Der Autovampir: Horror aus dem Osten

gregors_gruselstunde_03

Man stelle sich den kleinen Gregor vor, wie er die Fernsehpostille durchblättert und dabei auf einen Film namens Der Autovampir stösst. Als Gruselfan streicht er sich das selbstverständlich an und noch in derselben Nacht beguckt er sich das Lichtspielwerk in der Flimmerkiste – woraufhin er sich zuhöchst darüber empört, dass es da gar nicht um einen Vampir geht, der Autos aussaugt, sondern um ein Auto, das Menschen aussaugt, der Titel also Das Vampirauto lauten müsste. Eine tolldreiste Verhöhnung von Logik und Sprache.

Der Autovampir
Der Autovampir
Betitelung hin oder her, Der Autovampir hat sich damals in mein Gedächntnis eingeprägt, und noch Jahre später hab ich von Zeit zu Zeit daran zurückgedacht. Blöd nur, dass das verdammte Ding nirgendwo aufzutreiben war. Abgesehen von einer Fernsehausstrahlung alle paar Schaltjahre existierte keine Veröffentlichung, weder auf Kassette noch auf Silberscheibe. Was wohl daran lag, dass der Film 1981 in der Tschechoslowakei produziert wurde, als mitten im kommunistischen Osten, und im Laufe der politischen Umwälzungen in irgendeinem Bunker vergessen ging. Oder es hat sich einfach kein Schwanz dafür interessiert – zumindest im Westen.
Nun, 2009 hatten die Tschechen endlich ein Einsehen und brauchten eine DVD heraus. Zwar ohne jede Synchro oder Untertitel, aber immerhin. Die Untertitel hat dann irgendein anonymer Mensch aus dem Internet nachgeliefert, dafür sei ihm hiermit wärmster Dank ausgesprochen.
So kann ich mir heute also endlich wieder Der Autovampir ansehen – und das dazu noch passgenau zum 35-Jahre-Jubiläum des Streifens.

Disclaimer: Soweit ich Dialoge wiedergebe, habe ich sie aus dem Englischen übersetzt.

 
Der schwarze Rennwagen

Dr. Marek (Jirí Menzel) und Krankenschwester Mima (Dagmar Veskrnová*) sind als Rettungssanitäter unterwegs – sie wurden zu einem Herzinfarkt gerufen. (Ein dritter Sanitäter hockt hinten drin, aber der ist nicht weiter wichtig.) Mima sitzt am Steuer und fährt wie ein Schulbusfahrer, der nach dreissig Jahren im Beruf endlich seinen Selbstmordgedanken nachgibt. Der Doktor versucht nichtsdestotrotz, sie anzuflirten:
„Wir sollten mal in einem normalen Wagen ausfahren.“
„Du meinst, in deinem Auto?“
„Du darfst natürlich fahren.“
„Und du bist die Sirene.“

Eine Frau am Steuer? In Osten steht die Welt echt kopf.
* Dagmar Veskrnová heisst heute Dagmar Havlová, denn 1997 heiratete sie Václav Havel – der seinerseits einer der führenden Köpfe der Samtenen Revolution war, als der letzte Präsident der Tschechoslowakei diente (1989-1992) und anschliessend als erster Präsident der Tschechischen Republik (1993-2003). Ja, bei mir lernt man was.

