ZFF 2016: Rocco

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„Wenn man seinen Schwanz nicht sieht, taugt der Film nichts“, ruft mir der Kollege noch hinterher.
Beim Rocco in Rocco handelt es sich um Rocco Siffredi, den Porno-Superstar aus Italien. 2015 gab er seinen Rücktritt als Darsteller bekannt (es ist nicht das erste Mal). Zwei französische Regisseure haben ihn in der Zeit davor begleitet, zeigen, wie er seinen letzten Film dreht. Daneben sieht man Rocco, den Geschäftsmann, Rocco, der verschiedene Sprachen spricht, und Rocco, den Familienmenschen. Und ja, man sieht Roccos Schwanz – schon das allererste Bild des Films ist eine Nahaufnahme des berühmten Organs.

Der Dokumentarfilm scheitert also nicht daran, dass er irgendwas verstecken würde, sondern daran, dass die Regisseure keine Distanz zum Subjekt an den Tag legen. Sie geben Siffredi viel Raum, um in langen Monologen seine Ansichten vom Leben auszubreiten, doch diese erweisen sich dann doch als arg banal. Die betonte Ernsthaftigkeit des Films entspricht zu keinem Zeitpunkt seinem Gehalt.
Wenigstens gibt es noch den Cousin, der Siffredi seit Jahren bei der Arbeit begleitet – und ebenso tollpatschig wie cholerisch ist. Er bringt immerhin ein wenig Unterhaltung in den Film.
 

Rocco lief in der Kategorie Special Screenings
Rocco
Frankreich 2016, 107 Min.
Regie & Buch: Thierry Demaizière, Alban Teurlai

ZFF 2016: Was hat uns bloss so ruiniert

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Meine Güte, das sind ja alles fürchterliche Menschen. Und nervtötend sind sie auch. Aber sehr lustig.

Was hat uns bloss so ruiniert ist die Geschichte dreier Pärchen. Das ist die Sorte Mensch, die in der Stadt in Altbauwohnungen lebt, irgendwas mit Medien oder Computer macht, umweltbewusst und ökologisch einkauft.
Als die eine schwanger wird, wollen ihre Freundinnen ebenfalls Kinder. Schliesslich sitzen sie alle mit ihren Hosenscheissern in der Kinderkrippe und diskutieren mit den anderen Eltern darüber, ob man Rosinen ins Müsli tun darf oder nicht, weil getrocknete Früchte zuviel Fructose enthalten. Als Zuschauer würde am liebsten mit einer Atombombe schmeissen und Österreich dem Erdboden gleich machen.

„Es ist sehr viel davon echt“, erzählt Regisseurin Marie Kreutzer (Gruber geht) im Q&A. Grundlage für das Drehbuch seien Beobachtungen aus ihrem Umfeld gewesen, auf dem Spielplatz oder bei Tischgesprächen. Ausserdem hätten die Schauspieler in den Proben einiges dazuimprovisiert.
Aber natürlich ist das alles humoristisch übertrieben, und der trockene Humor der Österreicher ist toll, also kann man sich den Film auch ansehen, wenn man selbst keine Kinder hat (nachdem man diesen Film gesehen hat, ist man auch froh darüber, keine Kinder zu haben).

Wenn man sich etwas hätte sparen können, dann diese grauenhafte Coverversion von Whitney Houstons „I Wanna Dance With Somebody“ auf dem Soundtrack — weshalb kommen Musiker eigentlich immer wieder auf die Idee, es sei in Ordnung, hochenergetische Songs als einschläferndes Gehauche zu covern?
 

Was hat uns bloss ro ruiniert läuft in der Kategorie Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich / Wettbewerb
Letzte Vorstellung: Fr 30.9. um 21.15 Uhr in der Arena 7
Was hat uns bloss ro ruiniert
Österreich 2016, 96 Min.
Regie & Drehbuch: Marie Kreutzer
Mit Vicky Krieps, Marcel Mohab, Livia Teppan, Pia Hierzegger, Manuel Rubey, Pheline Roggan et al.

ZFF 2016: Peripherie

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Auf Peripherie war ich eigentlich sehr gespannt, hatte sogar mal kurz mit den Leuten dahinter zu tun. Aber was soll ich sagen: Der Film ist furchtbar.
Es handelt sich dabei um ein Abschlussprojekt der ZHdK, ein Gemeinschaftswerk des diesjährigen Masterstudiengangs in Film. Fünf Episoden, alle spielen am 1. August, sie sind ineinander verschachtelt, gemacht von fünf RegisseurInnen und vier DrehbuchautorInnen. „Die Produzenten oder Schnittleute waren auch Teil des Masterstudiengangs“, erklärte Romana Friedli (Drehbuch). Sie stellte sich im Anschluss an die Vorstellungen vom Donnerstagnachmittag dem Publikum, zusammen mit Wendy Pillonel (Regie).

