Fantoche 2016: Schildkröten und Vogelscheuchen

Letzte Woche fand das internationale Animationsfilm-Festival zum 14. Mal statt. Ich hab mir das Wettbewerbsprogramm und ein paar Langfilme angesehen. Da gabs Vogelscheuchen auf Muschel-Jagd oder Schiffbrüchige, die sich mit grossen roten Wasserschildkröten anlegen. Ein kleiner Rückblick.

 
Wettbewerbe

Eigentlich sieht das wie ein ganz gewöhnliches Wohnzimmer aus. Nur, dass ein riesiger Scheisshaufen darin liegt. Da geht die Tür auf, eine Fliege kommt surrend hereingeflogen. Sie holt sich in der Küche ein Bier, setzt sich in den Haufen und stellt den Fernseher ein.
Dieses Feierabend-Idyll stammt aus Das Leben ist hart des Winterthurers Simon Schnellmann. Das Filmchen ist eine Mini-Sketchshow von gerade mal drei Minuten, in der sich Strichfigürchen und lebendige Buchstaben an der Tücke des Objekts abarbeiten. Das Leben ist hart bewegt sich irgendwo zwischen dem Werk von Don Hertzfeldt und den asdfmovies. Nicht so intellektuell abgedreht wie bei Hertzfeldt, zum Glück nicht so nervtötend wie die asdf-Dinger, auf jeden Fall saukomisch. Dafür gabs die Auszeichnung als bester Beitrag im schweizerischen Wettbewerb.

Es hat schon seinen Reiz, sich zusammen mit ein paar hundert anderen Zuschauerinnen totzulachen. Ich war ja dabei, als am Sonntagabend die Gewinnerfilme gezeigt wurden, bzw. ein Teil der Gewinnerfilme. Bei satten fünfzehn Kategorien wäre es sonst ein bisschen viel geworden. „Dann würden wir drei Stunden hier sitzen“, drückte es die Präsentatorin aus.
Weniger Lachen als Verwunderung (gelinde gesagt) löste Forever des Chinesen Zhong Su aus. Der Kurzfilm lief im Internationalen Wettbewerb und erhielt die Ehrung New Talent. Als eine Art Triptychon angelegt (also in drei thematische Kapitel aufgeteilt), führt der Kurzfilm durch eine apokalyptische Zukunftvision, die von unheimlichen Figuren bevölkert und von einem gigantischen Uhrwerk gesteuert wird. Die Jury spricht von einer „Internet-Dystopie“, das Werk sei eine „eine Kritik an unserem ganzen verrücktgewordenen Sinnempfinden des 21. Jahrhunderts“. Tatsächlich wirkt der Film, als habe Zhong Su Orwells 1984 aus Online-Fragmenten nachgebaut. Die Bildsprache ist teils kaum noch zu entschlüsseln, jedenfalls für einen Durchschnitts-Deppen wie mich, aber jederzeit verblüffend. Lustig war es, die Reaktionen des überforderten Publikums zu beobachten.
Hm, eine Dystopie aus durchgeknallten digitalen Bildern, die weitgehend unverständlich ist? Das erinnert mich stark an die Sachen von M dot Strange. Immerhin: Zhong Su beschränkt sich auf siebzehn Minuten.

Etwas allgemeinverträglicher war dann wieder Mr Madila von Rory Waudby-Tolley (aus England), der den Publikumspreis erhielt. Da setzt sich der Regisseur eben mit Mr Madila zusammen, einem „spiritual healer and advisor“, der bei Geldsorgen oder Erektionsproblemen hilft. Waudby-Tolley befragt den Heiler und setzt das Interview in animierte Bilder um – wobei Mr Madila dem Unterfangen gegenüber äusserst kritisch eingestellt ist. Keine Ahnung, wieviel davon tatsächlich dokumentarisch ist (wenn überhaupt), aber dieser Mr Madila hat auf jeden Fall jede Menge Charisma und ein paar schräge Sätze auf Lager. Da befiehlt er Waudby-Tolley zum Beispiel, er solle die Augen schliessen. „Was sehen Sie?“
„Äh, ich seh gar nichts.“
„Schauen Sie genauer hin. Reiben Sie sich die Augen. Reiben Sie sie, bis Farben erscheinen. Die Farbe des Nichts.“

Hier sind alle Gewinner aufgelistet. Und hier gibts alle Infos zu Best of Fantoche on Tour 2016 sowie zu Best Kids on Tour 2016 — da haben diejenigen, die das Festival in Baden verpasst haben, trotzdem noch etwas davon. In Zürich zum Beispiel laufen die Best-of-Tours ab dem 29. September, und zwar im Riffraf, bzw. Houdini.

 
Jenseits der Gewinner

Dieses Jahr gabs neben dem Internationalen und Schweizer Wettbewerb erstmals das Programm Hors Concours — für jene Kurzfilme, die es nicht in einen Wettbewerb geschafft haben, die das Fantoche aber dennoch zeigen wollte. Beiträge, die durch eine „originelle Narration“ auffallen oder mit den Grenzen des Animationsfilms arbeiten. Ich hatte mich ja auf Ronny Trockers Estate gefreut. Ganz einfach, weil ich den Südtiroler vor ein paar Wochen interviewt hatte – im Hinblick auf das Zurich Film Festival, wo sein erster Langfilm Die Einsiedler läuft. (Man achte auf die ZFF-Beilage der NZZaS vom 11. September, die auch am Festival selbst ausgelegt sein wird und mein Trocker-Porträt enthält – Ende der Eigenwerbung.) Doch leider wurde Estate, wie der Moderator sagte, zurückgezogen.

