ZFF 2016: Zoology

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Da liegt Natasha (Natalya Pavlenkova) also beim Röntgenarzt auf dem Tisch – denn ihr ist ein Schwanz gewachsen. (Wie bei einem Tier, nicht wie bei einem Kerl, ihr Ferkel.) Sie ist um die fünzig, lebt aber immer noch bei ihrer Mutter. Die Kollegen auf der Arbeit (Natasha ist bei einem Zoo angestellt) mobben sie, indem sie ihr zum Beispiel eine Sackladung Ratten in die Schublade stecken. Einen Freund hatte sie auch noch nie.
Das ändert sich mit dem Auswuchs am Rücken, denn der Röntgenarzt, ein junger Mann in den Dreissigern, ist fasziniert vom neuen Körperteil. So verarbredet er sich mit Natasha. Allmählich lebt sie auf, lässt sich eine neue Frisur schneiden, kauft sich Reizwäsche.

Doch bald folgt die Gegenreaktion. In der Nachbarschaft erzählt man sich Gerüchte von einer Frau, die vom Teufel besessen sei. „Man sieht es daran, dass sie einen Schwanz hat“, sagt die Mutter einmal beim Essen. Als Vorsichtsmassnahme malt sie Kreuze an die Wand. Jede Menge Kreuze.

Die Russen haben es mit Körperteilen und Tiermenschen. Man denke nur an Gogols Die Nase oder an Hundeherz von Bulgakov. Und erst 2015 sah ich am Fantoche Why Banana Snarls, einen animierten Kurzfilm der Russin Svetlana Razgulyaeva, in der einem Typen ein Schwanz wächst (also, ein zweiter Schwanz).* Wie Natasha kriegt auch er es mit einer Gesellschaft zu tun, die so gar nicht verstehen kann, dass er unbedingt ausscheren muss – dabei kann er genau so wenig dafür wie die Frau aus Zoology.
Man merkt schon, der Schwanz hat Bedeutung, man kann ihn zum Beispiel ohne weiteres als Symbol für Homosexualität lesen – aber er könnte auch für vieles andere stehen. Tverdovsky, der Regisseur von Zoology, lässt das zum Glück offen.

* Jenseits von Russland gibt es noch eine italienische Deppenkomödie von 1970, Als die Frauen noch Schwänze hatten (Quando le donne avevano la coda). Doch über den Film wollen wir den Mantel des Schweigens breiten. Für den Moment jedenfalls.

Ansonsten: Die märchenhafte Surrealität von Zoology begeistert mich, ebenso die Balance zwischen Drama und Humor, oder Tverdovskys bestechender Umgang mit Farbe – der ganze Look basiert auf der Farbe Blau; die Geschichte spielt sich ja in einer Stadt am Meer ab. Mein persönliches Highlight des diesjährigen ZFF.
 

Zoology läuft in der Kategorie Internationaler Spielfilm / Wettbewerb
Weitere Vorstellung: Do 29.9. um 21 Uhr (Filmpodium); So 2.10. um 15.45 Uhr (Corso 2)
Zoology
Russland/Frankreich/Deutschland 2016, 87 Min.
Regie & Drehbuch: Ivan I. Tverdovsky
Mit Natalya Pavlenkova, Dmitriy Groshev, Irina Chipizhenko et al.
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Ein Gedanke zu “ZFF 2016: Zoology

  1. Nachtrag: In Rolf Schneiders Erzählband „Brücken und Gitter“ (1965) gibt es die Geschichte „Metamorphosen“, in der ein Tierarzt mit einem Schweif erwacht. Der Mann wird entlassen und von der Gesellschaft ausgestossen — dann allerdings kehrt sich sein Schicksal, als Schwänze modisch werden.

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