Was find ich am Film so furchtbar? Man nehme zum Beispiel die Episode um Sonja: Die junge Frau ist aus der Ukraine, hat dort einen Schweizer kennengelernt und sich in ihn verliebt. Nachdem er abgereist ist, stellt sie fest, dass sie schwanger ist – also fliegt sie nach Zürich. Aber ohne dem Schweizer etwas zu sagen, denn sie will ihn überraschen. Als sie schliesslich vor seiner Tür steht, ist er völlig entgeistert. Kein Wunder, denn wie sich herausstellt, hat er Frau und Kind.

Solche abgeschmackten Klischees durchziehen alle fünf Episoden. Mitunter sind die Handlungswendungen derart plump und einfallslos, dass man ums Fremdschämen nicht herumkommt.
Nun habe ich wirklich keine Freude daran, auf Filmstudierenden herumzuhacken, darum geb ich die Schuld lieber dem Lehrkörper. Projektleiter war Markus Imboden, Regisseur von Komiker und Am Hang. Er, oder sonst jemand von den Betreuern, hätte irgendwann einschreiten müssen: „Leute, so kann man keine Geschichte erzählen. Das ist auf dem Niveau der Lindenstrasse.“
Friedli und Pillonel erzählten, dass sie extrem wenig Zeit hatten, um den Film zu machen. Das mag so manches erklären. „Für das nächste Mal würde ich mir günstigere Bedingungen wünschen“, so Friedli. Pillonel schloss sich dem an.

Apropos Publikumsgespräch: Die Zuschauer waren nicht direkt unhöflich (es ist ja nicht wie in der Oper, wo das Buhen und Auspfeiffen noch Usus ist), aber man spürte den Leuten die fehlende Begeisterung schon an. Zumindest war das die einzige Vorstellung, die ich miterlebt habe, wo mit Ach und Krach nur eine einzige Zuschauerfrage zustande kam – und dann war es eine kritische: „War es eine bewusste Entscheidung, dass sich am Ende alle Figuren moralisch richtig entscheiden? Ich hätte es noch gut gefunden, wenn es zumindest in einer Episode anders wäre.“
Friedli blieb nicht viel mehr übrig, als in Verteidigungsstellung zu gehen.
Am Ende hatten jedenfalls alle verloren, FilmemacherInnen wie Publikum.
 

Peripherie läuft in der Kategorie Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich / Wettbewerb
Letzte Vorstellung: Sa 1.10. um 18.45 Uhr in der Arena 7
Peripherie
Schweiz 2016, 82 Min.
Regie: Lisa Brühlmann, Yasmin Joerg, Jan-Eric Mack, Wendy Pillonel, Luca Ribler
Drehbuch: Remie Blaser, Olga Dinnikova, Romana Friedli, Jérôme Furrer
Mit Roger Bonjour, Jaap Achterberg, José Barros, Pema Shitsetsang, Yelena Tronina et al.

ZFF 2016: Swiss Army Man

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Der Swiss Army Man ist der nützlichste Superheld aller Zeiten: Seine Fürze sind so stark, dass man auf ihm übers Wasser fahren kann wie mit einem Jetski. Schlägt man seinen Zeigefinger und Daumen gegeneinander, sprühen Funken, so dass man Feuer machen kann. Und mit seinen Zähnen kann man sich den Bart abrasieren. Ausserdem ist er eine verrottende Wasserleiche.

Hank (Paul Dano) traut seinen Augen kaum, als der Swiss Army Man (Daniel Radcliffe) an seinen Strand gespült wird. Eigentlich wollte Hank grad Selbstmord begehen, denn er hockt schon eine ganze Weile auf einer einsamen Insel fest. Aber mithilfe des Swiss Army Man könnte er es tatsächlich zurück in die Zivilisation schaffen.

Swiss Army Man ist eine durchgeknallte Groteske, ein kleines Meisterwerk des Surrealen, der erste Langfilm des Videoclip-Duos The Daniels — einer breiten Öffentlichkeit bekannt dank ihres lebensverändernden Musikvideos zu „Turn Down For What“.

