The Lobster: Möchtest du ein Krebstier sein?

Wenn du ein Tier wärst, was für ein Tier wärst du? David1 wäre ein Hummer. „Hummer werden über hundert Jahre alt, sind blaublütig wie Aristokraten und bleiben ihr Leben lang Fruchtbar. Ausserdem liebe ich das Meer.“

Die Frage ist nicht hypothetisch gemeint. Wenn man in der Welt von The Lobster seinen Lebenspartner verliert (egal, ob durch Verlassenwerden, Scheidung oder Todesfall), wird man in ein Hotel eingeliefert. Dort kriegt man anderthalb Monate Zeit, um einen neuen zu finden. Wenn man es bis dann nicht geschafft hat, wird man in ein Tier verwandelt – immerhin in eines nach Wunsch.

Man merkt schon, die Handlung ist nicht buchstäblich gemeint, aber der Reiz des Films besteht gerade darin, dass die surreale Prämisse ganz real durchgezogen wird. Die Filmemacher Yorgos Lanthimos und Efthymis Filippou2 haben die Regeln dieser Welt logisch durchdacht. So kann man sich im Hotel zusätzliche Tage erkaufen, wenn man auf der sogenannten Jagd Beute macht: Da werden die ganzen Hotelbewohner in den Wald gekarrt, wo sie mit Betäubungsgewehren auf die Einzelgänger schiessen – jene also, die sich der Paarsuche entzogen haben und als Singles in der Wildnis leben.

Als Publikum jagt man derweils der eigentlichen Bedeutung des Gezeigten hinterher, ohne dass sich der Symbolgehalt jemals ganz auflösen liesse. Aber man erkennt schon so einige Realitäten der Partnersuche und des Beziehungslebens, die Lanthimos/Filippou hier auf die Spitze treiben. Wenn sich zum Beispiel ein Mensch dem anderen vorstellt, hört er sich an, als würde er sein Online-Dating-Profil vorlesen. Sämtliche Dialoge haben eine oberflächliche Phrasenhaftigkeit, irgendwo zwischen Flirt und Verkaufsgespräch. Das ist ebenso lustig wie erschreckend: „Kann ich mal für einen kleinen Schwatz in dein Zimmer kommen? Ich könnte dir einen Blowjob geben. Oder du könntest mich einfach ficken. Nach der Fellatio schlucke ich immer und ich hab überhaupt kein Problem mit Analsex, falls dir sowas gefällt.“

1 David wird von Colin Farrell gespielt, der hier aussieht, als wolle er Joaquin Phoenix in Her nachmachen – was bekanntlich ebenfalls eine Analyse von gegenwärtigen Liebesbeziehungen im Gewand der Science-fiction ist. In solchen Fällen trägt der romantische Held anscheinend einen Schnauzer.

2 Die beiden Griechen haben schon mit Kynodontas/Dogtooth und Alpeis/Alps Aufsehen erregt (Dogtooth war bei den Oscars gar als bester ausländischer Film nominiert) – weswegen jetzt auch Stars wie Farrell, Rachel Weisz oder Léa Seydoux bereitwillig mitgemacht haben. Filippou schrob zudem am grandiosen Chevalier mit.

The Lobster läuft ab dem 16. Juni im Xenix.

The Lobster
IE/GB/F/GR/NL 2015; 118 Min.
Regie: Yorgos Lanthimos
Drehbuch: Yorgos Lanthimos & Efthymis Filippou
Mit Clin Farrell, Rachel Weisz, John C. Reilly, Léa Seydoux, Ben Whishaw et al.

 

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