Transcending: Mit dem Kopf gegen die Spüle

Zurzeit läuft im Stüssihof ein Mysterydrama des Aargauer Filmfans Michael Wettstein. Darin führen übernatürliche Phänomene ein amerikanisches Ehepaar in die Schweiz. Dass da Fans einen eigenen Film auf die Beine stellen, ist bewunderswert – aber Transcending zeigt auch die Gefahr fehlplatzierter Prioritäten.

Wettstein ist ein absoluter Hollywood-Fan, er verfügt über eine riesige Kollektion an Selfies, die er mit verschiedensten Filmstars geschossen hat. Nun ist er selbst Filmproduzent und erfüllt sich mit seinem eigenen Film einen Traum. […] Die beste Schule sei es, seinen eigenen Film zu drehen, rezitiert Wettstein den grossen Filmemacher Stanley Kubrick.
— Aus der Medienmitteilung zum Film —

Mein Ziel besteht nicht darin, Michael Wettstein oder sein Werk runterzumachen – als Nichtprofessineller einen eigenen Film auf die Beine zu stellen, ist beeindruckend, und als Mitglied der Gruppe Konverter bin ich ganz und gar für den Dilettantismus. Aber Transcending – The Beginning of Josephine ist auch ein gutes Beispiel, an dem sich einige Sünden der Laienfilmerei aufzeigen lassen. Und diese haben ihren Ursprung in einem schwerwiegenden Umstand: Es ist leicht, eine Kamera zu kaufen, aber schwierig, eine Geschichte zu erzählen.

Einen Film zu machen, ist heutzutage banal, denn dank digitaler Videotechnik verfügt jeder für wenig Geld über die nötigen Mittel – man schaue sich nur den vorvorjährigen Kritikerliebling Tangerine an, der auf einem iPhone 5s gedreht wurde. Aber abgesehen vom beispiellosen Zugang auf die Technik ist das Erzählen einer Geschichte mit filmischen Mitteln immer noch genau so schwierig wie zu Anbeginn des Kinos. Spätestens seit den Achtzigern (als sich die Videokamera auf breiter Basis etablierte) gibt es also haufenweise Leute, die zwar zur Kamera greifen, aber sich nicht die Mühe machen, das Geschichtenerzählen zu erlernen – denn sie erliegen dem Irrtum, mit dem Kauf der nötigen Technik sei das Wichtigste schon erledigt.
In Extremfällen führt das zu so etwas wie Oliver Krekels Robin Hood: Ghosts of Sherwood — ein Film, der sogar in 3D gedreht wurde, aber kein Stück besser erzählt ist als schlechtes Schülertheater (und dementsprechend unerträglich zum Angucken).

So macht es mich auch misstrauisch, wenn Michael Wettsteins Pressedienst lauter oberflächliche Errungenschaften anpreist, aber kaum ein Wort zu Story oder Figuren verliert:

Wettstein hat sich bekannte Drehorte ausgesucht. Die Protagonisten des Films leben in den gleichen Häusern wie Tom Cruise in Steven Spielbergs «War of the Worlds». Ausserdem liess Wettstein eigens für seinen Film ein ganzes New Jersey-Haus in einer Aargauer Lagerhalle nachbauen. […] Wettstein engagierte für seinen Film den Basler Komponisten Raphael Benjamin Meyer, der auch schon für die TV-Serie «Der Bestatter» Musik schrieb. Für den Cast stellte er Schweizer, Deutsche und Amerikanische Schauspieler an.
— Aus der Medienmitteilung zum Film —

Worum geht’s denn eigentlich?

Der Film hebt an mit einem Prolog im schweizerischen Wohlen (Kanton Aargau). Dort wird im Jahre 1975 eine gewisse Rosa Maria Huber bestattet. Zwar gibt es keine Leiche, aber da ihr Verschwinden schon zwei Jahre zurückliegt, hat man es gut sein lassen und sie für tot erklärt. Sie hinterlässt einen kleinen Sohn (dem wir später wiederbegegnen) sowie einen Mann, den man hinter vorgehaltener Hand verdächtigt, seine (reiche) Frau um die Ecke gebracht zu haben.

Zwei Dinge sind festzustellen:

  • Look und Ton wirken auf den ersten Blick durchaus professionell – immerhin etwas.
  • Auch wenn der Prolog in der Schweiz spielt, sprechen die Figuren Englisch. Das behalte man im Gedächtnis für später.

