Toni Erdmann: Der Sohn von Helge und Kinski

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Bei diesem Film hab ich Blut und Wasser geschwitzt – dabei erscheint er auf den ersten Blick so harmlos: Es geht um Winfried (Peter Simonischek), ein Musiklehrer und eine Art Althippie, der ständig blöde Witze macht.
Zum Beispiel lässt er sich ein Päckchen liefern, das an seinen fiktiven Bruder Toni adressiert ist. Dem Postboten erzählt Winfried dann: „Seitdem er aus dem Gefängnis ist, macht er was er will. Er ist gesessen wegen Paketbomben. Gestern hat er dem Hund seinen Napf leergefressen.“
Dann tritt er dem Pöstler als Toni verkleidet entgegen. Mit der Perücke und den falschen Zähnen sieht er aus wie der (fette) Sohn von Helge Schneider und Klaus Kinski.

Winfrieds Tochter Ines (Sandra Hüller*) ist ganz anders: Eine Karrierefrau par excellence, arbeitet sie als Unternehmensberaterin. Aktuell in Bukarest, wo ihre Firma dem Boss eines Ölunternehmens zur Seite steht. Wobei es im Grunde ja nur darum geht, ein massives downsizing mit möglichst wenig Gegenwind durchzubringen.
Winfried besucht Ines unangekündigt in Rumänien – und bringt ihr Leben durcheinander, indem er sich als Geschäftsmann ausgibt: Toni Erdmann.

Der Hippievater und seine Karrieretochter. Ersterer will zweitere auf den rechten Weg bringen. Soweit könnte der Film ohne weiteres eine Komödie nach einer Blaupause von Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer sein (bei dem Gedanken laufen mir kalte Schauer über den Rücken). Ist Toni Erdmann aber nicht, denn die Filmemacherin Maren Ade** denkt die Situation von ihren realen Auswirkungen her durch – bis es weh tut. Und zwar so richtig.

Wenn Ines verzweifelt versucht, die Kollegen und ihren Chef zu beeindrucken, so fühlt man mit ihr. So rutscht ihr bei einem after work drink in Anwesenheit des Öl-Bosses und der Gewerkschaftsvertreter ein Wort zuviel heraus – ein halber Weltuntergang. Sie kämpft um ihre Karriere, verdammt nochmal, und wer ähnlich wie sie auf den unteren Stufen der Karriereleiter herumklettert, peinlich darauf bedacht, dem Chef und den Kunden zu gefallen, dem wird hier so manche Szene nahe gehen.

Und da kommt eben ihr Vater, dieser halbsenile alte Sack mit seinen komischen, weltfremden Hippie-Vorstellungen, und benimmt sich völlig daneben. Das ist die Meisterschaft von Toni Erdmann: In den meisten Komödien ähnlicher couleur würde Winfried als liebenswerter Freigeist und letztlich als Held dargestellt, der seine Tochter davon überzeugt, dass so ein Leben für die Karriere nichts ist. Genau die Sorte Mist, die die Hydra Til Schweighöfer so gern verzapft.
Stattdessen erweist sich Winfried hier genau als der nervtötende Spinner, die er im echten Leben wäre. Natürlich ist nichts so einfach, wie er sich das vorstellt: Als Winfried sich einmal als wichtiger Mann im Ölkonzern ausgibt, brockt er prompt einem einfachen Arbeiter die fristlose Kündigung ein. Was sich dann auch konsequenterweise niemals in Wohlgefallen auflöst – Winfried hat Scheisse gebaut, und mit den Konsequenzen muss er leben. Weit und breit kein verlogenes happy end.

Es gibt mehr als ein Moment, in dem der Film von der Komödie über die Tragikomödie zum Psychodrama wechselt. Mehr als ein Moment, bei dem man sich im Kinosessel windet. Und es gibt zumindest eine Szene, die man sein Leben lang nicht mehr vergessen wird. Wie gesagt: Da schwitzt man Blut und Wasser.

*Sandra Hüller kennt man übrigens als frustrierte Dokumentarfilmerin aus dem grandiosen Finsterworld.

** Maren Ade ist übrigens auch Ko-Produzentin von Miguel Gomes‘ 1001-Nacht-Trilogie sowie von seinem vorherigen Film Tabu. Allein schon das macht sie zu einer Heldin der Filmgeschichte.

Toni Erdmann läuft ab dem 21. Juli in den Zürcher Kinos.

Toni Erdmann
D/Ö 2016, 162 Min.
Regie & Drehbuch: Maren Ade
Mit Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Wittenborn, Thomas Loibl et al.

 

Bildmaterial von Filmcoopi

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