Auf dem Weg zum Notfall nähert sich Marek und Mima ein schwarzer Rennwagen, der ein abenteuerliches Überholmanöver hinlegt und damit einen Lastwagen von der Strasse drängt, der wiederum seine gesamte Ladung über die Strasse verteilt: tausende und abertausende von Tomaten! Sympathischerweise fährt der Rennwagen einfach weiter.
Marek und Mima überwinden das Gemüse-Hindernis und sehen bald darauf den Rennwagen am Strassenrand stehen. Mima hält an, um dem Fahrer die Meinung zu geigen, doch er fährt ihr vor der Nase davon. Was für ein Arschloch!
Der Tag wird nicht besser: Die Adresse aus dem Notruf existiert gar nicht. Gewissenlose Scherzanrufe gabs demfall auch im Kommunismus (man hatte ja sonst nichts). Dafür stellt sich den beiden jetzt der Rennwagen von vorhin in den Weg. So können wir erstmals einen genauen Blick auf den Ferat Vampire RSR werfen. Und was soll ich sagen: Die Karre ist potthässlich. Zwar imitiert sie ansatzweise den Schnitt eines eleganten Sportwagens, wirkt jedoch aufgrund des eckigen Designs und der ausladenden Seitenleiste ziemlich klobig – ganz zu schweigen vom massiven Heckspoiler, der auf einem breiten Hintern montiert ist. Später sehen wir den Wagen mit sperrigen Scheinwerfern, befestigt auf der Motorhaube. Ein Auto, wie es nur sein Konstrukteur lieben kann.
Aber das Beste: Der Ferat hat keine Türen im klassischen Sinne. Um einzusteigen (oder auszusteigen, je nachdem), muss man den ganzen Vorderbau hochklappen, ähnlich wie bei einem Kampfjet. Oder wie bei einem BMW Isetta.
(Ursprünglich war dieser Ferat ein Konzeptwagen von Škoda, aber dazu erzähl ich euch weiter unten mehr.)

Weiterlesen

Attack of the Weekly Links: Comic Jam und Eigenwerbung

attack_of_the_weekly_links4

Last Minute Hero: diedruckerei.de hat einen Comic Jam ins Leben gerufen. Allerlei Webcomic-Schaffende wie Schlogger, Sarah Burrini oder Hillerkiller haben an dieser Fortsetzungsgeschichte um den Last Minute Hero mitgearbeitet. Dabei sind auch die Buddelfische: Nicht nur Katrin Felder, sondern auch Sebastian Kempke und eben ich waren am Werk.

Züritipp: Bei einem Pro und Kontra zu Swiss Army Man hab ich den Film zu verteidigen versucht.

In eigener Sache: Um es mal gesagt zu haben: Wir sind ja auch auf Facebook und Twitter unterwegs, wie es für moderne Menschen üblich ist. Und wir freuen uns über sämtliche Likes, Retweets und gar Abbonements.
Und ganz nebenbei: Wer sich selbst mal als Kritiker versuchen möchte, kann sich bei uns jederzeit melden unter: kulturmutant[affenschwanz]gmail.com

Delirium verleiht das Elke-Heidenreich-Schwein

delirium07_elke1b

Zur Vernissage ihrer siebten Ausgabe lädt die Literaturzeitschrift delirium an die Bühne S. Dort stellt sie einen Literaturclub nach. Zwei Autorinnen (Natalie Schättin, Camena Fitz) und ein Autor (Cédric Weidmann) lesen dem Publikum ihre Texte vor. Jeder Text wird sogleich von einer der drei anwesenden Kritikerinnen (Maya Wohlgemuth, Sarah Möller, Noemi Shai) besprochen und eben diese Kritikerinnen erklären jeweils in einem Plädoyer, weshalb dem gerade gehörten Text der mit hundert Franken dotierte Elke-Heidenreich-Preis für Gestörtheit verliehen werden soll – am Ende wählen die Zuschauer den gestörtesten Text. Durch den Abend führt der insert your favourite adjective [grossartig, begnadet, dominant, witzig, überpräsent] Moderator Andi Hauri.

Hauri dankt dem Pulikum zunächst dafür, dass es die delirium-Veranstaltung einem gewissen Schülerverein-Anlass, namentlich Zürich liest, vorgezogen hat. Diese und viele weitere Scherze zementieren, was der Moderator einmal sagt, als er mit den Kritikerinnen streitet: „Das ist meine Sendung.“

Mit diesen Zetteln wurde abgestimmt
Mit diesen Zetteln wurde abgestimmt
Weder Texte noch Kritiken vermögen Hauris Vorherrschaft zu brechen; eine der Autorinnen schafft es ja nicht einmal, das Rauschen des elektrischen Heizofens zu übertönen.

