Karl’s kühne Gassenschau: Sektor 1 – Ein rühriges Spektakel

Karl’s kühne Gassenschau (oder wie die eingefleischten Fans es verkürzt nennen: KKG) ist eine feste Grösse, so heisst es. Eine Grösse in welchem Bereich?

Seit 1984 gibt es die Truppe, und während frühere Produktionen tatsächlich einst als Gassenschau funktionierten, zeichnen sich die Produktionen der letzten Jahre dadurch aus, dass es immer grösser, aufwendiger, bombastischer und spektakulärer zu- und hergeht.

„Sektor 1“ ist die 22. Produktion und das dritte Mal, dass wieder im Industriepark in Oberwinterthur gespielt wird. Hauptsponsor ist Coop, und die Stadt Winterthur übernimmt das Patronat. Das letzte Stück, „Fabrikk“, wurde von über 580.000 Zuschauer besucht. Die Macher nennen ihr aktuelles Stück einen „theatralen Höllenritt voller traumhafter Bilder, waghalsiger Maschinen, atemberaubender Stunts und intensiver Gefühle.“ Es geht um „eine Vision von modernem Volkstheater für ein breites Publikum.“ Die Zuschauer sollen „unterhalten, berührt und zum Nachdenken verführt“ werden.

Da gibt es ein Festgelände, auf welchem über 1000 Personen verköstigt werden können, Leuchtgirlanden, einen Souvenirshop. Der Körper will wie der Geist gefüttert werden. Die Logistik ist formidabel, die Preise verhältnismässig moderat (bis auf den Eintritt selber, kann man einwerfen). Die Winterthurer Verkehrsbetriebe bieten Sonderbusse an, der Stadtrat freut sich über KKG als kulturelle Erweiterung des eigenen Standortportfolios. Die Produktion ist jetzt schon ausgebucht und wurde für 2017 verlängert.

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Das Weltall und der Guru: Ein Tag in Locarno

Zerstreutheit, Terminprobleme und schlichte Faulheit: Dieses Jahr habe ich es nur für einen Tag ans Filmfestival Locarno geschafft. Aber egal! Dafür erzähl ich jetzt auch genau, was ich gesehen und erlebt habe. Kurzfilme aus Kuba zum Beispiel, oder Alejandro Jodorowsky in Fleisch und Blut.

Kiarostami und Kuba

Just vergangenen Juli verstarb der iranische Filmemacher Abbas Kiarostami. Mit Locarno verbindet ihn ein wichtiger Punkt seiner Karriere: Hier gewann er 1989 mehrere Preise für Where Is the Friend’s Home? Das war seine erste Würdigung an einem grösseren internationalen Filmfestival, ein Grundstein für die breite Anerkennung, die er heutzutage weltweit unter Cinephilen geniesst. (Ich beichte jetzt lieber nicht, dass er mir bis anhin nur vage ein Begriff war.)
Kiarostamis Sohn Ahmad erzählte über den Bronzenen Leoparden, den sein Vater dazumal mitbrachte: „Als er damit zurückkam, war es magisch.“ Der Preis sei daheim an prominenter Stelle ausgestellt gewesen: „Ich habe viel Zeit damit verbracht, ihn mir anzusehen.“

Ahmad Kiarostami war anstelle seines Vaters in Locarno dabei. Gezeigt wurden uns Filme aus einem Workshop des Black Factory Cinema. Drei dieser Workshops hat Abbas Kiarostami geleitet, den letzten im Januar auf Kuba. Filmando en Cuba con Abbas Kiarostami bestand aus einer Auswahl von sieben Kurzfilmen der TeilnehmerInnen, zuletzt sahen wir Kirostamis eigenen, leider unvollendet gebliebenen Beitrag Pasajera.
Mein persönlicher Favorit aus dem Haufen war Por si acaso des brasilianischen Filmemachers Pedro Freire. Jener stand ebenfalls auf der Bühne und erzählte, Kiarostami habe mal zu ihm gesagt, er mache seine Langfilme nur, um Kurzfilme drehen zu können. „Ich weiss allerdings nicht, wie ernst er das gemeint hat.“

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Der Hund und der Tod

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Über den Manga „Träume von Glück“ von Jiro Taniguchi

