Fumetto 2016: Spielzeug aus Karton und animierte Karpfen

Letzten Sonntag ging also wieder das Internationale Comix-Festival zuende. Selbiges versucht, die Durchschnittsbevölkerung für Comics zu interessieren, indem es den Umweg über die Kunstvermittlung macht. Hier meine kleine Nachlese zum Festival: Was mir geblieben ist, welche Künstler ich weiterempfehle, und so weiter.

Mein persönliches Highlight war sicherlich die Seico©-Spielzeugfabrik. Kunststudenten der Hochschule Luzern haben diese zur Gänze aus Karton gebaut: Wände, Möbel, Werkzeuge, etc. Und das ganze Spielzeug war ebenfalls aus Karton. Ein tolles Gesamtkunstwerk, das man in der Form nur am Festival selbst erleben konnte. Immerhin, sämtliche der gebastelten Gegenstände wurden auch versteigert – ich bot (erfolglos) für ein Sägeblatt und ein Notausgang-Schild.
Update: Zumindest das Sägeblatt hab ich dann doch bekommen!

Sonntagmorgen wars regnerisch und arschkalt – und weil kein Mensch da war, der die Tür zum Masenliebhabersaal aufgemacht hätte, mussten wir draussen herumstehen. Mitsamt dem Comickünstler, der dort eigentlich seinen Vortrag halten sollte. Anscheinend war der verantwortliche Mensch bei einer Beerdigung, während sich sein Ersatz die Uhrzeit falsch gemerkt hatte.
Jedenfalls hat’s irgendwann geklappt und Tom Gauld erzählte von seiner Arbeit. Der Brite zeichnet Cartoons für den New Yorker und den Guardian, zudem hat er einige Bücher veröffentlicht (bisher kannte ich Goliath) — uns hat er zudem Ausschnitte aus seiner kommenden Veröffentlichung Mooncop gezeigt („Es ist ähnlich wie Kubricks ‚2001: A Space Odyssey‘, aber ohne das Drama.“).
Zeichnerisch sind seine Arbeiten extrem simpel, er selbst spricht von einem Stil, der sich an Diagramme oder Strassenschilder anlehnt. Den Humor zieht er dann auch gerade daraus, dass seine Figuren und Szenarios auf das Minimalste reduziert sind.
Nebenbei hat er einen tollen Tipp dafür, wenn man Ideen zu einem Thema sucht: „Man kann sich einfach überlegen: Was wäre das exakte Gegenteil davon?“

Apropos Vortrag: Spannend war auch der von Matt Madden. Der New Yorker verbrachte längere Zeit in Frankreich und erzählte uns vom Netzwerk Oubapo (Ouvroir de bande dessinée potentielle). Inspiriert von der literarischen Gruppierung Oulipo, versuchen bei Oubapo Comiczeichner, auf der Basis von experimentellen Versuchsanordnungen neue Arbeiten zu schaffen. Madden demonstrierte das Prinzip anhand eines Comics, den er nach den Regeln eines pantoum, einer speziellen Gedichtform, gestaltet hat – eine Zeile von Panels entspricht da einer Zeile im Gedicht. Das Ergebnis ist verblüffend.
(Bekannt geworden ist Maden übrigens mit der Stilübung 99 Ways to Tell a Story.)
So kann man Problemen der Ideenfindung oder der Schreibblockade umgehen: Man stellt sich zu Beginn einfach ein paar Regeln auf, der Rest kommt von selbst.

Ganz schön frech: die Ausstellung des belgischen Kollektivs “ target=“_blank“>Frémok. Die war bis obenhin vollgestopft mit Arbeiten verschiedenster KünstlerInnen, die zu einem obszönen Humor tendieren – da gibt’s zum Beispiel von Dominique Goblet & Kai Pfeiffer eine ganze Reihe von Ölbildern, die Tiere zeigen, die’s wie Menschen treiben.
Kamagurka und Herr Seele waren mir dank ihrem Cowboy Henk schon ein Begriff. Zu sehen war unter anderem eine Episode, in der Hitler seine Schäferhündin Blonie erschiesst, weil sie auf die Terrasse seines Feriensitzes gekackt hat. Humor für Feingeister.
Toll an der Ausstellung war nicht zuletzt, dass es ein Mini-Kino mit diversen Filmchen und einen Pausenraum gab. Da konnte man sich einfach mal hinsetzen und die Füsse ausruhen. Das Fumetto ist ja über die ganze verdammte Stadt verteilt, da legt man doch so einige Fussmeilen hin.

Versteckt in einem Innenhof, zwischen den parkierten Autos der Anwohner, liegt die Künstlerwerkstatt Neustahl. Hat man diese endlich mal gefunden, konnte man sich in deren Keller durch Allerlei Zeug von Max wühlen: Originalzeichnungen, Musikvideos, Drucke, etc. Geboren als Francesc Capdevila, gehört Max zu den bekanntesten Comickünstlern Spaniens, und interessiert sich als solcher insbesondere für Philosophie und klassische Kunst. Sein Meistwerk ist Bardín der Superrealist, in dem unter anderem Mickey Mouse als Gottheit mit drei Augen auftritt.

Zum Schluss: Das Animationsfestival Fantoche stellte wie immer ein Kurzfilmprogramm zusammen, inspiriert vom diesjährigen Wettewerbsthema Verführung. Viele davon sah ich bereits an der letzten Ausgabe des Fantoche, verpasst hatte ich bisher jedoch die sensationellen Beiträge Les mots de la carpe (Lucrèce Andreae) und Le sens du toucher (Jean-Charles Mbotti Malolo). Man kann sich Les mots de la carpe auch online ansehen, also macht das gefälligst!

Jedenfalls: Nächstes Jahr gerne wieder. Dann aber bitte mit weniger Eisregen.

Fumetto: Internationales Comix-Festival Luzern
16. – 24. April 2016
Offizielle Website
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