Dabei ist Swiss Army Man nicht einfach nur eine Aneinanderreihung witziger Einfälle, keine blosse Nummernrevue: Die Beziehung zwischen Hank und dem Swiss Army Man geht einem tatsächlich zu Herzen. Irgendwann fängt die Leiche nämlich an zu reden, stellt sich als Manny vor. Der erinnert sich aber nicht an sein Leben vor dem Tod, so dass ihm Hank die ganze Welt erklären muss – dabei hat er doch selbst von nichts eine Ahnung. Am Ende ist es der Tote, der ihm etwas beibringt. Hach, wie schön.

Besonders erwähnen möchte ich die Filmmusik von Andy Hull und Robert McDowell, ihres Zeichens Mitglieder der Indie-Rockband Manchester Orchestra. Im Film murmelt Hank einmal das Lied „Cotton Eye Joe“ vor sich hin, oder er singt Manny das Titelthema zu Jurassic Park vor, um in ihm Erinnerungen an das Leben als Mensch zu wecken. Davon ausgehend haben Hull und McDowell einen A-cappella-Soundtrack eingespielt, der diese Melodien zum Teil in genialer Art und Weise variiert und weiterführt.

Hm, Daniel Scheinert, Daniel Kwan, Daniel Radcliffe … Kann es zuviel Daniels geben? Die Antwortet lautet: Nein.
 

Swiss Army Man läuft in der Kategorie Special Screenings
Letzte Vorstellung: Sa 1.10. um 20.30 Uhr in der Arena 4 (ausverkauft)
Regulärer Kinostart am 27. Oktober
Swiss Army Man
USA 2016, 95 Min.
Regie & Drehbuch: Daniel Scheinert, Daniel Kwan
Mit Paul Dano, Daniel Radcliffe et al.

Looking Like My Mother: Pinguin des Grauens

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Manche Szenenbilder sind so grossartig, dass mir der zugehörige Film fast schon egal ist. Da sitzt zum Beispiel diese Frau in einem gepolsterten Stuhl, auf ihrem Kopf eine Kartonschachtel mit angemaltem Gesicht. Hinten in der Ecke steht ein riesiges Stofftier, ein gehäkelter Pinguin, der fast bis zur Decke reicht. Eigentlich ist der Pinguin ja ganz süss, aber in diesen Ausmassen wird er unheimlich. Ist er ein menschenfressendes Monster, das sich mit einem harmlosen Äusseren tarnt? Und um wen handelt es sich bei der Frau? Was bedeutet die Kartonschachtel? Trägt sie sie, um sich dem Blick des Horror-Pinguins zu entziehen? (Übrigens, wer von euch hat schon mal Lovecrafts At the Mountains of Madness gelesen?)

Dominique Margot wuchs in Schwamendingen auf. Der Vater ein Westschweizer, die Mutter aus einer Familie strenggläubiger Bergbauern im Berner Oberland. Eine Zürcher Kernfamilie wie viele, auf ihre eigene Weise unglücklich: Eben die Mutter sperrt sich manchmal tagelang im Schlafzimmer ein, wäscht sich nicht mehr, verdächtigt die Nachbarn, sie zu überwachen. Immerhin gibt es Lichtblickte: „Wenn sie rauchte, ging es ihr gut.“
Die Tochter rebellierte, beteiligte sich an den Zürcher Unruhen, macht sich mit einem kleinen Zirkus auf und davon, reist um die halbe Welt.

Als erwachsene Frau, die nun selbst eine Tochter hat, geht sie der Lebensgeschichte, der Depression ihrer Mutter nach, macht einen Film darüber. Befragt alte Bekannte, sucht Fotos und Homevideos hervor, stellt ihre Erinnerungen nach. Da schwebt zum Beispiel eine Käsequiche durch die Luft, die der Mutter verbrannt war, um die sie und der Vater sich gestritten hatten. Die Quiche fliegt über den Himmel, als würden Ausserirdische jene traurige Schwamendinger Siedlung besuchen. Schliesslich landet das UFO: „Die Quiche blieb tagelang auf der Wiese liegen. Meine Eltern sprachen kein Wort mehr miteinander.“

Immer wieder findet Margot tolle, poetische Bilder. Da wird ein Puppenhaus zum Gefängnis – mit dem Pinguin, ein Kuscheltier der Kindheit, als Wärter. Die Kartonschachtel auf dem Kopf, eine Verkleidung für Kinder, als Variante der Eisernen Maske.
Und Margot findet Parallelen, die ihr erst jetzt klar werden. Ihr war gar nicht bewusst, dass ihre Mutter für mehrere Jahre in den USA war. Oder: „Meine Mutter hatte auch Brustkrebs.“
Unter anderem besucht sie eine langjährige Brieffreundin ihrer Mutter, die in Rotterdam lebt. Diese öffnet die Tür, nimmt die jüngere Frau in den Blick: „You look exactly like your mother!“

Bild von Look Now!