Nun gut, dafür gab es andere tolle Beiträge, allen voran Kukuschka: In dem Stop-Animation-Film bewegen sich vogelartige Kreaturen durch eine endlose Wüste, in der beständig der Wind pfeift. Die Vogelwesen sind in Bandagen gewickelt und haben überall Leinen aufgehängt – eine Waschküche des Weltuntergangs. Eine der Kreaturen hat ein Ei gelegt, doch statt sich um das Kleine zu kümmern, geht sie lieber ihrer Obsession für die Sonne nach – sobald diese morgens aufgeht, läuft ihr das Vogelwesen hinterher, bis die Sonne wieder untergeht. Die Russin Dina Velikovskaya hat da etwas Wunderschönes geschaffen und es lohnt sich, sich auch ihr sonstiges Tun anzusehen.

Und dann gibts natürlich noch die Beiträge, die zwar in die Wettbewerbe genommen wurden, aber nichts gewonnen haben. Mein allerliebster Film unter allen war Au revoir Balthazar von Rafael Sommerhalder aus Zürich. Immerhin, er hat zwar keinen Preis, aber wenigstens die Swiss Special Mention gekriegt. Au revoir Balthazar ist ein kleines Stop-Motion-Abenteuer, das sich um eine Vogelscheuche dreht. Zusammengebaut aus Holz, Plane und Blech, ist diese Scheuche ein grandioses Ungetüm – und doch auf den ersten Blick zutiefst sympathisch. Während eines Sturms reisst sie sich aus ihrer Verankerung los. Sie findet eine Muschel und verliebt sich in das Rauschen, das sie daraus hört. Da klaut ihr ein Vogel die Muschel und fliegt davon. Die Vogelscheuche nimmt die Verfolgung auf. Hier findet ihr die offizielle Website, unter anderem mit den künftigen Vorstellungen.

 
Langfilme

Am Fantoche gibt es jedes Jahr auch aktuelle lange Animationsfilme aus aller Welt zu entdecken. Verpasst habe ich leider The Boy and the Beast, den neuen Film von Mamoru Hosoda. Der Regisseur hat bei Kinderserien wie Digimon oder One Piece angefangen, bevor er mit The Girl Who Leapt Through Time seinen ersten eigenen Film machte – der dann auch gleich ein kleines Meisterwerk der Science-fiction war, inklusive einer der traurigsten Szenen der gesamten Filmgeschichte. Summer War und Wolf Children waren kaum weniger toll (zu letzterem gibt es ein sehenswertes YouTube-Video von Every Frame a Painting). The Boy and the Beast werde ich auf jeden Fall nachholen.

Aber egal. Hier ist die Hitliste der Langfilme, die ich gesehen habe:

  • Kubo and the Two Strings: Der neue Film vom Studio Laika, also den Leuten, die auch Coraline und ParaNorman gemacht haben. Kubo ist ein kleiner Junge, der sich mit seiner Mutter in einem Fischerdorf versteckt – kein Wunder, denn der böse Mondkönig ist hinter ihm her. Die Bilder sind wunderschön und gleich nochmal so beeindruckend, wenn man sich all die Detailarbeit vor Augen führt, die in die Bewegung jedes Elements geflossen ist. Am grossartigsten daran ist aber ausgerechnet etwas Kleines: Nie zuvor hatten Figuren in einem Stop-Motion-Film eine derart filigrane Mimik. Oh, und Ralph Fiennes ist fantastisch als Stimme des Mondkönigs.
  • La tortue rouge: Studio Ghibli (Princess Mononoke) fragte den Holländer Michael Dudok de Wit an, ob er nicht einen Langfilm machen wollte. Der oscarprämierte Macher von kurzen Animationsfilmen (Father and Daughter) schlug ein und schuf dieses wunderschöne Märchen um einen Schiffbrüchigen, der auf eine grosse rote Wasserschildkröte trifft. Ab dem 22. September läuft der Film in Zürich im Kino.
  • Psiconautas: Niedliche Tiere bevölkern eine Insel, die nach einer Umweltkatastrophe verwüstet ist. Birdboy versucht, die Natur wiederherzustellen, wird aber von der Polizei gejagt und von Dämonen gequält – nur Drogen helfen ihm, das Grauen in seinem Inneren zurückzudrängen. Eine bildgewaltige und düstere Comicverfilmung aus Spanien, definitiv nichts für Kinder.
  • Nerdland: Zwei bescheuerte Mundatmer, die nichts auf die Reihe kriegen, hängen in Hollywood herum und hoffen auf den grossen Durchbruch. Da kommt ihnen die Idee, wie sie berühmt werden: Mit einem Amoklauf! Eine rotzfreche Satire auf die Unterhaltungsindustrie. In den Hauptrollen hört man den Komiker Patton Oswalt sowie den Schauspieler Paul Rudd (Ant-Man). In Nebenrollen finden sich ferner Hannibal Buress (googelt nach „pickle juice“) und Mike Judge (der sich als Schöpfer von Beavis & Butthead um die Hochkultur verdient gemacht hat).

 
Das wars soweit zum diesjährigen Fantoche. Falls euch mein Geschwätz noch nicht reicht: Hier gehts zu meinem Ausführungen zur letztjährigen Ausgabe.

 

Fantoche – 14. Internationales Festivial für Animationsfilm
6. bis 11. September 2016 in Baden

Offizielle Webseite
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