Die eigentliche Handlung beginnt irgendwo in New Jersey, und tatsächlich, das sind die Häuser aus War of the Worlds. Wahrlich ein Grund zur haltlosen Begeisterung. Hier begegnen wir unserem Helden Brandon – gespielt von Michael Wettstein persönlich. Ja, der Aargauer ist nicht nur Produzent, Regisseur und Drehbuchautor, er hat auch die Hauptrolle übernommen. Wie in all seinen Filmen. Ich will ganz bewusst nicht von Egoproblemen anfangen, aber in meinem Hinterkopf reihe ich das zwangläufig zum Kubrick-Vergleich.

Apropos: Kubrick wäre nie auf die Idee gekommen, sich selbst in einer Hauptrolle zu besetzen, und daran hätte sich besser auch Wettstein ein Vorbild genommen. Die anderen Schauspieler sind entweder Profis oder zumindest halbwegs talentierte Amateure, Wettstein jedoch zeigt weder Charisma noch Schauspieltalent. Seinen Text leiert er monoton herunter, seinem Gesicht geht jegliche Gefühlsregung ab, und ihm fehlt schlicht das Aussehen eines leading man, nicht zuletzt wegen eines unwillkürlichen Grinens, das ihn auch in ernsten Szenen nicht verlässt. Dafür kann er natürlich nichts, aber Schauspielerei fusst nunmal zur Hälfte auf dem Äusseren — das musste auch Seth MacFarlane lernen, als er sich selbst für die männliche Hauptrolle in A Million Ways to Die in the West castete.
Fragwürdiges Schauspieltalent ist im Amateurfilm keine Seltenheit, weil dafür üblicherweise kein Geld vorhanden ist (wobei ein guter Regisseur auch aus Laien gute Leistungen holen kann; schaut euch die Filme des italienischen Neorealismus an, oder Kevin Smiths Clerks). Wenn nun aber die finanziellen Mittel vorliegen, um richtige Schauspieler zu engagieren – was rechtfertigt dann diese Besetzung?

Egal. Wettstein spielt also den Amerikaner Brandon, der wiederum mit einer gewissen Karen (Adrienne LaValley) verheiratet ist. Diese Karen arbeitet in einer Küche und knallt eines Tages mit der Birne gegen eine Spüle. Danach hat sie Albträume und malt allerlei Bilder: Bilder mit Schmetterlingen, oder mit Häusern, die sie nie zuvor gesehen hat, oder mit einer Frau, die in einer Pfütze aus Blut liegt, also vermutlicherweise totgemordet worden ist. Zudem entwickelt Karen aus dem Nichts heraus eine Expertise für klassische Musik. Und das Schlimmste: Sie spricht im Schlaf Schweizerdeutsch — was keinen Sinn macht, da die Schweizer in diesem Universum Englisch reden (wie wir im Prolog festgehalten haben).
Übrigens, man muss sich mal die Dialoge auf der Zunge zergehen lassen (aus dem Englischen übersetzt).
Karen: „Was denkst du, was passiert mit einem, nachdem man stirbt?“
Brandon: „Denk nicht darüber nach, du bist noch so jung.“

Karen hat also einen Schaden im Oberstübchen. Damit geht unser Ehepaar zunächst einmal zur Psychiaterin. Die verschreibt Karen Pillen, die bei dieser allerdings zu einem Kreislaufzusammenbruch führen. Was wiederum Brandons Mutter (Claudia Wicki) zu einer erschöpfenden Tirade gegen alle Psychiater veranlasst: „Man sollte sie alle zwingen, den Müll selber zu schlucken, den sie verschreiben.“

Die Psychiatrie ist also vollkommen nutzlos. Stattdessen holt Brandon (auf Empfehlung seiner Mutter) einen „spirituellen Berater“ ins Haus. Der heisst Benjamin Funderburk (Daniel Martin Berkey) und hat nicht nur einen coolen Namen (Ehre, wem Ehre gebührt), sondern erkennt auch sofort, dass Karen keinen Knall hat, sondern sich ganz einfach an ein früheres Leben erinnert. (Weil sie sich den Kopf an einer Spühle angeschlagen hat, nur um es nochmals zu erwähnen.) Aus diesem früheren Leben hat Karens Seele wohl eine offene Rechnung davongetragen – anscheinend war sie damals die Frau aus ihren Visionen und wurde das Opfer eines Gewaltverbrechens. Funderburk rät, der Sache nachzugehen und so der Seele der Ermordeten Ruhe zu verschaffen. Freundlicherweise erklärt er sich bereit, die Orte zu recherchieren, die Karen aufgemalt hat.

