Grizzly Man: Über Bären und Pausensnacks

I believe the common denominator of the universe is not harmony, but chaos, hostility, and murder.
Werner Herzog

Da steht er mitten in der Landschaft: Ein blonder Hüne mit Sonnenbrille und Bandana. Er spricht davon, sich als „kind warrior“ und „Samurai“ zu bewähren. Wie ein surfer boy direkt von Kaliforniens Stränden wirkt er – doch er befindet sich in Alaska, mitten unter Grizzlybären.
Über Jahre hinweg reiste Timothy Treadwell immer wieder in den Norden, um unter den Tieren zu leben. Bis er 2003 von einem Grizzly zerfleischt wurde (zusammen mit seiner Freundin Amie Huguenard). Unter anderem hinterliess er mehr als hundert Stunden Videomaterial. Werner Herzog bekam die Chance, dieses zu sortieren, und machte es zur Grundlage eines ebenso liebevollen wie brutal ehrlichen Porträts.

Herzogs Dokumentarfilm lief an der Filmstelle der ETH. Diese zeigt während des Semesters jeweils dienstags Filme zu einem bestimmten Thema, heuer unter dem Motto „Liebe ist für alle da“. Und tatsächlich war Treadwell voller Liebe. Immer wieder schreit er es in seine Videokamera: Er liebt die Bären, denen er sein Leben widmet. Er liebt die Füchse, die sich von ihm streicheln lassen. Er liebt es sogar, wenn im Sturm sein Zelt einknickt.
Vor lauter Liebe zur Natur geht ihm die Distanz zu den Tieren verloren. So geraten ihm zwar atemberaubende Aufnahmen wie jene vom Kampf zweier grosser Männchen, aus nur wenigen Metern Entfernung. Aber dass er zunehmend auf die grundlegendsten Sicherheitsmassnahmen verzichtet, wird ihm (und seiner Freundin) schliesslich zum Verhängnis.

Werner Herzog merkt man eine gewisse Bewunderung für den Quasi-Kollegen an – wie der legendäre Regisseur anmerkt, ging er für seine Filme ja auch in die Wildnis (und Klaus Kinski fletschte in seiner Wut die Zähne ebenso wie ein aggressiver Grizzly). Als Filmemacher interessiert er sich mitunter für genau jene Momente, die auf dem Boden des Schneideraumes gelandet wären, hätte Treadwell sein Material selber geschnitten. Dieser hat ja versucht (und Herzog analysiert das gnadenlos), sich als Retter der Bären zu inszenieren, als Held seiner eigenen Story, als furchtlosen Samurai, der sich den Respekt der Grizzlys verdient. Herzog hingegen zeigt, wie der Wind an Sträuchern und Büschen zerrt, nachdem Treadwell das Bild verlassen hat; ein stiller, aber wunderschöner Moment.

Auch ein Grossteil der Zwiegespräche, die Treadwell mit der Kamera führt, wären ohne Herzog nie ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Man zweifelt öfters an Treadwells Verstand, erinnert sich dann aber an die eigenen Selbstgespräche – bei Treadwell kommen zudem drückende Einsamkeit und ständige Gefahr hinzu. Keine Überraschung, dass er öfters ein wenig wunderlich erscheint. (Wobei: Gegen Ende gleitet er tatsächlich in paranoide Fantasien ab, wenn er sich von Wilderern und Naturtouristen verfolgt wähnt.)

Unvergleichlich ist schliesslich, wie Herzog in seinem schweren deutschen Akzent nicht nur die Selbststilisierung Treadwells, sondern auch dessen Romantisierung der Natur gnadenlos auflaufen lässt:

And what haunts me, is that in all the faces of all the bears that Treadwell ever filmed, I discover no kinship, no understanding, no mercy. I see only the overwhelming indifference of nature. To me, there is no such thing as a secret world of the bears. And this blank stare speaks only of a half-bored interest in food. But for Timothy Treadwell, this bear was a friend, a savior.
Werner Herzog

Dieser Einschätzung widerspricht im Anschluss an die Vorführung David Bittner. Der schweizerische Bärenexperte ist ausgebildeter Biologe und hat damit eine etwas professionellere Sicht auf die Tiere als Treadwell, aber er kann sich auch nicht dem rabenschwarzen Nihilismus von Herzog anschliessen. Da merke man, dass Herzog selbst wenig Zeit unter Bären verbracht hat, sagt er.
Bittner wurde von der Filmstelle eingeladen, ein wenig von seiner Arbeit und von seiner Sicht auf den Film zu erzählen.
Er geht auch auf Treadwells Vermächtnis ein: Besonders nach der Veröffentlichung von Herzogs Film habe der Tourismus ins Grizzlygebiet zugenommen; es gibt teils richtiggehende Treadwell-Touren („… und dort wurde er gefressen!“). Keine ideale Situation für den Tierschutz.

Ein äusserst lohnender Kinoabend jedenfalls. Nur die Unsitte, den Film für eine Konsum-Pause zu unterbrechen, störte mich etwas (sind wir hier bei der Kitag?), besonders in diesem Fall. Da sehen wir, wie Treadwells langjährige Freundin dem Regisseur die Aufnahme zu hören gibt, auf der der fatale Angriff festgehalten ist. Völlig erschüttert bittet Herzog die Frau, das Band zu stoppen, seine Hände zittern. Er empfiehlt ihr, die Aufnahme zu vernichten. Daraufhin PAUSE! KAUFT BIER UND SNACKS!

Grizzly Man
USA 2005, 103 Min.
Regie & Drehbuch: Werner Herzog
Mit Werner Herzog, Timothy Treadwell et al.

Website der Filmstelle
Nächsten Dienstag läuft dort Happiness von Todd Solondz. Unter anderem sieht man in dem Film, wie Philip Seymour Hoffman mithilfe von Sperma Fotos an eine Wand klebt.

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