Looking Like My Mother
Schweiz 2016, 78 Min.
Regie & Buch: Dominique Margot

 

War Dogs: Gier, Geilheit, Gewehre

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Bush opened the floodgates in Iraq. It’s a fucking gold rush!
Efraim

Andrew Niccols Lord of War ist ein herrlicher Film – vom Vorspann, der den Lebensweg einer Gewehrkugel nachverfolgt, bis hin zur Schauspielleistung von Nicolas Cage. Er verkörpert den fiktiven Waffenhändler Yuri Orlov. Der Kerl ist Sohn ukrainischer Eltern, die sich als Juden ausgegeben haben, um in die USA flüchten zu können. Sein Vater führt ein Restaurant. Aus eigener Erfahrung lernt Yuri, dass die Menschen zwei Dinge stets benötigen: Essen und Waffen.
So lebt Yuri vom Krieg, und zwar gut. Insbesondere der Pakt mit einem afrikanischen Kriegsherren erweist sich als äusserst einträglich. Allerdings ist ihm ein Interpol-Agent (Ethan Hawke) auf den Fersen – der sich schliesslich mit Yuris Frau (Bridget Moynahan) verbündet, um den „Herrn des Krieges“ dingfest zu machen.
Das Beste am Film ist, dass Yuri im Laufe der Handlung seine Menschlichkeit immer mehr verliert, immer mehr zum Monster wird – bis er am Ende gar keine Moral mehr kennt. Hier wird niemand geläutert. „I never sold to Osama bin Laden“, erzählt er einmal. „Not on any moral grounds: back then, he was always bouncing checks.“
Mehr oder weniger lose auf realen Ereignissen und Personen basierend, ist Lord of War nicht zuletzt eine bitterböse Politsatire. Denn wie sich herausstellt, ist Yuri zwar ein Monster – aber ein Monster, auf das nicht nur Kriegsherren, sondern auch die USA angewiesen sind.

Faszinierender Fakt: Der Film kam 2005 ins Kino — im gleichen Jahr, in dem jene realen Ereignisse ihren Anfang nahmen, die nun War Dogs nacherzählt. Damals steigen David Packouz (Miles Teller) und Efraim Diveroli (Jonah Hill), zwei jüdische Jungs um die zwanzig, zwei Kiffer von Miami Beach, ganz gross ins Waffengeschäft ein. In Afghanistan und im Irak herrscht nämlich Krieg, und die Regierung Bush hat jede Menge Rüstungsaufträge zu vergeben.
David und Efraim greifen bei den kleinen Aufträgen zu, für die sich die grossen Rüstungkonzerne nicht interessieren – so kriegen sie den Fuss in die Tür. Mit viel Geschick und einer Portion Skrupellosigkeit arbeiten sie sich allmählich nach oben.

Besonders Efraim kennt keinerlei moralische Bedenken. Da sollen die beiden zum Beispiel eine Ladung Berettas an einen US-Stützpunkt in Bagdad liefern. Die Waffen stammen aus Italien. Weil das Land aber ein Waffenembargo verhängt hat, lässt Efraim die Ladung kurzerhand nach Jordanien verschiffen. Dort wird die Ladung wiederum am Zoll aufgehalten. Ein paar Bestechungsgelder später sind die Gewehre auf einen Laster geladen, den ein Einheimischer über die Grenze und mitten durch Kriegsgebiet zum Stützpunkt fährt — mit Efraim und David auf dem Beifahrersitz.

Die beiden Hauptdarsteller sind toll, vor allem aber Jonah Hill als durchgeknallter Mistkerl, der vor lauter Geldgier für jede Schweinerei zu haben ist. Genau diese Gier wird seinem Efraim am Ende auch zum Verhängnis – als nämlich die US-Regierung einen Grossauftrag für einen Langzeit-Einsatz in Afghanistan vergibt. Efraim und David unterbieten sämtliche Konkurrenten. Aber woher nehmen sie die hundert Millionen Gewehrkugeln, die verlangt werden? Ganz einfach: Aus einem albanischen Waffenlager, das noch aus dem Kalten Krieg stammt. Dass die Munition schon längst unbrauchbar ist und zudem aus chinesischer Produktion stammt (deren Verwendung fürs US-Militär strengstens verboten ist), ficht unsere „Helden“ nicht an.