Jedenfalls sucht man bei den Texten lange und bei den Kritikerinnen noch länger jene Gestörtheit, die die Verleihung des glücklichen Elke-Schweins erwarten lässt. Mit zitternden Händen und zitternden Stimmen attestieren die Kritikerinnen ihren AutorInnen eine psychische Störung. Doch die vernichtendsten Urteile sind bloss Heidenreich-Zitate. Diese Zukunft der weiblichen Literaturkritik ist Heidenreichs Vorbild nicht gewachsen – hier sitzen drei Damen, die dafür viel zu differenziert, durchacht und sorgfältig mit literarischen Texten umgehen.
Alle Versuche Hauris, die Kritikerinnen zu plakativen Generalisierungen hinzureissen, scheitern. Nicht einmal im Spiel vergessen sie ihr Handwerk. So muss Hauri Pro, Kontra und überhaupt auch alle anderen polemischen Positionen vertreten.

Schliesslicht nimmt der dem tiefsten delirium-Filz entstammende Cédric Weidmann (er ist Redakteur des Magazins) das Elke-Schwein entgegen. Heimvorteil nützt immer.

Attack of the Weekly Links: Die 1000 Tentakel des Delirium

attack_of_the_weekly_links4

delirium N°07: Die Kollegen vom delirium feiern die Vernissage der jüngsten Ausgabe. Das Konzept des Hefts besteht darin, jeweils einen literarischen Text direkt einer Kritik gegenüber zu stellen. Die Vernissage wiederum beinhaltet meist irgendein performatives Element – ich bin jedenfalls gespannt, was die Leute diesmal anstellen.
Wann? Freitag, 28.10. um 20 Uhr
Wo? Bühne S (beim Bahnhof Stadelhofen)

Schweizer Buchjahr: Am 13. November wird der Schweizer Buchpreis vergeben — darüber kann man sich unter anderem auf dem Blog Schweizer Buchjahr informieren. Es handelt sich dabei um ein Projekt der Uni Zürich, genauer gesagt der Dozenten Christoph Steier und Philipp Theisohn. Die leiten dieses Semester ein Modul, bei dem die Studierenden allerlei Formen der Online-Rezension ausprobieren. (Zu den Partnern des Projekts gehören unter anderem die erwähnten Kollegen vom delirium.) Die Seitennavigation vom Schweizer Buchjahr ist zwar etwas schitter, aber die Beiträge sind spannend.

Leben in Brasilien: Drüben bei den Kollegen von der Gruppe Konverter schrob Roebu über seine Erfahrungen in Brasilien: „Hunde, Katzen, aber auch Pferde, Kühe und Esel laufen frei durch Jericoacoara. Wenn man etwas angeheitert von einer Party nach Hause wankt und einem ein Stier entgegenkommt, kann das schon etwas angsteinflössend sein.“

Pepe zum Zweiten: In der letzten Linkparade sprach ich ja auch von Pepe dem Frosch und seinem Missbrauch durch die Rechte. Nun hat sein Schöpfer Matt Furie einen neuen Comic zum Thema gezeichnet.

Verwesung: Jemand von Tsüri.ch hat ein Museum besucht, das nach Verwesung riecht.

Ouija — Die Rückkehr des lustigen Hexenbretts

Bild: Universal

Für mich war Ouija die Entdeckung des letzten Jahres, denn solche Filme kommen nur noch sehr, sehr selten im Kino: Filme, die derart schlecht sind, dass sie unterhaltsam werden.
Keine Frage, Regisseur Stiles White und sein Team hatten einen richtigen Horrorschocker im Sinn. Aber die Handlung beginnt damit, dass sich jemand mit einer Lichterkette erhängt. Da hängt also eine Leiche im Treppenhaus, die von weihnachtlichen Lichtern beschienen wird, und wir sollen schockiert sein. Keine Chance. Auch danach ist Ouija eine einzige Parade von dummen Momenten, aber halbwegs kompetent und mit einem derartigen Tempo inszeniert, dass es niemals langweilig wird. Eine Achterbahn der unfreiwilligen Komik. Ich hab den Film damals in einer Pressevorführung gesehen und mich zusammen mit den Kollegen fast totgelacht. Das ist guter, bodenständiger Trash, nicht wie dieser billige, dröge Müll à la Sharktopus und Sharknado. Über das Zeug amüsiert sich nur der Pöbel, Ouija ist etwas für Connoisseurs. Hoch das Weinglas!

