London #2: Hexen, Mormonen und ein Phantom

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Da liegt der Kronleuchter auf der Bühne, verborgen unter einer Plane. Er ist Gegenstand einer Auktion. Einst hing er stolz an der Decke eines Opernhauses – und stand in Verbindung zu den mysteriösen Vorgängen um das sogenannte Phantom der Oper, wie der Auktionsleiter erklärt. Als das Vorspiel endet und die eigentliche Handlung beginnt, erhebt sich der Kronleuchter in voller Pracht in die Luft und bleibt über den Köpfen des Publikums stehen. Wann stürzt er wohl herunter?

Man kann ja schwerlich nach London gehen, ohne sich Musicals anzusehen. Und welche Wahl liegt näher als Phantom of the Opera? Dieser Klassiker feierte seine Premiere vor dreissig Jahren in Her Majesty’s Theatre und läuft dort seither ununterbrochen. Dass sich das Phantom so lange gehalten hat, mag am aufwändigen Bühnenbild liegen – in der Tat ist es beeindruckend, wie schnell sich die prächtig ausgestattete Opernbühne in ein Kellergewölbe verwandelt, wo Kerzen die Nebelschwaden der Kanalisation bescheinen (zum Glück verzichtet die Produktion auf eine entsprechende Geruchs-Kulisse).
Vielleicht ist es auch die Story, eine etwas arg platte, aber hübsch kitschige Liebesgeschichte um eine junge Sängerin, derer sich das Phantom (seines Zeichens ein Hardcore-Opern-Nerd) als Mentor annimmt – und am liebsten als auch Liebhaber, wäre da nicht dieser andere junge Mann, ein Kindheitsfreund der Sängerin.
Womöglich ist es auch der Holzhammer-Humor (ich hoffe aber nicht). Da geht zum Beispiel ein Gutteil der Witze auf Kosten einer etablierten Opernsängerin, Stammsängerin dieses fiktiven Pariser Opernhauses, die wenig Talent hat, dieses aber mit umso mehr Verve demonstriert. Das ist alles andere als subtil, kommt jedoch beim Publikum gut an, dem Anschein nach.
Aber wahrscheinlich ist es einfach die Musik: Besonders das Titelthema hat eine emotionale Wucht, bei der man Gänsehaut kriegt – zudem ist das Thema ein erbarmungsloser Ohrwurm.

Man merkt vielleicht, ich war nicht vorbehaltlos begeistert. Was auch damit zu tun haben könnte, dass ich das Musical zwar nie zuvor gesehen hatte, es sich als Meilenstein der Popkultur aber derart tief ins kollektive Bewusstsein (und somit auch in meines) eingebrannt hat, dass es mir keinerlei Überraschungen mehr bot.
Vom Stück selbst mal abgesehen: Her Majesty’s Theatre existiert in seiner jetztigen Form seit 1897. Die Menschen dazumal müssen allesamt Zwerge gewesen sein, denn mit meinen 186 Zentimetern konnte ich mich nur mit Mühe in meinen Sitz quetschen. Gottseidank war ich nicht drei Jahre früher dort, als ich noch deutlich fetter war.

Das Theater, in dem Wicked lief, war jedenfalls um einiges bequemer. Dafür ist das Stück, man kann es nicht anders sagen, strunzdoof.
Wicked erzählt die Geschichte des klassischen Filmmusicals The Wizard of Oz (1939) nach, jedoch unter anderen Vorzeichen: Dorothy kommt hier nur am Rande vor. Wir erinnern uns: Das kleine Mädchen gerät zusammen mit seinem Hund Toto in einen Wirbelsturm und landet in Oz, einem fantastischen Land, wo die böse Hexe im Westen die friedvollen Munchkins triezt. Wicked ist nun aus Sicht der bösen Hexe erzählt, wobei sich herausstellt, dass die Hexe gar nicht böse ist, sondern Opfer einer Schmierenkampagne der skrupellosen Munchkin-Elite. Weil sie von Geburt an eine grüne Haut hat*, ist sie unter den Munschkins eine Auseinseiterin, eine Ausgestossene — „Achtung, die färbt wahrscheinlich ab“, sagt mal jemand.
Als die besagten skrupellosen Eliten beschliessen, alle Tiere (in dieser Welt intelligente und sprachfähige Zweibeiner) wegzusperren, stellt sich die Hexe auf ihre Seite und wird zur Rebellin, die Anschläge gegen das Regime begeht.

