ZFF 2016: Day Is Done

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Eine Frau vom ZDF spricht aufs Band: Man habe auf der Redaktionssitzung Imbachs Projektvorschlag besprochen, sich dann aber dagegen entschieden. „Tut mir leid.“ Währenddessen sieht man, wie ein Arbeiter von der Altmetall-Anlage gegenüber in einem Container herumklettert und Schrott sortiert.

Während fünfzehn Jahren (von 1995 bis 2010) hat Regisseur Thomas Imbach aus seinem Atelier heraus die Aussicht gefilmt, das Wetter am Himmel, die Vorgänge im Hof vor seinem Haus. Das Atelier steht beim Güterbahnhof, in der Ferne sieht man rechts das Migros-Gebäude am Limmatplatz, links den Bahnhof Hardbrücke – und in der Mitte den Kamin der Kehrichtverbrennungsanlage Josefstrasse. Tag und Nacht raucht das Ding, als sei die Stadt an sich schwer nikotinabhängig. Flugzeuge schwirren wie Fliegen um den Kamin herum. Der urbane Phallus, um den sich alles dreht.

Die Aufnahmen hat Imbach dann mit Nachrichten unterlegt, die ihm Leute auf den Anrufbeantworter gesprochen haben (die Stimmen stammen aus den Jahren 1988 bis 2003). Entstanden ist eine „fiktive Autobiografie“, wie Imbach das im Presseheft nennt: Zwar sei das biographische Material authentisch, er habe es aber soweit verdichtet und dramatisiert, dass die Figur T. sich vom realen Thomas gelöst habe.

Hinzu kommen Songs wie Bob Dylans „Born in Time“ oder „Big in Japan“ von Alphaville, die Imbach von befreundeten Musikern als Coverversionen hat einspielen lassen. Und manchmal geht er heraus aus seinem Atelier, wenn er zum Beispiel seine Grossmutter besucht und heimlich dabei filmt, wie sie sich im Badzimmer die Haare richtet. Bis sie es merkt: „Bisch en Lappi!“

Die Nachrichten vom Anrufbeantworter sind, wie es dem Medium entspricht, stets fragmentarisch: Man bekommt nur Ausschnitte aus dem Leben von T. mit. Aber über die Zeit ergibt sich aus den Puzzleteilen ein Ganzes. Einmal erzählt seine Freundin von einem Arztbesuch, sie ist schwanger. Bei einem anderen Anruf hört man im Hintergrund ein Baby schreien. Dann spricht ein Kleinkind sein erster „Hallo“ aufs Band — die Mutter muss ihm erklären, dass Papi gar nicht daheim sei und dass das eben bloss eine aufgezeichnete Stimme war. Schliesslich schildert das Kind, wie es sich mit einem Gspänli geprügelt hat. Und mir fällt auf, was für ein kläglicher Versuch im Vergleich dazu Boyhood ist.

Übrigens: Eine halbe vor Filmschluss sieht man plötzlich, dass drüben bei der Hardbrücke hohe Absteckstangen aufgerichtet wurden. Wenn der Film schliesslich endet, ist dort der Prime Tower aus dem Boden gewachsen, das erste richtige Hochhaus der Schweiz. Plötzlich wirkt der Kamin an der Josefstrasse ganz klein und unbedeutend.
(Übrigens: Die Kehrichtverbrennungsanlage Josefstrasse wird 2020 abgerissen.)

 
Schwankendes Kino

Day Is Done lief als Reprise auf dem Pavillon of Reflections. Das ist eine schwimmenden Plattform auf dem Zürisee, die über einen Steg mit dem Bellevue verbunden ist. Gebaut wurde das Ding für die Manifesta 11 — jetzt zeigt dort das ZFF Filme über Zürich.

Der Eintritt ist frei, der Platz jedoch beschränkt: Als ich nach Ma vie de Courgette vom Arthouse Le Paris rüber zum Pavillon rannte, kam ich gerade noch rechtzeitig zum Beginn von Day Is Done — und ich musste über mehrere Leute klettern, um mir einen freien Platz zu ergattern. Man hockt da auf einer hölzernen Tribüne, wobei Sitzkissen und Decken ausliegen (die Decken braucht man auch, denn gegen Abend wird es da draussen auf dem See ganz schön frisch).
Dank des durchgehenden Schwankens der Plattform fühlt man sich bald einmal beschwipst; da brauchte ich nicht einmal ein Glas Rotwein (das mit 10 SFr. eh etwas gar teuer ist). Jesses: Selbst jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, wirds mir prompt wieder ein bisschen schwindlig.

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Auch sonst hat dieses schwimmende Kino seine schönen Momente. Da sieht man in Day Is Done zum Beispiel einen Vogelschwarm, der über die Stadt fliegt, und gleichzeitig flattern ein paar Möwen am Pavillon vorbei. Weniger schön ist, wenn ein Ausflugschiff vorbeifährt und einen mit lautem Tröten erschreckt.

Gegen Ende des Films stürmte übrigens plötzlich ein Filmteam den Pavillon – ein Kameramann filmte zwei lautstarke Italiener in langen Pelzmänteln. Im Rücken der Kamera stand die restliche Entourage. Waren das zwei Filmemacher, die gerade ihr Werk im Corso oder Arthouse Piccadilly präsentiert haben und mit der Making-Of-Crew rüber herüber schlenderten? Oder drehten die gerade für ZFF 72? (Das Thema des Mini-Filmwettbewerbs ist ja „Wasser“, würde also zum Pavillon passen.)
Ich ging dann jedenfalls rüber ins Festivalzentrum, wo das Glas Wein nur 8 SFr. kostet.
 

Day Is Done lief im Pavillon of Reflections
Day Is Done
Schweiz 2011, 111 Min.
Regie: Thomas Imbach
Drehbuch: Thomas Imbach & Patricia Stotz
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