Da das Universum ab und zu doch gerecht ist, war Ouija ein Erfolg an den Kassen, so dass jetzt das Prequel ins Kino kommt – denn wir müssen ja dringend erfahren, wie genau die Leiche des Mädchen in den Keller gekommen ist. So landen wir mitten in den 1960ern. Das Haus aus dem letzten Film wird dazumal von der Familie Zander bewohnt: Mutter Alice (Elizabeth Reaser) hat alle Mühe, sich selbst und ihre beiden Töchter über die Runden zu bringen, seitdem ihr Mann das Zeitliche gesegnet hat. Geld verdient sie, indem sie trauernden Menschen weismacht, sie habe Kontakt mit dem Totenreich. Bei ihren Séancen hilft sie mit allerlei Tricks nach, zudem assistieren ihr heimlich die Kinder.
Jetzt soll man nicht glauben, Alice wäre eine böse Betrügerin, nein, sie ist ein herzensguter Mensch und will den Leuten bloss bei der Trauerarbeit helfen – notfalls verzichtet sie auf ihren Obolus. Merke, kein Wahrsager würde jemals seine Kunden bescheissen.

Jedenfalls kauft Alice eines Tages ein Ouija-Brett, um damit ihre Show ein bisschen aufzupeppen. Aber es kommt, wie es kommen muss: Mit dem Hexenbrett beschwört die falsche Geisterbeschwörerin aus Versehen einen echten Geist herauf, der prompt von ihrer jüngere Tochter Doris (Lulu Wilson) Besitz ergreift. Ach du Schande. Zum Glück ist der Leiter ihrer katholischen Schule ein Pfarrer (Henry Thomas). Kann er den bösen Geist aus dem Haus kicken?

Ouija: Origin of Evil stammt von Mike Flanagan und Jeff Howard, die zuvor mit Oculus einen netten kleinen Überraschungshit landeten. Da ging es um einen dämonischen Spiegel, der ein Geschwisterpaar über zwei Zeitepochen hinweg triezt.
(Fakt am Rande: Annalise Basso, die dort die jüngere Version der Schwester spielt, hat nun in Ouija: Origin of Evil die Rolle der älteren Tochter Paulina gekriegt.)
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Flanagan und Howard ganz genau um die Komik des ersten Teils wussten – denn was damals unfreiwillig war, forcieren die beiden nun offenbar mit Absicht, und zwar gekonnt. Soll heissen: Ouija: Origin of Evil ist ebenso lustig wie der erste Teil, aber diesmal bewusst darauf ausgelegt – zugleich wirkt der Film niemals so, als wäre er verkrampft auf witzig getrimmt. Das ist eine Balance, die man erst einmal hinbekommen muss. Respekt.

Da steht die kleine, besessene Doris auf dem Pausenplatz. Zwei Knaben, die sie schon öfters gemobbt haben, machen sich über sie lustig. Einer der beiden nimmt eine Steinschleuder hervor und zielt damit auf Doris‘ Kopf – doch sie dreht sich plötzlich um und blickt ihm direkt in die Augen. Der böse Geist zwingt den Knaben, die Steinschleuder auf sich selbst zu richten und zu feuern. Wir hören den Knall aus dem Off und sehen, wie die Klosterschwestern panisch zu dem Jungen rennen.
Die Szene ist ihrer augenscheinlichen Lächerlichkeit zum Trotz vollkommen ernst inszeniert und gehört gerade deshalb zum Lustigsten, was ich dieses Jahr im Kino gesehen habe.

Überhaupt, die kleine Doris! Lulu Wilson ist in der Rolle eine absolute Sensation. Sie hat bisher sowohl in Comedyserien (Inside Amy Schumer) wie auch in Horrorfilmen (Deliver Us from Evil) mitgespielt und sie beherrscht das Komische ebenso perfekt wie das Unheimliche.
Doris‘ grosse Schwester hat einen Freund, Mikey (Peter Mack). Der klingelt mal an der Tür. Doris ist grad allein im Wohnzimmer und öffnet ihm.
„Willst du etwas Cooles hören?“, fragt sie ihn.
„Sicher“, antwortet er.
Da schildert sie ihm, und zwar bis ins kleinste Detail, wie es sich anfühlt, gehängt zu werden. Auch ein Robert De Niro in seinen besten Zeiten hätte diesen Monolog nicht so gut hingekriegt wie Lulu Wilson.
(Und jetzt ratet mal, wie Mikey endet.)