* Die Hexe hat eine grüne Haut, weil ihre Mutter bei der Empfängnis Absinth gesoffen hat, oder so ähnlich.

Ja, Wicked hat eine Botschaft: Rassismus ist böse. Und diese Botschaft wird dem Publikum mit der Subtilität einer Dampfwalze eingebleut – auf Kosten von Story und Figuren. Die Bösen sind ebenso platte Abziehfiguren wie die Helden, die Handlung ist vorhersehbar und langweilig, die Seitenhiebe auf das Original durchwegs einfallslos.
Und was die Musik anbelangt: Zwar ist „Defying Gravity“ ein toller Song, doch zum grössten Teil herrscht akustisches Einerlei.
Weiss der Teufel, weshalb die Produktion derart gefeiert ist.

Das positive Gegenbeispiel zu Wicked ist The Book of Mormon. Dafür haben sich die beiden South Park-Macher mit Robert Lopez zusammengetan, der mitverantwortlich ist für Avenue Q — eine Musical-Satire auf die Sesamstrasse, der unter anderem die Nationalhymne des Internets entstammt.
Die Geschichte von The Book of Mormon dreht sich um zwei junge Mormonen, die auf Mission geschickt werden – nach Uganda. Dort herrschen Armut, AIDS und ein Warlord. Kein Wunder, dass die Einheimischen wenig Sinn für die weissen Missionare und ihr dämliches Buch haben. Da passt einer der beiden Mormonen (ein notorischer Lügner) die Erzählungen im Buch Mormon einfach ein wenig an, damit sie auf die Situation der Leute in Uganda passen – nun fühlen sich die Menschen plötzlich angesprochen und wollen alle konvertieren. Doch der örtliche Warlord hat etwas dagegen.

Wer jemals South Park gesehen hat, weiss, was ihn hier erwartet: Obzönitäten und politisch unkorrekte Witze zuhauf (es gibt zum Beispiel einen Running-Gag über einen Typen, der Parasiten im Hodensack hat). Die Mormonen waren auch in der Serie mehrfach Zielscheiben des Spottes und selbst die Musical-Nummern sind nichts Neues, Trey Parker und Matt Stone hatten ja immer schon eine Vorliebe dafür (immerhin, ihr allererstes Filmprojekt, lang vor South Park, war Cannibal! The Musical).
Und doch, all diese Unterschreitung jeglichen Niveaus ist zugleich mit cleveren Beobachtungen unterfüttert. Beispiel: Zwar bedient das Musical jedes Klischee über Afrika, das man sich nur denken kann, zieht aber genau daraus bitterböse Kommentare über die rassistischen Vorstellungen der westlichen Welt (inklusive eines Seitenhiebs auf das Lion King-Musical).
Damit hat The Book of Mormon unendlich viel Intelligenteres und Tiefgründigeres über Rassismus zu sagen, als es Wicked jemals könnte. (Zudem hat das Trey-Parker-Dings die bessere Musik.)

Was aber am meisten Eindruck macht: Man könnte ja meinen, Trey und Parker würden einfach auf der Religion der Mormonen herumhacken – das machen sie auch (und zwar erbarmungslos), aber gleichzeitig sehen sie die positiven Seiten von Religion, oder anerkennen zumindest, was Religion Menschen nützen kann. Damit lassen sie eine Ambivalenz zu, die, ich wiederhole mich, einem einseitigen und intellektuell stinkfaulen Thesenstück wie Wicked völlig abgeht.

 

The Book of Mormon, USA 2011
Von Matt Stone, Trey Parker & Robert Lopez
Prince of Wales Theatre

Phantom of the Opera, GB 1986
Von Andrew Lloyd Webber
Her Majesty’s Theatre

Wicked, USA 2003
Von Stephen Schwartz & Winnie Holzman
Apollo Victoria Theatre

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