ZFF 2016: A Monster Calls

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Ein einziges Wort kann einen Film zerstören. Da geht Conor (Lewis MacDougall) an die Tür, nachdem es geklopft hat. Der Knabe ist allein im Haus seiner Grossmutter, den diese ist kurz zuvor in den Spital – dort liegt Conors Mutter, die an Krebs leidet. Die Familie erwartet jeden Moment Conors Vater, der aus den USA anreist. Der Junge freut sich wahnsinnig auf ihn. Und tatsächlich: Als Conor die Tür aufmacht, steht ein Mann draussen, der ihm ähnlich sieht und ihn anlächelt. Conor strahlt übers ganze Gesicht – und da sagt er: „Dad.“

A Monster Calls ist die Art von Film, der seinem Publikum nichts zutraut und jeden Moment überdeutlich erklärt. Soll heissen: Wer auch bloss ein halbes Gehirn hat, kapiert, dass dieser Typ auf der Türschwelle Conors Vater ist. Aber Conors muss es extra noch einmal explizit erwähnen.
Schon klar, der Film ist für Kinder gedacht – aber nicht für Kleinkinder, sondern für Kinder um die zwölf. Und auch wenn alle Zwölfjährigen doof sind – sie sind nicht völlig bescheuert. A Monster Calls ist einer jener Kinderfilme, die sich nicht etwa auf die Ebene seines Publikum begibt, sondern auf sein Publikum herunter schaut.

Vorschlag für ein Trinkspiel! Nehmt jeweils einen Shot, wenn Conor mit einem Erwachsenen redet und sich das wie folgt abspielt: Beide Parteien würgen mit wässrigen Augen pathetisch formulierte, viel zu ausgewalzte Worte hervor, während im Hintergrund traurige Musik spielt. (Denn das Publikum ist sonst zu blöd um zu merken, dass eine Szene traurig gemeint ist.) Und Gott bewahre, dass hier mal irgendeine Figur ihre Gefühle und Motivationen nicht in drögsten Details erklärt.

Die Musik insbesonders stört mich (verantwortlich zeichnet der Spanier Fernando Velázquez, ein Horrorspezialist – siehe El orfanato oder Crimson Peak). Nicht nur, dass A Monster Calls seine Klänge viel zu oft einsetzt (das entwickelt sich bei mir allmählich zu einer Obsession: 70% Prozent aller gegenwärtigen Filme würden immens davon profitieren, wenn sie den Score schlicht einsparen würden). Das ist auch die klischierteste Komposition, die man sich für eine Geschichte dieser Art ausdenken kann. Ihr habt sowas sicher schon hundertmal gehört: Subtile Streicher legen das Fundament im Hintergrund, während sparsam klimpernde Klavierklänge die Melodie bestreiten.

Das alles ist besonders deswegen ärgerlich, weil A Monster Calls eine Geschichte über Geschichten ist, und noch ärger: darüber, dass gute Geschichten unkonventionell sind. Wie gesagt, Conors Mutter (Felicity Jones) hat Krebs. Der Knabe kann nicht wirklich damit umgehen – und es hilft ihm wenig, dass ihn die Mitschüler ständig verprügeln oder ihn die strenge Grossmutter (Sigourney Weaver*) massregelt.
Da kriegt Conor Besuch von einem Monster (gesprochen von Liam Neeson). Ist es real? Träumt Conor nur? Hat er eine ausgewachsene Psychose? Das wird nicht ganz klar. Jedenfalls will ihm das Ungeheuer drei Geschichten erzählen – anschliessend soll ihm Conor eine vierte vortragen. Die ersten beiden dieser Storys sind das Highlight des Films. Es geht um einen Königssohn und eine böse Hexe, bzw. um einen Pfarrer und einen Kräuterheiler. Diese zwei Geschichten sind nicht nur in einem wunderschönen Wasserfarben-Stil animiert, sondern unterlaufen auch Zuschauererwartungen und sind moralisch erfrischend ambivalent.
Die dritte Monster-Story ist dagegen ziemlich wertlos und auch nicht mehr animiert. Die letzte, von Conor geschilderte Erzählung, ist die Klimax – und hier fällt dann alles endgültig in sich zusammen, weil sich die grosse Erkenntnis, auf die alles hinausläuft, als eine ziemliche Banalität herausstellt.

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PS. Ich weiss, dass der Film auf einem gefeierten Roman von Patrick Ness basiert. Das Ding werd ich auch lesen, für den Fall, dass es bei der Adaption bloss Regisseur J.A. Bayona verbockt hat – allerdings stammt das Drehbuch ja vom Autor der Vorlage. Seufz.

A Monster Calls läuft in der Kategorie Gala Premieren.
Weitere Vorstellungen: Sa 24.9. um 15.15 Uhr und Sa 1.10. um 16.15 Uhr (jeweils im Corso 1)
Regulär im Kino ab dem 12. Januar 2017

 

A Monster Calls
USA/Spanien 2016, 108 Min.
Regie: Juan Antonio Bayona
Drehbuch: Patrick Ness, nach seinem eigenen Roman
Mit Lewis MacDougall, Liam Neeson, Sigourney Weaver, Felicity Jones, Toby Kebbell et al.
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