Die Revolte der Pinguine 2: Weltpremiere

O-Ton: „Nur Bonzen und Faschisten verleugnen die Klasse!“

Im Konvent der Pingus brodelt es: Die Mutter Oberin will bloss Profit und Gehorsam. Die Prolls organisieren sich, mit billigem Schnaps, wilder Leidenschaft und vulgärem Marxismus. Gründe gibt es, aber keine Organisation. Die Wutbürger fürchten um ihre Gartenzwerge und Renten. Schulden und Faschismus sind im Trend, Schwachsinn wird gefeiert – was heisst das für die Revolte? Können die Prolls das Ruder umschwenken, werden die Kirchen des Kapitals brennen – oder bleibt die Scheisse, die wir Alltag nennen, wie sie immer war: braun und klebrig?

Seiju Gakuen (School of the Holy Beast, oder auch Convent of the Sacred Beast) ist ein japanischer Film von 1974 von Norifumi Suzuki. Die Gruppe Konverter hat Seiju Gakuen als Vorlage genommen, unverändert im japanischen Originalton und ungeschnitten – und den Film mit Untertiteln versehen, die mit der eigentlichen Handlung und den Dialogen nichts zu tun haben. Nunmehr verhandeln die Nonnen ihre Arbeitssituation, die direkte und indirekte Ausbeutung, die sie erfahren, diskutieren die Notwendigkeit, sich zu organisieren und streiten darüber, welches die richtige Organisationsform ist. Gleichzeitig drängen die Aufseherinnen des Klosters darauf, die Kontrolle zu behalten und versuchen mittels ideologischer Tricks, Zwist zwischen den Arbeitenden herzustellen; Konsumterror und die üblichen Heilsversprechen des Kapitalismus werden ausgebreitet – als auch diese nicht mehr viel helfen, kommt die faschistische Fraktion im Kloster an die Macht (mit Segen des Kapitals).

Die Revolte der Pinguine 2: Weltpremiere!
Wann? Am 14. Juni
Um welche Zeit? Programm ab 15 Uhr, Filmpremiere um 20 Uhr
Wo? Konverter-Garage, Zürich
Hier gibt’s Infos und das Programm im Detail
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Gastbeitrag: „Die Engagierten Zuschauer“

[Es handelt sich hier um einen Gastbeitrag des Kritikerclubs, der ursprünglich hier zuerst veröffentlicht wurde; gleichzeitig ist das ein Veranstaltungshinweis für deren Abschlusspräsentation diesen Freitag, 27.5. ab 19 Uhr im Literaturhaus.]

I

Es gehört zu meinen Pflichten, Schönes zu vernichten als Musikkritiker, Sollt ich etwas Schönes finden, Muß ich’s unterbinden als Musikkritiker. Mich kann auch kein Künstler überlisten, Da ich ja nicht verstehe, was er tut.“

(Georg Kreisler, Der Musikkritiker)

 

Kreislers Abrechnung mit den Musikkritikern ist selbst eine Kritik. Er drischt zwar auf dem Vorurteil herum, aber es ist ergötzlich. Auch wenn sich die Kritik seit den 60ern gewandelt hat (und vor allem die Kritiker und Kritikerinnen: Es gibt überhaupt mehr von zweiteren und erstere sind nicht mehr so alt und arrogant wie sie früher waren), so lebt das Vorurteil weiter. Es soll jetzt nicht darum gehen, dieses Vorurteil zu bedienen, aber ich möchte es doch als äussersten Punkt nehmen, von dem ich beginne. Es soll darum gehen, wie das Verhältnis zwischen Kritik und Publikum auch beschaffen sein könnte.

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Bildrausch 2016: Verlassene Orte, schwangerer Bauch

Bild von geyrhalterfilm.com

Das Bildrausch Filmfest in Basel ist ein Festival für den „innovativen Autorenfilm“, für Werke, die „wegen ihrer eigenwilligen Filmsprache und kompromisslosen Narration für Furore sorgen“. Klingt schon mal spannend. Und zumindest Homo Sapiens löst das Versprechen origineller Filmkost ein. Nikolaus Geyrhalter (Abendland) drehte den Film, der im Internationalen Wettbewerb „Cutting Edge“ läuft. Der Österreicher besuchte mit seinem Team einst belebte Orte, die inzwischen verlassen daliegen. Ein Prunkbau aus dem kommunistischen Bulgarien zum Beispiel, wo das Regenwasser von der ehemals beeindruckenden Decke tropft. Oder Häuserzeilen in Fukushima, die noch wenig zerfallen sind, aber allmählich von Pflanzen überwachsen werden.

