Looking Like My Mother: Pinguin des Grauens

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Manche Szenenbilder sind so grossartig, dass mir der zugehörige Film fast schon egal ist. Da sitzt zum Beispiel diese Frau in einem gepolsterten Stuhl, auf ihrem Kopf eine Kartonschachtel mit angemaltem Gesicht. Hinten in der Ecke steht ein riesiges Stofftier, ein gehäkelter Pinguin, der fast bis zur Decke reicht. Eigentlich ist der Pinguin ja ganz süss, aber in diesen Ausmassen wird er unheimlich. Ist er ein menschenfressendes Monster, das sich mit einem harmlosen Äusseren tarnt? Und um wen handelt es sich bei der Frau? Was bedeutet die Kartonschachtel? Trägt sie sie, um sich dem Blick des Horror-Pinguins zu entziehen? (Übrigens, wer von euch hat schon mal Lovecrafts At the Mountains of Madness gelesen?)

Dominique Margot wuchs in Schwamendingen auf. Der Vater ein Westschweizer, die Mutter aus einer Familie strenggläubiger Bergbauern im Berner Oberland. Eine Zürcher Kernfamilie wie viele, auf ihre eigene Weise unglücklich: Eben die Mutter sperrt sich manchmal tagelang im Schlafzimmer ein, wäscht sich nicht mehr, verdächtigt die Nachbarn, sie zu überwachen. Immerhin gibt es Lichtblickte: „Wenn sie rauchte, ging es ihr gut.“
Die Tochter rebellierte, beteiligte sich an den Zürcher Unruhen, macht sich mit einem kleinen Zirkus auf und davon, reist um die halbe Welt.

Als erwachsene Frau, die nun selbst eine Tochter hat, geht sie der Lebensgeschichte, der Depression ihrer Mutter nach, macht einen Film darüber. Befragt alte Bekannte, sucht Fotos und Homevideos hervor, stellt ihre Erinnerungen nach. Da schwebt zum Beispiel eine Käsequiche durch die Luft, die der Mutter verbrannt war, um die sie und der Vater sich gestritten hatten. Die Quiche fliegt über den Himmel, als würden Ausserirdische jene traurige Schwamendinger Siedlung besuchen. Schliesslich landet das UFO: „Die Quiche blieb tagelang auf der Wiese liegen. Meine Eltern sprachen kein Wort mehr miteinander.“

Immer wieder findet Margot tolle, poetische Bilder. Da wird ein Puppenhaus zum Gefängnis – mit dem Pinguin, ein Kuscheltier der Kindheit, als Wärter. Die Kartonschachtel auf dem Kopf, eine Verkleidung für Kinder, als Variante der Eisernen Maske.
Und Margot findet Parallelen, die ihr erst jetzt klar werden. Ihr war gar nicht bewusst, dass ihre Mutter für mehrere Jahre in den USA war. Oder: „Meine Mutter hatte auch Brustkrebs.“
Unter anderem besucht sie eine langjährige Brieffreundin ihrer Mutter, die in Rotterdam lebt. Diese öffnet die Tür, nimmt die jüngere Frau in den Blick: „You look exactly like your mother!“

Bild von Look Now!

Looking Like My Mother
Schweiz 2016, 78 Min.
Regie & Buch: Dominique Margot

 

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