Zwischenbemerkung
Dass der Film zum grössten Teil aus Dialogszenen besteht, ist noch kein Verbrechen – dass die Filmemacher keine Ahnung davon haben, wie man Dialogszenen inszeniert, ist allerdings fatal. Da sieht man immer wieder zwei Leute, die sich in einer langen, statischen Einstellung gegenübersitzen. Oder da wird eine Unterhaltung in einem simplen Schuss-Gegenschuss-Verfahren aufgelöst, in dem sich Nahaufahmen der Gesprächspartner ohne Variation abwechseln. Das Höchste der Gefühle besteht darin, eine Konversation durch die Lamellen einer Schranktüre zu filmen.
Die Dialoge sind zudem kaum jemals auf Anschluss oder mit Rhythmus inszeniert, sondern voller unbeholfener Pausen.
Mit anderen Worten: Das ist unsäglich dröge. Auch ein schlechter Film kann unterhaltsam sein, aber Langeweile ist eine Todsünde, die selbst Gott nicht verzeiht.
(Empfehlung am Rande: Ein interessantes kleines Videoessay über Schuss-Gegenschuss findet ihr hier.)

Wie dem auch sei, die Recherchen des Spiritisten lenken unsere Helden ins schweizerische Wohlen und dort zum Anwesen der Hubers. Brandon reist zunächst alleine hin, um die Situation auszukundschaften, und fragt unter anderem eine Barkeeperin aus. Praktischerweise kennt die junge Frau die Geschichte der Hubers sowie alle Gerüchte, die sich um die Familie ranken — und sie macht sich lustig über neugierige Leute, die wohl „ein paar Hitchcock-Filme zuviel geguckt haben“. (Ächz.)
Das Ergebnis der Befragung: Von der Familie Huber hat nur Albert (Thomas Grampp) überlebt, ein einzelgängerischer Sonderling – und Sohn der im Prolog beerdigten Rosa Maria, die eben unter seltsamen Umständen verschwunden ist. Brandon kombiniert messerscharf, dass die Seele dieser Rosa Maria in seiner Frau steckt und keine Ruhe gibt, bis deren Tod aufgeklärt ist.
Albert kombiniert jedoch anders: Schmetterlinge? Klassische Musik? Nicht seine Mutter, sondern sein Vater war der Schmetterlingssammler und Klassikfan der Familie. Und dann das entscheidende Puzzleteil: „Der Geburtstag ihrer Frau ist am gleichen Tag wie die Beerdigung meines Vaters!“ In Karen steckt also nicht die Seele des Opfers, sondern des (mutmasslichen) Mörders. Zugegeben: der Twist ist clever. Oder wäre es, hätten wir den nicht schon so ähnlich in Kenneth Branaghs Dead Again gesehen.
(Branaghs Film dürfte auch sonst ein Vorbild für Wettstein gewesen sein, denn Dead Again machte diese Art des Past-Life-Krimidramas populär — Anfang der 90er. Da ist Transcending ein bisschen spät dran.)

Brandons persistente Fragerei weckt unter anderem den Argwohn des örtlichen Pfarrers. Pater Daniels (Christian Weisz) versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Amerikaner das Rätsel um den Tod von Rosa Maria löst – wieso genau, ist mir nicht ganz klar, aber es geht da wohl irgendwie um eine Spende an die Kirche, die der alte Huber gemacht hat. Manche Einzelheiten sind mir vor lauter Kopfschütteln entgangen.

Ist aber auch egal. Brandon holt seine Frau in die Schweiz, um ihre restlichen Erinnerungen hervorzuholen. Doch bevor es soweit kommt, wird sie vom Pfarrer und seinem Handlanger (dem Bestatter) entführt. Schockschwerenot! Damit sich Karen nicht mehr an ihr früheres Leben erinnert und eine Zeugenaussage macht, bringen die beiden sie in eine Kirche und nehmen einen Exorzismus an ihr vor – damit wollen sie die Seele des alten Hubers aus ihrem Körper vertreiben. Alle Achtung, der Plan ist in seiner depperten Logik fast schon wieder genial.

