Texte über Texte

Irrsinnigerweise lese ich mehr Literatur über Literatur als Literatur. Diese Überflügelung der Quellen durch die Sekundärliteratur in meinem Leseverhalten rührt zum einen von meinem Studium der Germanistik her, zum anderen von meiner Kritikertätigkeit: Für mich sind Texte über Texte ebenso wichtig wie Texte.
(Wobei das nicht nur für literarische Texte, sondern auch für Filme, Theaterstücke, Malerei, etc. gilt. Beispiel: Ich gehe selten ins Theater, lese aber haufenweise Theorietexte und Kritiken.)

Jedenfalls: Ich kann keine literatur- oder filmwissenschaftliche Arbeit schreiben, ohne Sekundärliteratur zu wälzen (und die ist üblicherweise weitaus umfangreicher als die jeweils zu bearbeitende Grundlage. Man schaue sich nur an, was die Menschen im Laufe der Zeit so alles über Eichendorffs Gedicht Wünschelrute geschrieben haben — ganze Bibliotheken hat man über den Vierzeiler verfasst). Und ich lese als Kritiker regelmässig, was die Kollegen schreiben, so aus berufstechnischem Interesse.

Das war jetzt eine lange Einleitung dafür, dass ich bloss sagen wollte, dass ich eine Sammlung von Essays gelesen habe. Essays zur Literatur, um genau zu sein. Von Hans-Ulrich Treichel unter dem Titel Über die Schrift hinaus. Wobei Essay hier alles meint vom wissenschaftlichen Aufsatz bis hin zum Zeitungs-Nachruf. Treichel ist Germanist und Schriftsteller (sein Roman Der Verlorene wurde erst letztes Jahr fürs Fernsehen adaptiert) und schreibt in seinen Essays über Kafka, Arno Schmidt oder Botho Strauss.

Das Tolle an solchen Sammlungen ist natürlich, dass man auf Werke hingewiesen wird, von denen man noch nie gehört hat, oder von denen man zumindest nur am Rande gehört hat, die aber extrem spannend klingen. So spannend, dass man sofort losgehen und sich das betreffende Werk besorgen will. Das trifft im vorliegenden Fall zum Beispiel auf Wolfgang Koeppens Trilogie des Scheiterns (bestehend aus Tauben im Gras, Das Treibhaus und Der Tod in Rom) zu.

Rückmeldung meines Online-Shops: Artikel nicht mehr lieferbar. Gottverdammt!

Nun gut, bleibt es halt bei den Essays. Ob Koeppens Trilogie dann tatsächlich so gut zu lesen ist, wie es Treichel klingen lässt, steht sowieso auf einem anderen Blatt.

Ein letztes Wort zu Treichels Buch: Mitunter geht der Germanisten-Duktus mit ihm durch; für den literaturwissenschaftlichen Laien kann das einigermassen diffizil zu perforieren sein.

Die oben zitierte Passage, die die Disparität der Subjekt-Objekt- und Raum-Zeit-Beziehungen anschaulich zu machen versucht im Bild der sowohl erstarrten als auch »unbändig« bewegten Zeitsee, ist zugleich eine Beschreibung der Koeppenschen Erzähltechnik selbst, die den »Strom der Zeit« aufzuhalten und in zu Augenblicken erstarrten kleinen Einheiten darzustellen sucht.
Treichel, 122f.

Klar soweit? Dann gebt euch den Treichel.

Hans-Ulrich Treichel: Über die Schrift hinaus. Essays zur Literatur
Suhrkamp 2000
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