Hideshi Hino: Käfer und Geschwülste

hino_collection_01Neben Junji Tio und Kazuo Umezu dürfte Hideshi Hino der bekannteste Zeichner von Horror-Manga sein (oder auch nicht; ich will mal nicht so tun, als tät ich mich mit Manga auskennen). Ursprünglich kenne ich den guten Mann über die Guinea Pig-Reihe: Äusserst erbauliche Videofilme, deren erster Sinn und Zweck darin besteht, dem wohlgesonnenen Publikum brutalen Gore und Splatter frei Haus zu liefern. Hierzu kollaboriert der Filmemacher Satoru Ogura eben mit Hino, der für den zweiten Teil (Flower of Flesh & Blood 1985) sowie den sechsten (Mermaid in a Manhole 1988) verantwortlich ist.
In Flower of Flesh & Blood tritt Hino höchstselbst als ein Samurai auf, der eine junge Frau bei lebendigem Leib zerstückelt. Die Effekte sind derart lebensecht, dass Charlie Sheen (ja, der Tigerblut-Typ) das Werk 1991 dem FBI als Snuff-Film meldet.
Über Mermaid in a Manhole hab ich schon einmal extensiv geschrieben, und zwar hier.

Wie auch immer, Hino ist in erster Linie Zeichner, und das schon seit den 1960ern. Ein lebensbejahendes Frühwerk von 1975 ist zum Beispiel The Bug Boy, eine Art japanische Variante von Kafkas Die Verwandlung. Die Geschichte dreht sich um einen kleinen Jungen, der in der Schule gehänselt und von der eigenen Familie fertig gemacht wird, aber Freude an Raupen, Schlangen und anderen Viechern findet. Eines Tages erbricht er einen grossen, roten Käfer. Nachdem ihn dieser in den Finger gestochen hat, beginnt beim Jungen selbst eine unheilige Verwandlung – man denke an Cronenbergs The Fly. Dass Hino cartooneske Comicfiguren mit grossen Augen zeichnet, macht den body horror irgendwie nur noch schlimmer.
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In The Collection tritt Hino selbst auf und präsentiert die Sammlung in seinem Arbeitszimmer: Ein menschlicher Augapfel in einem Glas, ein Zauberspiegel oder ein Stück Menschenhaut mit einem Tattoo. Zu jedem Stück erzählt Hino die Hintergrundgeschichte und wie es schliesslich in seinen Besitz gelangt ist. So lernt man im Laufe der Erzählungen auch einiges über Hinos Familie, sowie seinen Werdegang als Künstler. Die tätowierte Haut zum Beispiel gehörte einst seinem Vater – bis zu einem furchtbaren Unfall …

Hinos Spezialität ist der Ekel. Kin anderer Künstler bringt es fertig, dass mir tatäschlich schlecht wird. Und das liegt nicht bloss daran, dass er besessen ist von Deformationen und Verwesung. Nein, sein Stil hat irgendwas, diese Mischung aus dem Cartooneskem einerseits und realistischen Elementen andererseits. Eben weil die Figuren im Grunde so freundlich aussehen, ist umso aufwühlender, was ihnen zustösst. Dazu sind Hinos Zeichnungen in dichte, schwarze Schraffuren getaucht, die den Seiten eine düstere Plastizität verleihen. Die Dinge in seinen Geschichten haben eine greifbare Qualität.

So zum Beispiel die Geschwülste von Hinos Grossvater. „Mein Opa hatte immer irgendwelche Auswüchse“, erzählt der Manga-Hino. „Sie füllten sich langsam mit Eiter, bis er es vor Schmerz nicht mehr aushielt. […] Meine Aufgabe war es, die Beule mit einem nassen Handtuch zu kühlen und sie dann rasch mit einem scharfen Messer aufzuschlitzen.“
Es bleibt allerdings nicht beim Eiter, immer schlimmere Dinger fliessen aus den Geschwülsten – und schliesslich fliessen sie nicht mehr, sondern kriechen. Ein weiteres Stück für die Sammlung.

Hideshi Hino: The Collection 1 (Hino Horror Nr. 4)
Aus dem Englischen von Resel Rebiersch
Verlag Schreiber & Leser (Shodoku), 2007
Zuerst erschienen: 1985
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