Bevor die beiden den Exorzismus durchziehen können, geht Brandon mithilfe der Polizei dazwischen. So kommt es doch noch zur Erinnerungssession. Wie sich herausstellt, hat Alberts Vater seine Frau nicht absichtlich umgebracht – sie stolperte bloss im Laufe eines Streits, fiel eine Treppe hinunter und hat sich das Genick gebrochen. Aus Angst, dass ihm das mit dem Unfall keiner glaubt, hat der alte Huber die Gattin irgendwo in einem Acker verscharrt. Die Behörden bergen die Überreste, woraufhin nicht nur die Seele des alten Hubers ihre Ruhe findet, sondern auch die von Rosa Maria.
Irgendwann unternimmt Albert einen Selbstmordversuch, dann aber doch nicht – okay, das liegt nun wirklich nicht an mir, der Film ist schlicht und einfach wirr erzählt.

Einerlei: Rosa Marias Seele schwebst ein wenig durchs Universum und landet schliesslich in Südfrankreich, wo wir feststellen: nicht nur die Schweizer, sondern auch alle Franzosen reden Englisch. Die Seele fährt in ein kleines Mädchen, das gerade zur Welt kommt. Auf die Frage hin, wie die Kleine heissen soll, antworten die Eltern: „Wir taufen sie Josephine.“
Was haben wir heute gelernt?

Okay, fassen wir zusammen: Frühere Leben können uns negativ beeinflussen, was wir in Ordnung bringen müssen, um ein glückliches Leben zu führen. Ausserdem sind Psychiater des Teufels. Kann es sein, dass Michael Wettstein irgendwann einmal von Scientology gehört hat?

Abgesehen davon beweist Transcending vor allem eins: Ein Haus nachzubauen macht noch keinen guten Film. Damit Werbung zu machen, kommt den Verantwortlichen doch überhaupt nur in den Sinn, weil sie hoffnungsvolle Amateure sind – für richtige Filme sind Kulissen eine Banalität (jedenfalls, wenn es um das simple Innere eines Hauses geht). Gratulation, ihr habt als Hobbyisten erreicht, was für Professionelle ganz normal ist — als Zuschauer kann mir das herzlich egal sein. Ich wage gar zu behaupten, dass es keinem Schwein jemals aufgefallen wäre, hätte Wettstein in einem handelsüblichen Schweizer Eigenheim gedreht. Will sagen, der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis (wie bei diesem verdammten Review hier).
Und die Aussenaufnahmen in New Jersey? Die sind ein netter Touch, aber nicht so spektakulär, dass es mich wirklich scheren würde.

Wisst ihr, was mich hingegen beeindruckt hätte? Eine spannende Geschichte, interessante Dialoge, eine kreative Kameraarbeit, tolle Schauspielleistungen – oder die Einsicht vonseiten der Filmemacher, dass minutenlange statische Dialogszenen sterbenslangweilig sind.
Die Tranigkeit der Inszenierung tötet auch jenes Bisschen an Vergnügen ab, das man ansonsten mit den unfreiwillig komischen Momenten des Films haben könnte. Ein Pfarrer und ein Bestatter versuchen, eine Seele aus einer Frau hinaus zu exorzieren? Das hätte das Potential zu grandiosem Trash! So ist Transcending aber bloss etwas für unverbesserliche Lokalpatrioten (Grüsse nach Wohlen) – oder für Masochisten.
Bonus-Material: Interview mit Michael Wettstein in der Aargauer Zeitung.

Transcending – The Beginning of Josephine
Schweiz 2016, 108 Min.
Regie & Drehbuch: Michael Wettstein
Mit Michael Wettstein, Adrienne Lavalley, Daniel Martin Berkey, Thomas Grampp et al.
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2 Gedanken zu “Transcending: Mit dem Kopf gegen die Spüle

  1. Die Tatsache, dass man auf englisch gedreht hat, ist sicher auch dem Egoproblem des Regisseurs geschuldet, der wahrscheinlich eine inernationale Auswertung im Sinn hatte.

    Übrigens: „Das Höchste der Gefühle besteht darin, eine Konversation durch die Lamellen einer Schranktüre zu filmen.“ erinnert doch an einen netten Schundregisseur,

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    • Im Interview mit der Aargauer Zeitung meinte der Regisseur ja, das sei einfach eine Sparmassnahme gewesen. Ich habs mal durchgehen lassen.
      Mit ein paar Verbeugungen in Richtung des Alten wär mir der Film schon mal um einiges sympathischer gewesen. Überhaupt, nach „Transcending“ weiss man wieder, was man an leuten wie Franco oder D’Amato hat.

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