Unsere alten Feinde

Mit dem Ende der Sowjetunion verlor das Kino im Westen seinen liebsten Bösewicht – hätte man jedenfalls denken können. Heutzutage pflegt man wieder sorgfältig das Bild vom bösen Russen (zugegeben, das reale Russland macht es einem einfach). Mein persönlicher Höhepunkt der aktuellen Kalter-Krieg-Welle ist fraglos The Equalizer: Denzel Washington spielt einen amerikanischen Ex-Geheimagenten, der es mit dem einheimischen Zweig der Russenmafia aufnimmt und am Ende nach Moskau geht, um den Chef-Mafiosi mit dem vielsagenden Namen Puschkin zu töten. Es bräuchte nur so viel, und der Film hiesse Super-Obama killt Putin.

Our Kind of Traitor ist da etwas subtiler, denn immerhin basiert der Film auf einem Roman von John le Carré.* Gleichwohl nimmt diese Geschichte ihren Anfang damit, dass die Russenmafia mit der russischen Regierung fusioniert. Da muss man schon kurz mal schlucken. Unter dieser veränderten Konstellation gibts keinen Platz für die alte Garde mehr: Der sogenannte Prinz (Grigoriy Dobrygin), seit dem Tod des Vaters neuer Boss der Mafia und ebenso skrupellos wie jung (aber einen prächtigen Vollbart hat er), lässt sich die Vertreter des alten Systems brutal vom Hals schaffen – mitsamt ihren Familien.

*Verantwortlich für die Kinoadaption zeichnen die Fernsehregisseurin Susanna White sowie der Drehbuchautor Hossein Amini, der immerhin an Drive mitgearbeitet hat.

Auch der Geldwäscher Dima (Stellan Skarsgård) fürchtet um sein Leben und das seiner Liebsten. Also ersinnt er einen Plan, in den Westen überzulaufen. Während eines Urlaubs in Marroko macht er zufällig Bekanntschaft mit dem Engländer Perry (Ewan McGregor), der dort wiederum mit seiner Frau Gail (Naomi Harris) weilt. Diesen harmlosen Allerwelts-Briten sucht sich Dima aus, um zwischen ihm und der englischen Regierung zu vermitteln: Sofern die Briten Dima und seine Familie auf die Insel holen, übergibt er ihnen die Daten von verräterischen englischen Regierungsvertretern, die auf der Lohnliste der Russen stehen.

Wie zu erwarten ist, läuft nicht alles glatt bei der Umsetzung von Dimas Plänen: Die Russen haben ebenso wenig Interesse daran, dass ihnen der Geldwäscher davonkommt, wie die korrupten Politiker in England. Und dem britischen Nachrichtendienstler Hector (Damian Lewis) ist es wichtiger, alte Rechnungen zu begleichen, als Dimas Familie zu retten. Für Perry und Gail, die völlig unschuldig in dieses Hickhack hineingezogen werden, beginnen finstere Tage. Spannend ist das allzumal, die altgedienten Funktionsweisen des Spionagethrillers werden ausführlich bedient. Mit Betonung auf „alt“.

„Es ist lächerlich davon auszugehen, dass wir uns in einem zweiten Kalten Krieg befinden“, sagt mal jemand im Film. Allerdings ist das ausgerechnet der Prinz, also wird genau das Gegenteil impliziert. Und tatsächlich, mit nur wenigen Änderungen könnte diese Geschichte auch vor dreissig Jahren spielen. Liegt das jetzt daran, dass sich die Zeiten tatsächlich weniger geändert haben, als wir meinten? Oder liegt es daran, dass John le Carré gefühlte tausend Jahre alt ist und sich dementsprechend an klassische Erklärungsmuster hält, die nun auch in der Kinoadaption durchscheinen?

Etwas antimodern ist ja auch die Zeichnung der Hauptfigur Perry. Als Poetikprofessor verdient er deutlich weniger als seine Frau, die eine erfolgreiche Anwältin ist – die beiden befinden sich in Marroko, weil Gail dort beruflich zu tun hat. Dass sie für seinen Aufenthalt bezahlt, gibt Perry gegenüber Dima nur mit leichtem Zögern zu, denn so richtig männlich ist das natürlich nicht. Im Laufe der Handlung lernt er dann aber, was es heisst, ein richtiger Mann zu sein – der Kampf gegen die Russenmafia erweist sich für ihn als Initationsritus in die wahre Männlichkeit. Der Prozess ist abgeschlossen, nachdem Perry das erste Mal einen Gegner getötet hat. Und weil damit seine Entwicklung endlich auf die richtigen Bahnen gelenkt ist, stirbt kurz darauf auch sein Ersatzvater Dima.
Seine Frau Gail weigert sich anfangs noch wegen eines Ehestreits, mit Perry zu schlafen, kuschelt sich aber in seine Arme, sobald er die biologisch vorgesehene Beschützerrolle eingenommen hat. Dabei wird sie zu Beginn als toughe Anwältin eingeführt, die nach aller Logik die Heldin dieser Story sein müsste, da sie eindeutig mehr auf dem Kasten hat als ihr Akademiker-Gatte*. Aber mit modernen Sichtweisen hat es dieser Film eindeutig nicht.

*Arme Naomi Harris – schon in den Bondfilmen musste sie als Moneypenny lernen, dass Frauen keine Heldinnen sein dürfen.

Our Kind of Traitor
USA 2016, 108 Min.
Regie: Susanna White
Drehbuch: Hossein Amini, nach dem Roman von John le Carré
Mit Ewan McGregor, Stellan Skarsgård, Naomi Harris, Damian Lewis, Grigoriy Dobrygin et al.

 

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