Oh My Sweet Land

Meistens schaut man sich ja was an und kommentiert dann das Gesehene. Man sitzt da in einer Reihe mit anderen Menschen und richtet die Aufmerksamkeit ganz auf das dort vorne. Solches nennt sich Kritik. Die ganze Auseinandersetzung findet im Inneren statt.

Im Rahmen des „Blickfelder“-Festivals wurde letzten Samstag „Oh My Sweet Land“ im Schiffbau gezeigt. Die deutsch-syrische Schauspielerin Corinne Jaber spielt eine deutsche Syrierin. Sie steht alleine auf der Bühne in einer Küche, bereitet Kubah vor, während sie von ihrem Geliebten Ashraf erzählt, der zuerst aus Syrien geflohen ist, dann aber wieder zurück ging. Kochend erzählt sie, wie sie ihm folgt, wie sie durch die Flüchtlingslager im Libanon und Jordanien nach ihm sucht. Dabei erzählt sie die Geschichten, die sie gehört hat; was sie erlebt hat. Die Zwiebeln brennen zwischendurch an, wie das halt passiert, wenn man Kriegsgeschichten erzählt. Es vergeht einem ja auch der Appetit.


Da geht es nicht mehr um Form oder Inhalt. Ästhetik ist keine Kategorie dieses Abends. Darüber: Kein Wort.
Corinne Jaber hat zusammen mit Amir Nizar Zuabi (Text und Regie) einen einfühlsamen Theaterabend konzipiert, der als verschachtelte Erzählung daher kommt. Sie haben Geschichten von Flüchtlingen recherchiert und gesammelt. Im anschliessenden Publikumsgespräch erzählt Jaber, dass sie die schlimmsten der Geschichten nicht rein nehmen konnten. Es wäre kaum auszuhalten gewesen.
Das ist dokumentarisches Theater; das ist die ausschweifende Reportage, für welche die Tagespresse keine Zeit (und keinen Platz) hat. Denn es sind die Geschichten, die hier erzählt werden: Diese kleinen Dramen, die sich hinter den Meldungen von Toten und verletzten verstecken. Nichts Grossartiges. Aber Menschliches. Erschreckendes. Halt eben: Menschliches.

Wer kalten Herzens bei so was bleibt, hat seine Menschlichkeit wohl irgendwo abgegeben (oder nimmt sie täglich Anderen als Folterknecht).
Es bleibt also zwischen Schlucken und Verkrampfen, da auf Bauchhöhe. (Eben: Es findet im Innern statt.) So Fiktiv es auf der Bühne ist, so real ist es dort draussen. Corinne Jabers Figur steht in der Küche, die auf der Bühne steht. In ihrer Geschichte steht sie in einem Kriegsgebiet, und hört weitere Geschichten. Die Verschachtlung machts aus. Hier wird gekocht – drüben Krieg geführt. Hier werden die Zwiebeln angebrannt und das Fleisch durch den Mixer gejagt – drüben aber…
Nein, es ist kein Abend, der das Theater in seiner Künstlichkeit bestätigt. Die Fiktion kann die Realität nicht verleugnen. (Sie will es auch nicht). Aber es ist ein Abend, der das Soziale des Theaters bestätigt.
Hätte es keine Zuschauer, wäre es kein Theater: Es wäre nur das Gebrabbel einer einsamen Frau für sich in einer Küche. Die Zuschauer in diesem Fall: Von Human Rights Watch. Die Aufführung in Zusammenarbeit mit Human Rights Watch. Deswegen gab es vor der Aufführung auch Häppchen und hübsche Gläser zum Anstossen. Unabhängig davon, was man von der Organisation hält – es war ein Abend in einem homogenen Publikum, mit homogenen Interessen. Die Inszenierung trifft den Nerv eines solchen Publikums.

Im Gegensatz zu einer regulären Aufführung eines Stadttheaters setzte sich das Publikum also nicht aus jenen zusammen, die ins Theater gehen, weil man das halt tut. Das Publikum beschäftigt sich genau mit den Fragen, mit denen sich die Inszenierung beschäftigt. Im Anschluss an die Inszenierung gab es ein Publikumsgespräch mit Gerry Simpson (Journalist, Flüchtlingsexperte und Mitarbeiter bei Human Rights Watch), der seinerseits Einblicke aus seiner Arbeit einfliessen liess.
Das Tragische auf der Bühne wirkt klein neben der Tragödie in Syrien. Die Machtlosigkeit angesichts der Passivität der Europäischen Union ist lähmend. Quer durchs Band der Politik geschieht so gut wie nichts. Das Publikum entdeckt sich in Jabers Figur wieder: Wir stehen in der Küche und wissen nicht mehr weiter.
Die anschliessende Diskussion breitet das aus: Die Rolle der Türkei, internationale Vereinbarungen. Die Ängste vor Fremden, die gewisse Politiker und Medien schamlos schüren, bzw. vor denen sie kapitulieren, um keine Stimmen zu verlieren. Europas Reputation hat den selben Schaden erlitten wie jene der USA. So wie heutzutage niemand mehr ernsthaft das Gerede von Freiheit und Demokratie glaubt, das der Oberkommandierende der amerikanischen Streitkräfte beim Einmarsch salbadert, so nimmt niemand den Europäern das Gesabbele über Menschenrechte mehr ab.

Die Irish Times sieht in Zuabis Arbeit das Werk eher eines „Ästheten, denn eines Provokateurs.“ Das stimmt. Jabers Figur ist uns nahe, weil sie im Privaten, Häuslichen sitzt und erzählt und von dort nie weg geht. Die Ohnmacht angesichts des Krieges und der Unfähigkeit der Politik entlädt sich im Zwiebelschneiden, Braten, Teigbällchenkneten. Wir haben nur Geschichten, keine Antworten… Es ist auch eine Kapitulation, wenn der Satz ‚ja, was kann man denn machen?‘ nicht nur als Frage, sondern auch als Ausruf (!) gesprochen wird. Es wäre eklig geworden, wenn der Abend mit einem Spendenaufruf geendet hätte, aber die Anordnung zum Schluss verwies darauf auch ohne es deutlich auszusprechen. Kein Missverständnis: Die Arbeit von Human Right Watch wird dadurch nicht entwertet. Sie wird bloss als Arbeit bewusst, welche finanziert werden muss.

Zweierlei:

Erstens: Das Theater lebt von seinem Publikum. Was, wenn es damit ernst macht? Dann entstehen Abende wie dieser. Wenn das Publikum die Inhalte der Inszenierung teilt, sich ebenfalls damit beschäftigt, dann entsteht aus Homogenität Verdichtung. Das Soziale wird politisch, weil es nicht mehr an das Allgemeine anzuknüpfen versucht. Der Dank an das Publikum, „dass ihr heute Alle da wart“, ist ernst gemeint und keine Floskel. Klientelkultur? Mitnichten… Das Modell wird noch Schule machen, glauben Sie mir: Partikulare Öffentlichkeiten im Theater. Themengebundene Zuschauerschaft. Man geht ins Theater, nicht mehr als allgemeinster Zuschauer. Sondern als Gewerkschafter, als Aktivist, als Arbeiter oder Arbeitsloser. Nicht mehr das Theater gibt die Themen vor, sondern die Zuschauer. Sie werden sehen…

Und zweitens: Europa muss seine Grenzen sofort aufmachen. Alles andere ist menschenverachtend. Cetero censeo…

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