Geyrhalter widmet jedem Ort ein paar Bilder: lange, unbewegte Einstellungen, sonst nichts. Man hört den Wind oder ferne Tiere, ab und zu fliegen Vögel durchs Bild. Die Menschen sind fort, teils schon lange, aber ihre Präsenz ist noch deutlich zu spüren – gespenstisch. Und traurig: Da sieht man einmal eine Bar, die ebenso vom Grün überwachsen ist wie die Barhocker, die davor stehen. Die Leute, die darauf sassen, waren womöglich glücklich, haben geflirtet. Jetzt setzt sich keiner mehr darauf.
Ganz gross ist die Tonspur: Da nur wenige der Originalaufnahmen brauchbar waren, mussten Peter Kutin und Florian Kindlinger die Geräuschekulisse von Grund auf zusammenbauen. Nicht zuletzt diese macht die Orte atmen.

Ausser Konkurrenz läuft der dänische Horrorfilm Shelley (Regie: Ali Abbasi). Eine junge Rumänin (Cosmina Stratan) fängt eine Stelle als Dienstmädchen an, und zwar bei einer steinreichen älteren Lady (Ellen Dorrit Petersen). Die ist etwas wunderlich: Sie lebt mit ihrem jüngeren Lebenspartner auf einem abgelegenen Anwesen. Elektrizität oder fliessendes Wasser gibt es nicht, die konsequent vegetarische Kost wird im eigenen Garten angebaut. Dazu glaubt die Lady an den Einfluss guter sowie schlechter Energien und erhält mehrfach Besuch von einem spirituellen Berater (Björn Andrésen).
Schliesslich fragt die Lady ihr Dienstmädchen, ob sie für sie ein Kind austragen würde. Die Rumänin stimmt zu. Und wer mal einen oder zwei Horrorfilme gesehen hat, kann sich ungefähr denken, worauf das hinausläuft. Nur so: Tiere und Kinder reagieren verängstigt bis aggressiv auf den Bauch der Schwangeren.

Shelley erinnert mich an Ich seh ich seh, ebenfalls ein Mix aus Arthouse und Horror, der die dunklen Seiten des Eltern-Kind-Verhältnisses auslotet. Und beide Filme sind sehr auf das Atmosphärische ausgelegt, mit einem Soundtrack aus spherischen Klängen und düsterem Grummeln.
Jedenfalls ist Shelley beeindruckend, weil der Film eine zwar altbekannte Story weitgehend ohne die leidigen Klischees des Genres ausbreitet: Hier reden und reagieren die Figuren wie echte Menschen, hier herrscht echtes Grauen anstelle billiger Schockeffekte. (Die reflexive Ebene sowie der Kunstwillen eines The Babadook oder gar It follows fehlt dann allerdings.)

Eine letzte Empfehlung: Das Bildrausch präsentiert eine Retrospektive zu Mani Haghighi. Vor Jahren sah ich dessen Groteske Men at Work: Vier Männer sind mit dem Auto unterwegs und halten zum Pissen am Strassenrand. Dabei fällt ihnen ein grosser Stein auf. Sie setzen sich in den Kopf, diesen Stein umzukippen – der Monolith widersetzt sich ihnen allerdings und bewegt sich keinen Millimeter. Der Kampf gegen den Felsblock wird zu einer Frage der Ehre.
Haghighi ist übrigens auch mit seinem neuen Film A Dragon Arrives! im Wettbewerb vertreten.

Homo Sapiens: So 29.5. 15.30 Uhr, kult.kino atelier 1 (in Anwesenheit des Regisseurs)
Shelley: Fr 27.5. 22.15 Uhr, kult.kino atelier 1 (in Anwesenheit des Regisseurs)
Men at Work: Mi 25.5. 22.00 Uhr, Stadtkino Basel (in Anwesenheit des Regisseurs)

Bildrausch 2016
Wann? 25. bis 29. Mai 2016
Wo? Stadtkino Basel & kult.kino atelier
Offizielle Webseite mit Infos und Programm im Detail

Iranian Film Festival 2016: Ein blödes Pferd und das Haus des Dichters

Der alte Mann hat seine Füsse am Pferd festgebunden. Er trommelt auf einen Eimer, um das Tier zu erschrecken – es soll ihn in den Tod ziehen. Doch das blöde Vieh bewegt sich nicht von der Stelle. Der Alte schreit vor lauter Frustration und schlägt sich gegen den Kopf. In ihrer verzweifelten Lächerlichkeit ist diese Szene todtraurig.
Hadi Mohaghegh ist ein junger iranischer Filmemacher; mit Immortal (Originaltitel: Mamiroo) hat er seinen ersten Langfilm inszeniert – und doch ist das schon ein ganz grosses Werk. Weshalb sich der alte Mann umbringen will, erfahren wir erst mit der Zeit. Jedenfalls hat sein Neffe genug davon, ständig dessen Selbstmordversuche verhindern zu müssen, und lässt ihn beim Enkelsohn zurück. Doch der ist noch ein halbes Kind und vom lebensmüden Grossvater völlig überfordert. Einmal mauert er die Eingangstür zu, damit der Opa nicht wegschleichen kann. Lange hält es ihn nicht auf.
Die Bilder (für die Kamera: Rozbeh Raiga) sind überwältigend: Da die karge Schönheit der iranischen Landschaft, die sich unter einem strahlend blauen Himmel ins Unendliche fortsetzt. Dort der grausige Anblick einer entzündeten Wunde am Bein des alten Mannes. Dafür hat man die Kinoleinwand erfunden.