Als dann Pater Tom vorbeischaut, um sich das Mädchen anzusehen, steht er mit dem Koffer in der Hand vor dem Haus wie seinerzeit Pater Merrin in The Exorcist. Ist ja klar, dass sich Flanagan und Howard jede Menge Anspielungen auf die Geschichte des Horrorfilms erlauben – schon der erste Teil war ein Amalgam aus allen möglichen Quellen, aber das Prequel legt einen spielerischen Umgang mit den Vorbildern an den Tag.
Dazu gehört auch, dass der Film mit dem klassischen Universal-Logo beginnt oder dass das Bild wie bei einem 35mm-Film daherkommt, ohne dass es sich einem aufdrängen würde. Inklusive dieser kleinen Signalzeichen, die früher dem Filmvorführer zeigten, wann er die Rolle wechseln muss (es brauchte eine Weile, bis mir das überhaupt auffiel). Diese Liebe zum Detail ist schlicht bewunderswert.

Grosse Freude hab ich zudem an der ganzen Einrichtung. Wie gesagt, die Handlung spielt in den 60ern. Mode und Inneneinrichtung schrammen nur ganz knapp daran vorbei, eine offene Parodie auf die Epoche zu sein. Man vergleiche das nur mal mit dem production design von Annabelle, einem Horrorfilm, der ebenfalls in den 60ern spielt, aber einen betont ernsten Ansatz wählt – und darum auch eine recht düstere Version des Jahrzehnts zeigt. Ist Annabelle die Manson-Family, so ist Ouija: Origin of Evil der freundliche Hippie von nebenan. Jedenfalls ist das endlich mal ein Horrorfilm in bunten Farben, statt immer nur in Grau und Braun.

Man kann sich Ouija: Origin of Evil übrigens auch ansehen, ohne den ersten Teil zu kennen – ich würde das sogar empfehlen, denn sonst vergeigt man sich die eine oder andere überraschende Wendung. Der Fluch der Prequels. Ein grandioser Spass sind aber beide Filme.

Ouija: Origin of Evil läuft ab dem 20. Oktober in den Schweizer Kinos.

Ärgerlich: In Zürich läuft nur die deutsche Synchronfassung im Kino (obwohl wir an der Pressevorführung die untertitelte Originalversion zu sehen bekamen). Ich hasse sowas und empfehle, die DVD/Blu-ray abzuwarten.
Ouija: Origin of Evil
USA 2016, 100 Min.
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan, Jeff Howard
Mit Elizabeth Reaser, Annalise Basso, Lulu Wilson, Henry Thomas, Peter Mack et al.

Gerechter Humor

maurer

Nichts nervt mehr im Theater als der sich selbst darstellende Zuschauer. Es gibt immer einen. Selbst dann, wenn wie an diesem Abend nur knapp 40 oder 50 Leute gekommen sind, um Thomas Maurer zu sehen. Dieser Typus lacht immer. Egal ob es lustig ist oder einfach nur ein Satz wie „Die Flagge von Österreich ist Rot-Weiss-Rot“ gesagt wurde. Er lacht, weil er der ganzen Welt oder dem ganzen Saal mitteilen will, dass er da ist. Und wenn eine so nervige Variante wie an diesem Abend neben einem sitzt, dann startet der Abend natürlich schon nicht gut. Besagter Mann lachte ständig so laut, dass ich mich verdammt konzentrieren musste, um das Gesagt überhaupt zu hören. Vielleicht sollte es Laientruppen geben für solche Menschen, wo sie sich treffen, einer läuft auf der Bühne auf und ab, er darf auch hinken, und die anderen unten dürfen völlig sinnfrei und ohne Grund lachen. Leider gibt es in den 2 Stunden Programm von Thomas Maurer eh viel zu wenig zu lachen. Weil es zu wenig lustig war. Er könnte also auch so eine Gruppe leiten. Der Mann war wohl auch verkühlt, und sein Stift, mit dem er Karikaturen direkt per Beamer an die Leinwand macht, spukte anscheinend, trotzdem hat mich der diesjährige Gewinner des deutschen Kabarett-Preises enttäuscht.

