Cemetery of Splendour: Schlafende Soldaten

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Niemand kann sagen, weshalb die Soldaten alle plötzlich eingeschlafen sind – oder weshalb sie nicht mehr aufwachen. Die Armee weiss nicht, wohin mit ihnen, und so liegen sie wie Komapatienten in einem kleinen Provinzspital. Das Personal hat sie an Atemmaschinen angeschlossen, damit sie regelmässiger schnaufen, denn das beugt dem Schnarchen und angeblich den Albträumen vor.
Eine ältere Frau (Jenjira Pongpas) meldet sich freiwillig, um für die Soldaten zu sorgen. Ihr wird einer zugeteilt, der allem Anschein nach keine Angehörigen hat (Banlop Lomnoi). Jedenfalls keine, die ihn besuchen würden. Während die ältere Frau ihre Tage im Hospital verbringt – über den Soldaten wacht, ihn mit Salbe eincremt –, lernt sie eine jüngere (Jarinpattra Rueangram) kennen. Bei der handelt es sich um ein Medium, sie kann die Gedanken der Soldaten lesen. Aber auch sie findet nicht heraus, was um alles in der Welt es mit dem Schlaf auf sich hat.

Schliesslich erfährt die ältere Frau des Rätsels Lösung, aber die werd ich hier nicht verraten. Nur so viel: Der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul (sag den Namen zehnmal schnell hintereinander) erzählt wieder eine Geschichte, die in der Mythologie seines Heimatlandes verwurzelt ist, wo es von Geistern und Göttern wimmelt. Das kennt man schon aus seinem bekanntesten Film, Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben. Zudem hat Weerasethakul ein Schlaftagebuch geführt und Artikel über neurologische Forschungen gelesen, die ebenfalls in seinen neuen Film, Cemetery of Splendour, eingelfossen sind. Was davon real und was bloss Unsinn ist, lässt sich nicht ermitteln. Verschiedene Ebenen von Realität und Zeit überschneiden sich. Ganz schön surreal, das alles.

In einer Szene sitzt die ältere Frau im Kino, wo ein Trailer zu einem Horrorfilm* läuft – schnell geschnitten, überschwenglich orchestriert, voll von grossen Gefühlen und vielen Spezialeffekten. In der Art von Mystics in Bali, aber moderner. Cemetery of Splendour ist das Gegenteil davon: extrem karg und mit einem schleichenden Tempo inszeniert. Die Heldin hat ein verkürztes Bein und läuft auf Krücken. Nichts für Leute, die keine langsamen Geschichten mögen.

*Im Abspann wird der Film im Film übrigens als The Iron Coffin Killer (Boon Peng Heeb Lek) angegeben – allerdings finde ich nirgendwo etwas dazu, das nicht wiederum auf Cemetery of Splendour verweist. Dasselbe gilt für den Regisseur Phyungvet Phyakul. Einzelne Interviews und Kritiker implizieren, dass The Iron Coffin Killer zwar in Thailand gedreht wurde, aber nicht gezeigt werden durfte.

Am schönsten sind die vielen, vielen kleinen Momente, die nichts mit der Geschichte zu tun haben, oder zumindest nicht direkt, aber den Film mit Leben füllen. Das Huhn zum Beispiel, das mit seinen Küken durchs Spital spaziert. Die Passanten, die völlig unvermittelt eine seltsame Choreographie um die Sitzgelegenheiten am Seeufer beginnen. Oder die gewaltige Amöbe, die über den blauen Himmel kriecht.
Nur die Szene, in der ein Typ in die Büsche kackt, die Szene war weniger schön.

Cemetery of Splendour läuft ab dem 21. Juli im Filmpodium.

Cemetery of Splendour (Rak ti Khon Kaen)
Thailand/GB/F/D/Malaysia 2015, 122 Min.
Regie & Drehbuch: Apichatpong Weerasethakul
Mit Jenjira Pongpas, Banlop Lomnoi, Jarinpattra Rueangram et al.

 

Bildmaterial von der cinémathèque suisse

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