Mit seinen vierzehn Jahren ist Tamu uralt. Der Hund kann sich nur noch mit Schwierigkeiten auf den Beinen halten. Beim Gassigehen muss muss man ihn stützen, ebenso, wenn er sein Geschäft verrichtet.
Eines Nachts weckt sein Winseln die Besitzer, ein kinderloses Ehepaar. Der Hund liegt auf seinem Schlafplatz, „Tamus Hinterteil war mit Kot verschmiert“, schildert der Erzähler (bei dem es sich um den Ehemann handelt). Das Tier hat keine Kontrolle mehr über die Verdauung.
Tamu bekommt krampfartige Anfälle, der Tierarzt hängt ihn an den Tropf. Das Ehepaar wartet darauf, dass das geliebte Haustier endlich Frieden findet. „Wir hätten nie gedacht, dass wir Tamu einmal bei so einem schwierigen Sterbeprozess begleiten müssen.“

Hierzulande hätte man das arme Vieh schon längst zum Tierarzt gebracht, um es einschläfern zu lassen. Aber in Japan sieht man das etwas anders, da versorgt man das Tier bis zum bitteren Ende.
Die Japaner sind verrückt nach Haustieren, so auch der Mangazeichner Jiro Taniguchi (Der spazierende Mann, Vertraute Fremde), wie er im Nachwort schreibt. Schon als Kind habe er davon geträumt, einen Hund zu besitzen. Wieviel Arbeit so ein Tier macht, habe er allerdings nicht bedacht – und schon gar nicht, wie das eben ist, wenn der Hund dann stirbt.

Spielen und Streicheln ist das eine, jeden Tag die Scheisse wegräumen was anderes. So kommt es in Japan oft vor (und bei uns ist das nicht viel anders), dass man die Tiere weggibt oder aussetzt, sobald sie nicht mehr klein und niedlich sind. Daher landen auf der Insel jedes Jahr tausende von Hunden und Katzen im Tierheim, wo sie am Ende vergast werden.
Etwas besser ergeht es da der Perserkatze, die das Ehepaar aus unserer Geschichte bei sich aufnimmt. Eine Nachbarin, die für einen Tierschutzverein arbeitet, vermittelt sie ihnen.
„In der Familie, die die Katze bisher hatte, ist ein Baby auf die Welt gekommen. Da ist ihnen das Tier wohl lästig geworden“, erzählt die Frau. „Gleich in der Nachbarschaft wohnte aber eine Kind, das die Katze sehr mochte. Also haben sie es ihm gegeben. Als das Kind dann zu Hause damit ankam, haben seine Eltern geschimpft, man dürfe in ihrer Wohnung keine Katzen halten. Folglich wollte das Kind sie wieder zurückbringen. Aber die Familie mit dem Baby wollte sie nicht mehr zurücknehmen, so nach dem Motto ‚geschenkt ist geschenkt‘!“
Und so kommt das Ehepaar zu einem neuen Haustier, obwohl es noch Tamus Tod verarbeitet.

In fünf Kapiteln erzählt Taniguchi von Tieren und Menschen – wobei sich das letzte plötzlich von den Erlebnissen unseres Ehepaars löst und von einem Bergsteiger erzählt, der im Himalaya einem geheimnisvollen Schneeleoparden begegnet. Was es damit am Ende auf sich hat, wird hier mal nicht verraten.

Ein Wort noch zur Ausgabe: Als Urheber von künstlerisch wertvollen Bildergeschichten hat Taniguchi längst Eingang ins gehobene Feuilleton gefunden. Das mag wohl der Grund sein, weswegen auf der deutschen Ausgabe von Carlsen der Stempel graphic novel prangt und Taniguchi als „Comic-Künstler“ bezeichnet wird – aber nirgends das Wort „Manga“ steht. Das finde ich witzig.
Weniger witzig finde ich, dass man gerade das Werk eines Künstlers, den man vorgeblich ernst nimmt, spiegelt, um dem angezielten bildungsbürgerlichen Publikum die Leserichtung des japanischen Originals nicht zumuten zu müssen. Aber eben, dann hätte man glatt noch zugeben müssen, dass Träume von Glück entfernt etwas mit dem Zeug voller Kampfroboter und Mädchen mit magischen Kräften zu tun hat, das Teenager so gerne lesen.

Träume von Glück
Von Jiro Taniguchi
Aus dem Japanischen von Josef Shanel & Matthias Wissnet
Carlsen Verlag, Hamburg 2008
Erstveröffentlichung: 1992