Man könnte ja fast schon glauben, Efraim und David seien angetreten, um Lord of War in die Realität umzusetzen. Wie der fiktive Yuri haben sie einen jüdischen Hintergrund (auch wenn es beim Ukrainer ein erfundener Hintergrund ist), wie er profitieren sie davon, dass die US-Regierung nicht so genau hinsieht, woher ihre Waffen kommen, solang die richtigen Leute erschossen werden. Das ist jedenfalls eine dankbare Vorlage für Hollywood. Die Hangover-Macher haben daraus dann auch eine grandios lustige Politsatire fabriziert.

Übrigens, wieso zitiert das Plakat von War Dogs so offensichtlich jenes von Brian De Palmas Scarface? Deshalb: Efraim und David waren als Kinder Fan des Films und haben sich die ganze Zeit gegenseitig Zitate um die Ohren gehauen. Ehrensache also, dass später im Büro der beiden ein grosses Bild von Al Pacino hängt, natürlich in seiner berühmtesten Pose („Say hello to my little friend!“) — in seiner Hand die M16 mit dem massgefertigten Granatenwerfer. Beim Anblick dieser Waffe krieg sogar ich schwache Knie.

Interessante Lektüre zum Schluss: Hier gibts den Artikel von Guy Lawson, die direkte Vorlage für War Dogs.

War Dogs
USA 2016, 114 Min.
Regie: Todd Phillips
Drehbuch: Stephen Chin, Jason Smilovic, Todd Phillips (nach dem Artikel von Guy Lawson)
Mit Miles Teller, Jonah Hill, Ana de Armas, Bradley Cooper, et al.

 

ZFF 2016: Zoology

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Da liegt Natasha (Natalya Pavlenkova) also beim Röntgenarzt auf dem Tisch – denn ihr ist ein Schwanz gewachsen. (Wie bei einem Tier, nicht wie bei einem Kerl, ihr Ferkel.) Sie ist um die fünzig, lebt aber immer noch bei ihrer Mutter. Die Kollegen auf der Arbeit (Natasha ist bei einem Zoo angestellt) mobben sie, indem sie ihr zum Beispiel eine Sackladung Ratten in die Schublade stecken. Einen Freund hatte sie auch noch nie.
Das ändert sich mit dem Auswuchs am Rücken, denn der Röntgenarzt, ein junger Mann in den Dreissigern, ist fasziniert vom neuen Körperteil. So verarbredet er sich mit Natasha. Allmählich lebt sie auf, lässt sich eine neue Frisur schneiden, kauft sich Reizwäsche.

Doch bald folgt die Gegenreaktion. In der Nachbarschaft erzählt man sich Gerüchte von einer Frau, die vom Teufel besessen sei. „Man sieht es daran, dass sie einen Schwanz hat“, sagt die Mutter einmal beim Essen. Als Vorsichtsmassnahme malt sie Kreuze an die Wand. Jede Menge Kreuze.

Die Russen haben es mit Körperteilen und Tiermenschen. Man denke nur an Gogols Die Nase oder an Hundeherz von Bulgakov. Und erst 2015 sah ich am Fantoche Why Banana Snarls, einen animierten Kurzfilm der Russin Svetlana Razgulyaeva, in der einem Typen ein Schwanz wächst (also, ein zweiter Schwanz).* Wie Natasha kriegt auch er es mit einer Gesellschaft zu tun, die so gar nicht verstehen kann, dass er unbedingt ausscheren muss – dabei kann er genau so wenig dafür wie die Frau aus Zoology.
Man merkt schon, der Schwanz hat Bedeutung, man kann ihn zum Beispiel ohne weiteres als Symbol für Homosexualität lesen – aber er könnte auch für vieles andere stehen. Tverdovsky, der Regisseur von Zoology, lässt das zum Glück offen.

* Jenseits von Russland gibt es noch eine italienische Deppenkomödie von 1970, Als die Frauen noch Schwänze hatten (Quando le donne avevano la coda). Doch über den Film wollen wir den Mantel des Schweigens breiten. Für den Moment jedenfalls.

Ansonsten: Die märchenhafte Surrealität von Zoology begeistert mich, ebenso die Balance zwischen Drama und Humor, oder Tverdovskys bestechender Umgang mit Farbe – der ganze Look basiert auf der Farbe Blau; die Geschichte spielt sich ja in einer Stadt am Meer ab. Mein persönliches Highlight des diesjährigen ZFF.
 

Zoology läuft in der Kategorie Internationaler Spielfilm / Wettbewerb
Weitere Vorstellung: Do 29.9. um 21 Uhr (Filmpodium); So 2.10. um 15.45 Uhr (Corso 2)
Zoology
Russland/Frankreich/Deutschland 2016, 87 Min.
Regie & Drehbuch: Ivan I. Tverdovsky
Mit Natalya Pavlenkova, Dmitriy Groshev, Irina Chipizhenko et al.