Welcome to Iceland: Laborratten auf der Insel

Man hätte echt Lust, hier Strassenschilder aufzustellen.
Julia (Julia Brendler)

Eins vorweg: Ja, Welcome to Iceland ist ein furchtbarer, strunzlangweiliger Titel. Aber lasst euch davon nicht täuschen, der Film ist grandios.

Bis zum Horizont kein Baum, kein Haus, kein Zeichen von Leben. Nur hügeliges Land, das aussieht, als wäre es von grauer Asche bedeckt. Das isländische Hochland ist eine vulkanische Einöde. Hierhin hat sich der Geschäftsmann Gregor (Dominique Jann) fliegen lassen, um im Ruhe Selbstmord begehen. Dass man überhaupt jemals seine Leiche findet, ist unwahrscheinlich.

Doch als er abdrücken will, hört er Stimmen. Ausgerechnet hier, in dieser scheinbar unendlichen Aschewüste, stösst er auf ein junges Pärchen. Seine Pläne sind fürs erste durchkreuzt. Die beiden jungen Leute stammen aus Berlin, ihr Auto ist stehen geblieben, den Weg zurück in die Zivilisation kennen sie nicht.
Schliesslich kommt eine vierköpfige Familie hinzu, die gerade eine Trekking-Tour durch Island macht. Widerwillig nimmt der Familienvater (Marcus Signer) die drei Gestrandeten mit. Muss man die Vorräte halt ein wenig strecken. Als jedoch das GPS-Gerät kaputt geht, sitzen sie alle tief in der Scheisse.

Der Schweizer Filmemacher Felix Tissi (Desert – Who is the Man?) geht mit seinen Figuren wie mit Laborratten um. Er setzt sie gemeinsam in einer lebensfeindlichen Umgebung aus und beobachtet, durchaus mit schwarzem Humor, wie unter dem Druck steigender Gefahr unterschwellige Konflikte allmählich aufbrechen. Dabei reduziert er die Inszenierung auf das Allernötigste, die Dialoge sind stark stilisiert – man hat den Eindruck eines Kammerspiels.

Entschuldigen Sie, aber ohne meine Familie wäre mein Leben absolut sinnlos.
Klaus (Marcus Signer)

Aller Stilisierung zum Trotz hat man aber nie das Gefühl, dass hier irgendwas erzwungen oder konstruiert wäre. Jedes Detail der Handlung entwickelt sich organisch aus dem vorhergehenden und je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr Freude hat man daran zu beobachten, wie sich die einzelnen Puzzleteilchen zusammensetzen. Lange hab ich bei keinem Film mehr so gelacht, gezittert und geheult.

Da tötet zum Beispiel der Berliner (Nicola Mastroberardino) aus Versehen einen der beiden Hamster der Familie, was unter anderem zu einem Streit mit seiner Freundin (Maryam Zaree) führt. Sie haut daraufhin ab und bleibt verschwunden. Unverrichteter Dinge gehen die anderen weiter, aber der Berliner lässt in regelmässigen Abständen Liebesbriefe zurück, denen seine Freundin folgen können soll (man denke an Hänsel und Gretel). Diese findet die Briefe zwar nicht, aber zum Schluss spielen die Briefe dennoch eine wichtige – und völlig unvorhergesehene – Rolle. (Details verrate ich hier natürlich nicht.) Welcome to Iceland ist ein Paradebeispiel für starkes Erzählkino.

 
In Zürich läuft Welcome to Iceland im Kino Stüssihof

Welcome to Iceland
CH 2016, 96 Min.
Regie & Drehbuch: Felix Tissi
Mit Marcus Signer, Dominique Jann, Maryam Zaree, Julia Brendler, Nicola Mastroberadino, Anton Zacher, Luise Zacher, Joost Siedhoff, Jochen Regelien, Liliane Naef
Offizielle Website zum Film
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