ZFF 2016: Ma vie de Courgette

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„An einem Tag schafft ein Animator vier Sekunden“, erzählt Regisseur Claude Barras. Zusammen mit der Musikerin Sophie Hunger ist der westschweizer Animationsfilmer ins Arthouse Le Paris gekommen und hat sich dem Publikum gestellt. Jemand hat ihn danach gefragt, wie lange so ein Stop-Motion-Film braucht. Ein ganzes Jahr war nötig, um eine gute Stunde Laufzeit zu füllen. Ganz zu schweigen von der Vorbereitung und der Postproduktion, was jeweils ein weiteres Jahr in Anspruch nahm.
Teil der Vorbereitungen war es, die Puppen zu gestalten, die dann eben in einem zeitraubenden Verfahren zum Leben erweckt wurden. Eine davon (es handelt sich um den kleinen Helden des Films) hat Barras mitgebracht.

Zur Postproduktion gehörte unter anderem die Musikuntermalung. Sophie Hunger, Gewinnerin des diesjährigen Schweizer Musikpreises, sagt: „Für Filme zu arbeiten, war mir fremd.“ Barras habe ihr aber das nötige Selbstvertrauen gegeben. Was nicht heisst, dass er sie mit Samthandschuhen angefasst hätte: „Erst sollte ich alles mit Streichern machen. Aber als er das dann gehört hat, wollte er doch lieber die elektrische Gitarre.“ Es hat sich jedenfalls gelohnt: Ma vie de Courgette hat einen tollen Soundtrack.

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Die Geschichte dreht sich um Icar, den seine Mutter aber nur Courgette (zu Deutsch „Zucchini“) nennt. „Sie trinkt viel Bier“, beschreibt er sie selbst. „Aber ihr Kartoffelstock ist toll.“
Der Vater ist schon lange fort, die Mutter eben eine Alkoholikerin, die im Suff Soap Operas guckt und die Figuren im Fernseher anbrüllt. Zu Beginn des Filmes sehen wir, wie Courgette die Bierdosen einsammelt, die seine Mutter überall in der Wohnung liegen lässt, um daraus einen Turm zu bauen.
Durch einen blöden Unfall kommt die Frau ums Leben. (Das ist übrigens einer jener Momente, die ich meine – man sieht nicht, wie die Mutter stirbt, und es wird nie direkt ausgesprochen, aber aus dem Zusammenhang wird es klar.) Also landet Courgette in einem Waisenhaus.
Auch die anderen Waisen haben Elter, die tot sind, drogensüchtig oder wegen Bankraub inhaftiert. Man rauft sich und rauft sich zusammen. Courgette gewöhnt sich allmählich ein – und verliebt sich in Camille, die Neue. Wieso sie ihren Eltern weggenommen wurde? „Jeden Morgen musste ich als Dinosaurier verkleidet zur Schule gehen.“ Die Kleine hat Humor.

Ma vie de Courgette behandelt ernste Themen aus kindlich-naiver Sicht, in fantasievollen Bildern und wunderbar animiert mit Stop-Motion. Technisch natürlich nicht so aufwändig oder raffiniert wie zum Beispiel Kubo and the Two Strings — aber der ist ja schon wieder so perfekt, dass er das sympathisch Handgemachte der Stop-Motion und damit gerade deren Reiz etwas verliert.
Der spektakulärste Moment in Ma vie de Courgette betrifft die Fahrt in einer Geisterbahn – da fliegen bunte Gespenster oder leuchtende Schlangen durch die Luft.
Ein Detail gefällt mir besonders: Courgette schreibt immer wieder Briefe und legt ihnen Zeichnungen bei. Simple Kinderzeichnungen, die aber Sachverhalte mit viel Fantasie abstrahieren. Zum Beispiel: Eines der anderen Waisenkinder ist Bettnässer. Da malt Courgette sie alle, wie sie auf einem Boot unterwegs sind – nur eben der Bettnässer befindet sich im Wasser.

Im Gegensatz zu A Monster Calls ist Ma vie de Courgette ein Kinderfilm der guten Sorte – traurige Momente müssen nicht extra mit trauriger Musik unterlegt werden, und auch wenn sich die Filmemacher an Kinder richten, so kauen sie ihnen doch nichts vor, sondern vertrauen darauf, dass die Kleinen auch das verstehen, was unausgesprochen bleibt.
 

Ma vie de Courgette läuft in der Kategorie Special Screening, bzw. ZFF für Kinder
Weitere Vorstellungen: Sa 24.9. um 12.30 Uhr (ausverkauft), So 2.10. um 17.45 Uhr (Arena 5; Synchronfassung)
Regulär im Kino im Frühjahr 2017
Ma vie de Courgette
Schweiz/Frankreich 2016, 66 Min.
Regie: Claude Barras
Drehbuch: Céline Sciamma, nach dem Roman von Gilles Paris (Autobiographie d’une courgette)
Mit den Stimmen von Gaspard Schlatter, Sixtine Murat, Paulin Jaccoud, Michel Vuillermoz, et al.
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