Globi und das Establishment

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Tief im Bauch der Urania-Wache steht die Rückkehr des grössten Schweizer Comichelden bevor. Passenderweise gibt der Presseraum vom Hauptquartier der Zürcher Stadtpolizei ein skurriles Bild ab. Unter den strengen Blicken der Ordnungshüter hüpfen Kinder umher. Es ist die Medienorientierung zum neuen Globi-Band, der sich mit einem Goldraub am Paradeplatz befasst.

Das hochgewachsene, blaue Fabelwesen entführt die Kinder gleich höchstpersönlich zu einem gesonderten Programm. Verlagsleiterin Gisela Klingenberg schildert die pikante Entstehungsgeschichte. Ein Mitglied der Interventionseinheit Skorpion sei mit der Idee an den Verlag herangetreten. Dieser Mitarbeiter ist sogar anwesend. In voller Kampfmontur, inklusive Skimaske. Gefürchig! Aber ich verspürte ja schon als Kleinkind ein schlechtes Gewissen, wann immer ein Polizeiauto vorbeifuhr.

Wir werden gebeten, den Namen dieses Mitarbeiters nicht zu verraten und wollen ihn daher unter seiner Berufsbezeichnung «65» führen. Der Vorgesetzte von «65» beteuert, wie realitätsnahe die geschilderte Polizeiarbeit sei. Man seile sich zwar nicht täglich vom Helikopter ab, müsse aber oft und hart für Szenarien trainieren, die eigentlich nur selten eintreffen. Wie vorige Woche an der Rämistrasse. Wäre Globi im Team gewesen, die Juwelendiebe hätten keine Chance gehabt, scherzt Kommunikationschef Michael Wirz.

Nun tritt Zeichner Samuel Glättli vors Flipchart. Der aktuelle Band ist bereits sein vierter. Eigens für die Präsentation wurde er aus seiner Wahlheimat New York eingeflogen. Mit flinker Hand zeichnet er einen uniformierten Globivogel. Die Leidenschaft für seinen Job steht ihm ins Gesicht geschrieben. Es ist diese Freude, die gemeinsam mit Jürg Lendenmanns Versen auch die neueste Ausgabe zu einem runden Erlebnis macht. Dabei wurde Globis Polizeiarbeit – so nahe sie auch an der Wahrheit liegen mag – natürlich kindergerecht aufbereitet. Und selbstverständlich sind Globi-Bände immer auch Werbung für das aufgegriffene Thema. Bereits im Vorwort legt man der jungen Leserschaft nahe, doch einen Beruf in Hellblau zu wählen. Man könne schliesslich immer Verstärkung brauchen.

Inzwischen ist die Zielgruppe wieder aufgetaucht und kauert in einer Ecke für Erinnerungsfotos. In ihrem Rücken strecken Globi und «65» die Daumen. Der Anblick bereitet mir ein mulmiges Gefühl, und ich überlege einen Augenblick wieso. Mir wird klar, dass hier gerade zwei Symbole aufeinander prallen. Das eine steht für Aufbruch und Freigeistigkeit, das andere für die bedingungslose Bewahrung der gegenwärtigen Machtverhältnisse. Ein düsterer Gedanke, ich weiss. Eigentlich will ich nicht glauben, dass mein einstiger Held wieder zu seiner ursprünglichen Form degeneriert ist. Zum Werbeträger eines Kaufhauses, zum Vorläufer von Ronald McDonald, zum Vasallen des Establishments. Der Globi, den wir kannten, hatte sich längst von dieser Rolle emanzipiert.

Er bereiste für uns die Welt, zeigte uns Paris, Tintenfische am Meeresgrund oder den Nordpol. Seine Reime verführten zum Schreiben, seine Bilder zum Zeichnen. Er lehrte uns, eigene Wege zu gehen, statt der Herde zu folgen. Das zeigte sich bereits im sechsten Band, als er sich bei der Schweizer Armee für praktisch untauglich erwies. Mag sein, dass er im Herzen Botschafter geblieben ist. Für die Bundesbahnen, die Wasserwerke und den Flughafen. Vor allem aber für Kinderträume.

Michael Wirz gibt sich jedenfalls betont stolz, dass Globi seinen Sohn bekehren konnte. Dieser habe seine Karrierepläne bei der Müllabfuhr zugunsten der Polizei aufgegeben. Wobei die Ordnungshüter in diesem Band mehr mit Militär als dem verklärten Alltag von Dorfpolizist Wäckerli zu tun haben, jener Abbildung auf dem Flipchart. Dann wiederum spielt die Geschichte auch in einer Grossstadt, und genau das macht sie für mich so relevant. Es ist nämlich das erste Abenteuer an seinem Geburtsort. Globi ist Stadtzürcher. Imfall. Mit diesem versöhnlichen Gedanken gönne ich mir eins der Hörspiele und lasse mich freundlich aus der Wache eskortieren.


«Globi und der Goldraub», erschienen im Globi Verlag, 2016

Dieser Artikel wurde bereits auf Tsüri.ch publiziert.

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Ein Gedanke zu “Globi und das Establishment

  1. Ich fand Globi schon als Kind miserabel und langweilig und hab nur Spass daran gefunden mit dem Zeichenstift fiktive Massaker in die Zeichnungen einzuarbeiten. Von dem her könnte dieser Globi doch ganz gut sein.

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