf. 1998 begonnen, war das der erste, oder zumindest einer der ersten täglich erscheinenden Tagebuchcomics im Internet – und sicherlich war es der einflussreichste Comic seiner Art. American Elf bot eine Inspiration für unzählige autobiographische Webcomics, ohne Kochalka wäre die Szene in ihrer jetztigen Form gar nicht denkbar.
Bestechend an seinem Werk ist, dass Kochalka völlig alltägliche Geschichten erzählte, einfache Momentaufnahmen, meist ohne Witze oder Pointen. Aber immer aus einer ganz eigenen, fast kindlichen Perspektive (sich selbst zeichnete Kochalka stets als einen Elf, deshalb der Titel des Comics), charmant aber sehr, sehr ehrlich. Was von der Leserschaft teils mit Befremden zur Kenntnis genommen wurde. Da gab es eine Folge, in der Kochalka schilderte, wie sich sein jüngerer Sohn (damals ein Kleinkind) nackt auf seine Füsse hockte – und wie sich dabei der Hodensack des Knaben auf seiner Haut anfühlte.
Weniger umstritten war beispielsweise ein Strip darüber, wie sich Kochalka beim Zähneputzen aus Versehen Zahnpasta ins Auge spritzt.
Leider hat Kochalka American Elf Ende 2012 eingestellt, nach 14 Jahren täglichen Zeichnens. Die Strips sind auch nicht mehr gratis online abrufbar, sondern nur noch bei Top Shelf im Print erhältlich.

Dies gesagt: Die Geschichte um James und den goldenen Ring erschien erstmals 1998, noch vor der Premiere von American Elf. Beim Helden handelt es sich aber schon um Kochalkas elfisches Alter Ego. Quit Your Job ist eine längere, in sich geschlossene Story, die autobiographisch angehaucht ist, aber ein paar fantastische Elemente enthält. Der goldene Ring, der da im Schneematsch liegt, erweist sich nämlich als magisch. James merkt das, als er mit dem Ring am Finger auf eine Motte zeigt und sie sofort in Flammen aufgeht.
Der Elf nimmt das als Omen und zum Anlass, seinen Job im Peking Duck House auf der Stelle aufzugeben (der reale James hat früher tatsächlich als Kellner dort gearbeitet): „No more boring workaday same old same old day in day out drudgery!“

kochalka_qyj04b Zusammen mit seiner Katze (die sprechen kann) bricht er zu einer Abenteuerreise an den Nordpol auf. James geniesst seine Freiheit: „There is a kind of joy you can only experience when you quit your job!“ Aber: „There’s a certain anxiety, too, that can make you desperate.“
Am Ende kommt alles ganz anders als erwartet, denn die Story nimmt einige unerwartete Wendungen. Quit Your Job ist ein traumwandlerisches Märchen, das ebenso von Roboter-Kumpels wie dem alltäglichen Frust der Erwerbsarbeit handelt.

Wie Kochalka im gezeichneten Vorwort erklärt, waren diese Geschichte und andere frühe Comics aus seiner Feder schon länger vergriffen. Diese versammelte der kalifornische Verlag Alternative Comics und brachte sie letztes Jahr neu heraus unter dem Titel Quit Your Job and Other Stories, ergänzt um ein paar kurze Beiträge, die Kochalka extra für diese Ausgabe gezeichnet hat.
Von 1997 stammt Paradise Sucks, wo der amerikanische Elf als grummliger alter Mann auftritt. Er lebt in einem utopischen Baltimore, das von lauter identisch aussehender Arbeiter bevölkert wird (sie erinnern an eine erwachsene Version von Charlie Brown), die allesamt Adam heissen und ständig lächeln.
„These idiots“, regt sich der Elf auf. „Marching off to work all day in their little factories. And they’re actually happy to do it!“
Der alte James bestreitet seinen Lebensunterhalt mit Containern: Er holt geröstete Nüsse aus dem Abfall, „thrown away just because they’re a little burnt.“
Ausserdem ist er der letzte noch lebende Maler der Welt, zu seinen besten Zeiten ein Genie der geometrischen Malerei. Doch heutzutage ist das Zittern seiner Hände so schlimm geworden, dass er keine gerade Linie mehr hinbekommt. Sein Versuch, ein schwarzes Quadrat zu malen, misslingt völlig. „My life is nothing. Wasted away.“
Doch da bekommt er Besuch von einem Kunsthändler und seinem Kunden. „It’s the geometry of age … don’t you get it?“, sagt der Händler. „You can see our frailty and mortality in each pathetic brush stroke.“ Das Argument zieht, der Kunde will sämtliche Bilder kaufen.

kochalka_qyj05b Die Geschichte vom alten Maler ist verschränkt mit jener von der Genesis – beim Containern hat James zwischen den Nüssen nämlich eine Bibel gefunden, in der er schmökert. Diese Bibel erzählt davon, wie Gott (hier als Zauberer gezeichnet) Adam erschafft und sich zusammen mit seinen Engeln (grosse, flugfähige Käfer) über die Abenteuer des tollpatschigen Menschen amüsiert.
Wie man sich vorstellen kann, geht es hier um die Parallele von göttlichem Schöpfungsakt und künstlerischem Schöpfungsakt (Kochalka führt schliesslich den alten Mann in einem überraschenden Twist mit dem biblischen Gott zusammen).
Im Vorwort von 2015 beschreibt Kochalka das Comiczeichnen wie folgt: „Ink strikes the page like magic lightning. Breaching the surface and tearing open a portal to some intense dimension. A dimension where my own soul is the binding force of all matter & meaning.“ (Ein bisschen grössenwahnsinnig muss man als Künstler schon sein.)

Einen Comic zu zeichnen ist, als würde man eine Welt erschaffen. Die Welten von James Kochalka besucht man gern.

Hier gehts zu James Kochalkas Webseite.
Kochalka ist übrigens auch Leadsänger einer tollen Rockband, aber davon erzähl ich euch vielleicht ein andermal.
 

Quit Your Job and Other Stories
Von James Kochalka
190 Seiten
Alternative Comics, Kalifornien 2015
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