Warum geht man ins Cabaret? (Mir gefällt dieses Wort besser als Kabarett, weil es weniger ernst und auch vieldeutiger ist, das glaub ich zumindest.) Jenes Cabaret, das inzwischen, so wird es tausendmal wiederholt, als ziemlich altbacken gilt. Man geht dahin, weil das Lachen über Probleme befreiend ist. Es schafft auf eine gute Art Distanz und so kriegt man den Kopf frei, um über diesen Sachen nochmal nachzudenken und wenn es sich so schlimm entwickelt wie heute, oder vielleicht auch schon gestern, hilft das, die Situation für Menschen mit einem Bewusstsein etwas aushaltbarer zu machen. Da kann es zwar gut passieren, dass der Wille zur Veränderung und damit zur aktiven Tat abgebremst wird, weil es einer auf lustige Art wiedermal gesagt und man ja eh die richtige Einstellung hat. Aber selbst das ist okay, denn es kann auch der gegenteilige Effekt entstehen, man schöpft Kraft für den Kampf gegen das ständig wie ein Krebsgeschwür wachsende reaktionäre Denken und Handeln in den westlichen Gesellschaften.

Und es ist sicher besser als das alte Konzept vom Gottesdienst. Man könnte, wenn man will, sagen, die Aufklärung hat uns einen neue Form von Trost geschenkt, die auch noch Information vermittelt. Und nur dass das hier gesagt ist, es gibt kein Cabaret auf deutschen Privatsendern, auch dann nicht wenn man es Comedy nennt. Was es dort gibt, ist bloss Dieter Bohlen, wo die Kandidaten für die Castingshows durch das Publikum ersetzt wurden, wobei dieses zu blöd ist, das zu bemerken. Ja, die Leute gehen in die Schule und sie gucken Privatfernsehen. Geben und Nehmen. Aber wie auch immer. Sich darüber zu äussern, ist die Sache, die diese zu tiefst zynischen Leute machen, nicht wert. Das ist sogar noch langweiliger als Gottesdienst und dann auch noch ohne Trost.

Trotzdem finde ich, man kann sich eigentlich über alles lustig machen. Gesinnungspolizeiliche Massnahmen gegen bösen, nicht bloss schwarzen, bösen Humor finde ich lächerlich. Aber mit dem Wort lächerlich sind wir auch schon beim Problem, was nicht schön, oder sagen wir nicht gut, oder sagen wir nicht lustig ist, wenn man ernste Probleme lächerlich macht. Das löst zwar die Problem etwas auf, aber sie bleiben dann doch im Magen der Welt liegen, wie ein schlechter verdauter McDoof-Hamburger. Es sind Witze, denen auf halber Strecke die Luft ausgeht und die den Pass des Problems nicht schaffen, sondern mit dem Fahrrad wieder nach Hause radeln. Und das geschieht aus handwerklichen Gründen.

Es sind üble Zeiten, in denen wir leben, und ich fange gar nicht damit an die Probleme jetzt einzeln aufzuzählen, aber wenn man sie im Kontext des Cabarets anspricht, wie das Thomas Maurer tut, dann sollten die Pointen der Schwere der Dinge entsprechend sein. Das ist verdammt anspruchsvoll, und ich sage gar nicht, dass ich daran nicht selbst wie viele anderen grandios scheitern würde. Aber es ist eben problematisch, wenn man es erfolglos versucht, weil dann lachen wir nicht über uns, die wir unfähig sind, sondern eben über die Flüchtlinge oder über die dummen Rechtswähler, oder über den Klimawandel, und wir machen diese Dinge, obwohl sie sehr ernst sind, lächerlich. Es relativiert sich alles. Es entsteht ein „Solang wir hier im kalten dunklen Keller sitzen und lachen können, ist ja alles nicht so schlimm“-Gefühl. Und mein Gott, oder mein Universum, oder meine Natur, wer bin ich, dass ich das wem vorhalte. So wichtig ist Cabaret natürlich nicht, nicht so wichtig wie dieser Dreck, der auf den Privatsendern läuft, diesen geistig prüden Pornosendern, aber es ist eben offensichtlich nicht der Effekt, den Thomas Maurer erreichen möchte. Er möchte die Leute aufrütteln, aufklären, auf Widersprüche hinweisen, und das gelingt ihm auch ganz selten (sagen wir von 120 Minuten ca. 5-7 Minuten lang). Wäre ich sein Dramaturg, hätte ich ihm sein Programm auf eine Viertelstunde zusammengestrichen. Und die wäre super gewesen. Keine Frage.

