Fear No Evil: Satan tötet per Völkerball

fearnoevil00Alexandria High School, class of ’81. All the students are going to hell – except for Andrew. He sent them there!

In Fear No Evil (zu Deutsch Luzifer) bringt Satan höchstpersönlich einen Teenager um – und zwar mithilfe eines Völkerballs. So ein Film ist das.
Zu verdanken haben wir den Klumpatsch einem gewissen Charles M. LaLoggia (der jüngst im Jahre 2014 verstorben ist). Der Mann stammte aus dem Bundesstaat New York und hatte im Leben genau drei Interessen: Banken, Pferderennen und Kino. Als Börsen-Wunderkind machte er schon früh ein Heidengeld, genug jedenfalls, um einen Film in Angriff zu nehmen. Da stiess er auf das sogenannte Boldt Castle, ein herrschaftliches Anwesen auf einer Flussinsel. Dessen Erbauer war ein Millionär namens George Boldt gewesen: 1851 in Preussen zur Welt gekommen und in den 1860ern in die USA emigriert, arbeitete er sich zu einem erfolgreichen und steinreichen Hotelbesitzer hoch. Boldt Castle war als ein Geschenk an seine Frau gedacht, die jedoch 1904 verstarb – woraufhin Boldt den Bau aussetzen liess.
So lag das unfertige Inselschloss jahrzehntelang brach, bis es eine Behörde 1977 aufkaufte und restaurierte. Heutzutage ist das Ding eine Touristenattraktion.

Und eben, Charles LaLoggia kam in den 70ern zum Schluss, dass man dort doch einen tollen Horrorfilm drehen könnte. Womit sein Vetter Frank ins Spiel kam, der schon länger als Schauspieler arbeitete, aber durchaus Ambitionen hatte, Regisseur zu werden. Die beiden brachten das Geld auf, um 1979 ihren Horrorfilm zu drehen.
In der Postproduktion ging ihnen allerdings das Geld aus, so dass sie sich an die Produktions- und Verleihfirma AVCO Embassy wenden mussten, gemäss Frank LaLoggia „die erste Anlaufstelle für kleine Independent-Horrorfilme“ (siehe in diesem Interview). Bei AVCO fanden zum Beispiel auch The Fog oder Scanners Unterschlupf. Jedenfalls konnten die LaLoggias Fear No Evil dank AVCO fertig machen, mussten ihn dafür aber nach deren Vorgaben umschneiden. Frank: „Der Film wurde ein Chaos.“ (Mehr dazu auch hier.) Ein regelrechter Pakt mit dem Teufel.
Das ist natürlich betrüblich, aber immerhin verantwortete Edna Ruth Paul den Schnitt, die auch Cutterin eines nicht gänzlich unbekannten kleinen Horrorfilms aus demselben Jahr war: The Evil Dead.

Trockeneis-Nebel und Punk

fearnoevil01Die Handlung beginnt mit einem alten Priester. Der rudert mit einem Boot zu einer Insel, wo eine Burgruine von Trockeneis-Nebel umwabert wird. In den Gemäuern findet er allerlei tote Tiere, sowie ein paar Leichen – und Luzifer in menschlicher Gestalt. Zwar schafft es der Alte, Satan mit einem eisernen Kreuz zu durchbohren, doch Beelzebub droht an: „Ich werde wiedergeboren werden!“

1963 kehrt er tatsächlich zurück, und zwar im Körper des neugeborenen Säuglings Andrew. Schon früh merken seine Eltern, dass mit dem Würmchen was nicht stimmt: Bei seiner Taufe verwandelt sich das Weihwasser in Blut. Pardauz!
Die folgenden Jahre über macht Andrew lauter Scherereien und seinen Eltern das Leben zur Hölle, und wir merken derweil, dass sich die LaLoggias fleissig bei The Omen (1976) bedienen. (Satansbraten und so.) Nun, es gibt schlechtere Vorbilder.

fearnoevil02Schliesslich feiert Andrew seinen 18. Geburtstag und wird nun von Stefan Arngrim gespielt – einem ehemaligen Kinderstar, der bis heute eine erfolgreiche TV-Karriere unterhält. (Zuletzt war er in einer Folge der Fargo-Serie.)
Andrew ist also achtzehn. Die Sommerferien stehen vor der Tür. Andrews Klassenkameraden freuen sich darauf, die Schule zu verlassen und ans College zu gehen. Er hingegen bereitet sich darauf vor, einmal mehr nach der Weltherrschaft zu greifen.
Bevor wir aber dazu kommen, zwei Anmerkungen:

Erstens: All die 18-Jährigen werden offensichtlich von Mittezwanzigern gespielt (Arngrim zum Beispiel war beim Dreh schon 26)

Zweitens: Irgendwer hatte die Idee, für den Film allerlei Punksongs von Patti Smith, den Sex Pistols oder den Ramones einzukaufen. Ich tippe mal auf die Leute von AVCO Embassy, denn es macht schwer den Eindruck, als seien die Songs nachträglich nach dem Zufallsprinzip eingestreut worden, ohne Sinn oder Verstand. So zum Beispiel, wenn das Klassenarschloch Tony unseren Helden (naja) dumm von der Seite angequatscht, während im Hintergrund Blitzkrieg Bop von der Tonspur düdelt.
Sinn macht das nur an einer Stelle: Wenn nämlich Andrew schwarzgekleidet auf einer Feuerleiter herumsteht und das Treiben seiner Mitschüler beobachtet, während Anarchy in the UK läuft. (Ihr wisst schon: „I’m an antichrist!“)

Vom Völkerball zur Weltherrschaft

fearnoevil03Apropos Klassenarschloch Tony: Der hat es auf Andrew abgesehen. Also wartet er die nächste Turnstunde ab. Als die ganzen Jungs unter der Dusche stehen (nackt), stürzt sich Tony, angefeuert von den anderen, auf Andrew – und gibt ihm einen Kuss. Boah, schlimmer als Hitler. Die Attacke geht allerdings nach hinten los, denn Andrew saugt sich an seinem Angreifer fest und entzieht ihm die Lebensenergie. Oder so ähnlich. Am Ende sitzen beide ausgelaugt am Boden, während ich darüber rätsle, was zum Teufel grad passiert ist. Immerhin kann ich mir zusammenreimen, dass die LaLoggias wohl Carrie (1976) gesehen haben. (Attacke unter der Dusche, Hänselopfer mit übernatürlichen Kräften, etc.)

