Mein Senf zum SENF

SENF05_Kristian-Nushi
Illustration aus SENF #05: „Olémine“

St. Gallen war lange Zeit bekannt für Bratwürste und einen kultigen Fussballverein. Die Bratwurst war so gut, dass es dazu keine Senf brauchte. Inzwischen ist es so, dass auch in der Ostschweiz die Wurst schmeckt wie überall und nur noch aus Prinzip ohne Senf gegessen wird, und leider hat der Fussballverein durch den Umzug in eine neue unpersönliches Einkaufzentrumsbetonschlüssel viel von seiner Originalität verloren.

Jetzt kann man jammern, dass früher alles besser war, oder aber sich die Geschichte zu eigen machen. Auf eine schöne Art und Weise macht dies das St. Galler Fanmagazin „SENF“, welches gerade in der 5. Ausgabe erschienen ist. Da es sich schon um Nr. 5 handelt, ist davon auszugehen, dass es sich dabei nicht um eine kurzfristiges Freudenfeuer handelt. Die Auflage beträgt 1500 Exemplare und die Machart ist äusserst aufwendig.

Grafisch ist dem Kollektiv mit Nr. 5 ein echtes Schmuckstück gelungen. Verschiedene Protagonisten der Vereinsgeschichte werden in sehr eigenem Stil dargestellt (siehe Bild). Dieses Artwork zieht sich durch das ganze Heft und geht im Konzept auf. Dadurch, dass sich SENF als Kollektiv definiert und die einzelnen Texte keine Autoren zuordnet, wirkt das Heft aus einem Guss und auch sehr sympathisch.

Der Inhalt will ansprechend und anspruchsvoll sein und ist es grösstenteils auch. Aber eben nicht immer. Senf hat ein Interview mit dem Urtypus eines St. Galler Spielers, Marc Zellweger, gemacht. Dieser hat viele, viele Jahre seine Knochen für den FCSG hingehalten, legendär seine Sprints über das ganze Feld und sein Kampf ohne viel zu hinterfragen. Bei diesem Interview entsteht dann aber der Eindruck, dass das, was „Zelli“ zum super Fussballer machte, ihn nicht gerade zum super Interviewpartner macht. Anders gesagt, ihm beim Rennen und Ackern zuzusehen war spanender als seine Gedanken zu lesen. Also nur etwas für Leute, die ihn spielen haben sehen.

Grösstenteils ist das Heft nur etwas für Anhänger, welchen den FCSG schon länger verfolgen. Und natürlich hat eine Fanmagazin das Objekt, über das es berichtet, so innig zu lieben, dass es zuweilen Dinge für interessant hält, die ein Zuschauer mit mehr Abstand jetzt eher so als Gähn beurteilt. Anders gesagt, mir gefällt die Idee eines Magazins für den FCSG, das von seinen Fans gemacht wird, in Zeiten, in denen der Club wegen der totalen Kommerzialisierung seines Umfeldes und des Fussballs im Allgemeinen leidet, so extrem gut, dass ich nie fähig wäre, das Heft in einer grundsätzlichen Weise zu kritisieren. Dabei stört mich, dass zum Beispiel ein Schiedsrichterpfiff aus dem Jahr 2001 für eine ganze „was wäre wenn“-Story als Aufhänger dient, der gegen den FCSG gefallen ist. (Ein Pfiff im letzten Spiel gegen Hauptkonkurrent um die Meisterschaft GC, der zum 0:1 führte). Während ein anderer, eigentlich wichtigerer Pfiff (ein Jahr davor gegen Hauptkonkurrent um die Meisterschaft FC Basel und der daraus folgenden Verhinderung des 1:2 von diesem) mit keiner Silbe erwähnt wird. Da kommt der Verdacht auf, dass zuweilen Konzept dem Inhalt vorgezogen wird.

Aber im Allgemeinen sei gesagt, dass der St. Galler Anhänger, also auch ich, eh für „ummesüdere“ so hinlänglich bekannt ist, dass es wohl tut, mit SENF eine gelassen Stimme der Verortung zu haben. Und natürlich wird die Clubführung auch kritisch hinterfragt. Was natürlich nur wenig kritisch hinterfragt wird, ist das St. Galler Publikum, und so bekommt man den Eindruck, wie man ihn auch vom Stadion und Fanforum kennt, dass sich die Prioritäten in den letzten Jahren eher vom Fan-Sein vom Club (nicht von der Führung) hin zum Fan-Sein vom Fan-Sein entwickeln haben. Der Stimmung im Stadion hat das nicht unbedingt gut getan und den Supportern gelingt es nicht mehr wie früher, das Zünglein an der Waage zu sein. Wäre im Senf auch Platz für solche Selbstkritik, dann wäre ich vollauf begeistert. Damit würde gelingen, sich vom Konsumenten zurück zum Protagonisten zu wandeln, und SENF wäre ein schönes Beispiel dafür, wie das gehen kann.

senf.sg

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