Eher übel hab ich ihm dann genommen, dass er sich auch noch anfing anzubiedern. Das hasse ich, diese lächelnde, sich dem Publikum zuschunkelnde Ahaha-Getue. Ein guter Kabarettist hat sich vom Publikum abzugrenzen, es ist im besten Fall für seine Unfähigkeit zu leben zu verachten und nicht sich bei ihm einzuschleimen. Igitt, Igitt, obwohl es da auch noch viele andere Beispiele aus dieser Zunft gäbe, die das auf noch viel subtilere und damit auf noch grausigere Art machen. Nervig auch, dass Mauer dann einen riesigen Hammer auspackte, der Lärm machte, wenn er ihn sich in einer vermeintlichen, aber wenig authentischen Steigerung zur Verzweiflung, in die er an diesem Abend anscheinend geriet, auf den Kopf schlägt, weil er das immer macht, wie er sagt, wenn er es nicht mehr aushält. Das ist so platt und unlustig, obwohl es, wenn ich es hier schreibe, sogar noch witzig klingen mag, dass man wirklich verzweifelt auf die Uhr guckt und sich fragt, wie lange noch. 2 Stunden angesagt, 1Stunde 45 Minuten durch, hoffentlich überzieht er nicht. Rausgehen aus dem Theater, das ist nur was für elitäre Arschlöcher und ich mache das nur ganz selten.

Sein Thema war übrigens Toleranz. Aber er hat dazu nichts wirklich Schlaues gesagt. Das Beste war ein Zitat. (Für welches sich zwar der Abend fast gelohnt hätte: „Man kann nicht die Menschen durch Vernunft von etwas abbringen, wozu sie nicht durch Vernunft gebracht wurden“, Jonathan Swift.) Und laut Schreien heisst nicht, dass ich Nuancen bedienen kann, aber das haben eh 90 Prozent der Theaterwelt und Schauspieler noch nicht begriffen. Und nur, weil ein Abend einen chaotische Aufbau hat, fällt es trotzdem auf, wenn sich Witze wiederholen. Und Allgemeines und Relevantes sind nicht dasselbe. Relevant wäre ein Gedanken oder eine Aussage, die sich aus dem allgemein Bekannten herausschält. Das allgemein Bekannte muss man nicht wiederholen und der Witz, dass man aus einem bärtigen Muselmann Jesus machen kann, ist so alt wie mein Grossmutter väterlicherseits.

Ein weiterer Denkfehler, der durch den Einfluss von Poetry Slam auf das Cabaret noch verstärkt wurde, ist zu glauben, dass durch sprachliche Finesse Tiefe entsteht. Nein tut sich nicht. Dann lieber gemeinsam mit der Sprache am Inhalt scheitern. Verdammt! Alles in allem scheint hier ein Mann grosse Themen bespielen zu wollen, die auch noch super aktuell sein sollen, und endet dabei ratlos, merkt es aber nicht und muss deshalb besagte Verzweiflung bloss spielen, was er nicht besonders gut kann.

Was ich übrigens auch nicht mag, sind Kritiken, wo jemand einen Anlass primär dazu gebraucht eigene Gedanken zu äussern, statt denn Anlass selbst zum Gegenstand der Besprechung zu machen. Also hab ich jetzt noch diesen Rundumschlag gegen Schluss eingebaut. Obwohl es der Abend kaum wert war. Mehr gibt es leider nicht zu sagen. Es war ziemlich langweilig. Und so hab ich mir mit meiner Begleitung halt ein paar Gedanken über Cabaret als Ganzes gemacht, als wir beim Bier danach über den Abend sprachen.

Thomas Maurer: Der Tolerator
Tourdaten