Der Dokumentarfilmer Mehdi Bagheri hat mit Leuten gesprochen, die an einer einst wichtigen Strasse in Teheran leben – daraus entstand Residents of One-Way Street (Originaltitel: Ahalieh Khiaban Yek Tarafeh). Früher war das ein Viertel mit einem lebendigen Kulturleben, unter anderem standen da die grossen Kinos. Einer der Anwohner erzählt, wie er seinerzeit einzog. Um die Möbel in die Wohnung hinauf zu transportieren, bat er ein paar afghanische Bauarbeiter um Hilfe. Die waren gerade dabei, ein Haus abzureissen, das dem Dichter Iraj Mirza gehört hatte.
Als der Mann am nächsten Tag noch einmal hinging, stellt er fest, dass die Bauruinen eingestürzt waren und die Arbeiter unter sich begraben hatten. Heute steht dort ein Parkplatz.

 
Immortal: Do 26.5. 19 Uhr/Sa 28.5. 16.40 Uhr/So 29.5. 19 Uhr

Residents of One-Way Street: Do 26.5. 19.10 Uhr/Sa 28.5. 16.50 Uhr/So 29.5. 19.10 Uhr

Iranian Film Festival 2016
Wann? 26. Mai bis 1. Juni
Wo? Kino Houdini, Kalkbreite, Zürich
Offizielle Webseite mit Infos und dem Programm im Detail

Videoex 2016: Anger und Schlingensief

„Meine Damen und Herren: Magdalena Jung verlässt am 12. November 1982 den Boden der Realität und behauptet, sie könne fliegen.“ So berichtet’s eine Art Nachrichtensprecherin, die wie eine Flugbegleiterin gekleidet ist. Hinter ihr steht ein Typ im Anzug, eine Kapitänsmütze auf dem Kopf, die Hand auf einen riesigen Globus gelegt.
Tatsächlich: Magedalena Jung springt von einer Brücke und fängt kurz vor dem Aufprall an zu schweben – gerade als einer in einem orangen Käfer darunter hindurch fährt. Der Typ gleicht einem amerikanischen Sheriff. Von nun an jagt er der jungen Frau hinterher: „You disregard the laws of nature!“

So passiert das in „Die Ungenierten kommen“/„What happened to Magdalena Jung?“, einem frühen Kurzfilm von Christoph Schlingensief. Zu sehen am Videoex, dem Festival für Experimentalfilme und Videokunst in Zürich. Die zeigen dieses Jahr eben ein Schlingensief-Special („Film als Neurose“), mit einem Kurzfilmblock und Freakstars 3000 – Der Film.

Was gibt’s sonst noch? Ein Special zu Kenneth Anger, einem amerikanischen Experimentalfilmer, der schon seit den 1940ern dreht. Sein bekanntestes Werk ist Lucifer Rising, ein schräges Ding zwischen Satanismus, Ägyptologie und Hippietum (Anger war sehr am Okkulten interessiert), das er 1966 angefangen und erst 1972 fertiggestellt hat – unter anderem, weil einer der Hauptdarsteller ins Gefängnis kam für einen Mord, den er im Auftrag von Charles Manson beging. Dafür ist jetzt auf der Tonspur die Musik zu hören, die der Kerl im Gefängnis mit seinem Kumpelhäftlingen aufgenommen hat.

 
Weitere Tipps:

Laurie Andersons neuer Film Heart of a Dog feiert seine Schweizer Premiere am Videoex.

Im Schweizer Wettbewerb läuft aktuelles hierzuländiges Experimentalfilmschaffen.

Im Programm Gaststadt Beirut entdeckt man hingegen alte und neue Videokunst aus dem Libanon. Dazu gibt’s auch eine multimediale Live-Show der libanesischen Künstler Rayess Bek und La Mirza.

VIDEOEX 2016
Wo? Kunstraum Walcheturm und Cinema Z3 auf dem Kasernenareal, Zürich
Wann? Vom 24. bis 29. Mai
Offizielle Website mit Infos und dem Programm im Detail

Mehr zum Videoex gibts beim Züritipp.