In einer anderen Turnstunde wird dann eben Völkerball gespielt. Andrew kommt zu spät, weswegen ihn der Lehrer zu Situps und Liegestützen verdonnert. Während die anderen mit dem Spiel beginnen, kocht Andrew innerlich vor Wut – bis er den Turnlehrer telepathisch dazu bringt, ins Spiel einzugreifen und mit dem Ball einen der Schüler ins Visier zu nehmen. Der wird derart hart getroffen, dass er an Ort und Stelle an inneren Blutungen zugrunde geht.
Ich persönlich habe Völkerball ja nie gemocht.

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Wie gesagt, Andrew/Luzifer bereitet sich darauf vor, die Weltherrschaft zu übernehmen. (Indem er zum Beispiel das Blut eines Hundes trinkt. Eklig.)
Dagegen verwahren sich allerdings drei Erzengel. Der alte Priester vom Anfang war in Wirklichkeit Rafael. Er wurde, nachdem er Luzifer umgebracht hat, als Mörder verurteilt und in ein Irrenhaus gesteckt, wo er seinen Verstand verlor und schliesslich entschlief. Allein zurück blieb Mikhail in Gestalt einer alten Frau. Die findet nun wiederum heraus, dass Gabriel im Körper der jungen Julie steckt – der Freundin des Völkerball-Opfers. Gemeinsam wollen sie die Apokalypse verhindern.
Dazu muss ich sagen, dass mir die Erzengel-Szenen am wenigsten gefallen. Das sind langwierige Quassel-Szenen, in denen die alte Frau irgendwelche Leute davon überzeugen will, dass demnächst der Weltuntergang kommt (das ist fast schon wie in der Berliner U-Bahn). Es dauert dann auch eine Weile, bis sie die junge Frau überzeugt hat. Ermüdend.

fearnoevil05Endlich kommt der grosse Tag. Während die örtliche Kirche passenderweise ein Passionsspiel aufführt, bezieht Luzifer die uns bekannte Schlossruine. Da sitzen also tausende Leute am Strand, um sich ein Openair-Theater um Jesu letzte Tage anzugucken (mehr dazu: The Passion of the Christ). Derweil erweckt Luzifer eine Armee von Untoten und wirft sich ein schwarzes Negligé über.
Showtime! Die Darsteller und Besucher des Passionsspiels fangen wechselweise an zu bluten oder werden von Blitzen niedergestreckt.
Und nicht nur das: Unter der Führung von Klassenarschloch Tony haben ein paar Jugendliche ein Boot geklaut und sind damit zur Schlossinsel gefahren, um dort dem Alkohohlkonsum sowie dem vorehelichen Geschlechtsverkehr zu frönen. Genau über dieses sitternvergessenen Junggemüse fallen nun die Zombies her.
Am schlimmsten trifft es Tony selbst: Luzifer zaubert ihm Titten an den Brustkorb. Daraufhin brüllt das Klassenarschloch „Fuck you!“ und sticht sich selbst mit einem Messer ab. Nein, ich werd daraus auch nicht schlau.
Wie dem auch sei: Am Ende schaffen es auch die alte Trulla und Julie auf die Insel. Sie erstechen den Teufel mit dem Eisenkreuz, und das wars dann.

Tendenz zum Kokolores

Frank LaLoggia hat ja selbst in Interviews erzählt, dass er mit seinen 25 Jahren schlicht noch nicht bereit war, einen eigenen Film zu machen. Das merkt man Fear No Evil an, und die Eingriffe durch AVCO haben sicher nicht geholfen. Jedenfalls tendiert das Ding tatsächlich zum Chaos: Da würfeln die LaLoggias The Omen mit Carrie zusammen, mischen ein wenig Teenie-Horror à la Halloween (1978) darunter und schmecken das Ganze mit ein paar Zombies ab. So manche Szene lässt einen ratlos zurück (besonders die in der Dusche) und die fehlplatzierten Punksongs lenken immer wieder ab. Mit dieser halbzulänglichen Mixtur kann ja keiner glücklich werden.
Aber ja, gerade auch dieser Wirrnis wegen hat Fear No Evil einen gewissen Unterhaltungswert. Wobei dieser deutlich höher wäre, wenn da nicht die langweiligen Momente mit der alten Schachtel wären.

Ein paar Jahre später machten die LaLoggias übrigens noch Lady in White (1988) – Kindergrusel alter Schule, der ziemlich gut sein soll. Heutzutage versucht Frank LaLoggia, die Finanzierung für sein italienisch-amerikanisches Musical Miro/Miranda! zu stemmen. Schaut euch diesen Promo-Trailer an und sagt mir dann, ob ihr noch schlafen könnt.

Fear No Evil (dt. Luzifer)
USA 1981, 98 Min.
Regie & Drehbuch: Frank LaLoggia
Mit Stefan Arngrim, Elizabeth Hoffman, Kathleen Rowe McAllen, Daniel Eden et al.

 

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