ZFF 2016: Salt and Fire

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Da ist also diese Wissenschaftlerin, gespielt von Veronica Ferres. Sie sitzt fest auf einer Insel inmitten einer gigantischen Salzwüste, zusammen mit zwei Knaben, die fast völlig blind sind. Sie haben gerade mal genug Essen und Wasser für eine Woche. Wer hat die drei dort ausgesetzt? Der CEO (Michael Shannon) eines weltumspannenden Konzerns.

Salt and Fire kommt von Werner Herzog, und das merkt man. Wenn seine Figuren reden, so hören sie sich an wie die Kommentare, die er für seine Dokumentarfilme einspricht. Kommentare, dief voller Gedankensprünge und spontaner Assoziationen sind. Wo man sich nie so ganz sicher ist, ob man jetzt echtes Genie oder prätentiösen Flachsinn hört.
Wobei ich zugeben muss, dass Salt and Fire doch deutlich mehr zum Flachsinn tendiert als ein Grizzly Man oder Cave of Forgotten Dreams. Der erwähnte CEO lässt doch tatsächlich die ganze Zeit Sprüche vom Stapel wie diesen: „Es gibt keine Realität, es gibt nur verschiedene Wahrnehmungen der Realität.“ Jesses.
Immerhin: Das Gerede von Realität führt zu einem anregenden Gespräch über eine Richtung von klassischer Malerei, die mit visuellen Täuschungen arbeitet.

Aber eigentlich handelt Salt and Fire ja von einer Naturkatastrophe in nicht allzu ferner Zukunft: In einem lateinamerikanischen Land ist im Laufe von nur wenigen Jahrzehnten ein See ausgetrocknet. An seiner Stelle ist eben diese Salzwüste gewachsen, die sich mit rasender Geschwindigkeit ausbreitet und die ganze Welt zu überwuchern droht. Die Wissenschaftlerin soll das Phänomen mit ihrem Team untersuchen, doch bevor sie dazu kommt, werden sie von den Männern des CEO entführt. Seine Firma ist zu einem guten Teil verantwortlich für die Katastrophe. Nun bringt er der Wissenschaftlerin unter anderem bei, dass unter der Salzwüste ein gigantischer Vulkan brodelt (der Uturuncu), bei dessen Ausbruch der ganze Globus in eine Aschewolke gehüllt würde. Salz und Feuer halt. Das Überleben der Menschheit steht auf dem Spiel.

Herzog hat hier eine Kurzgeschichte von Tom Bissell adaptiert, Aral heisst sie. Wie man dem Titel entnehmen kann, geht es da um den Aralsee. Dank eines politischen Versagens im ganz grossen Massstab ist der See heutzutage weitgehend ausgetrocknet und derart verschmutzt, dass er ein riesiges Gebiet (inklusiver seiner Einwohner) vergiftet. Der Journalist Bissell hat das Problem über Jahre hinweg studiert und mehrere Texte dazu veröffentlicht (fiktionale wie dokumentarische). Wenn er nicht grade für Games wie Uncharted 4 schreibt.
Herzog hat Bissells Story jedenfalls in einen neuen, fiktiven Kontext gesetzt (der Supervulkan Uturuncu ist allerdings echt) – und er hat in Bolivien gedreht, in der berühmten Salar de Uyuni. Die reale Salzwüste ist Tausende Jahre alt, eine Touristenattraktion – und für einige wahrlich atemberaubende Bilder gut.
Überhaupt, Kameramann Peter Zeitlinger hat Wunderbares geschaffen: Die Kamera in Salt and Fire wirbelt um die Figuren herum wie im Taumel, so dass zwar lange, aber unglaublich dynamische Einstellungen entstehen. (Zeitlinger arbetiet mit Herzog schon seit vielen Jahren immer wieder zusammen, eben auch bei Grizzly Man und Cave of Forgotten Dreams.)

Herzog selbst hat den Film anscheinend als Tagtraum beschrieben, und das trifft es wohl ziemlich gut. Da kann es tatsächlich vorkommen, dass man im einen Moment an irgendeinem Blödsinn herumstudiert, im nächsten dann aber wieder eine Epiphanie hat. Dann driftet man halb ihn den Wahnsinn ab und kriegt die seltsamsten Einfälle. Und dann verfilmt man das, wenn man Werner Herzog ist.
 

Salt and Fire lief in der Kategorie Special Screenings
Salt and Fire
Deutschland/USA/Frankreich/Mexiko 2016, 97 Min.
Regie: Werner Herzog
Drehbuch: Werner Herzog (nach der Kurzgeschichte Aral von Tom Bissell)
Mit Veronica Ferres, Michael Shannon, Gael García Bernal, Lawrence Kraus, Volker Michalowski
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