Deadpool: Krebs macht gute Laune

Dying Young, My Life,Death of a Superhero, The Fault in Our Stars, My Sister’s Keeper, Me and Earl and the Dying Girl und demnächst Miss You Already:
Krebsdramen sind die hinterletzte Scheisse, allesamt. Die Krankheit dient stets als billiger Tränengenerator, der die Filmemacher scheinbar von jeglichem filmischen Anspruch befreit.
Richtige Emotionen? Dafür müsste man sich ja Mühe geben. Wir rasieren einfach dem/der Hauptdarsteller/in die Haare weg und spielen traurige Musik – schon können wir in den Feierabend!

Zum Glück gibt’s jetzt Deadpool, das erste Krebsdrama, das nicht nervt. Ryan Reynolds spielt Wade Wilson, einen Ex-Soldaten und Söldner. Er ist aber kein böser, sondern ein guter Söldner, weswegen er keine irakischen Zivilisten tötet, sondern Pizzaboten triezt, die Teenagermädels stalken. (Yay, Selbstjustiz?)
Darüber hinaus ist Wade ein kindischer Scherzbold, weswegen er in der Prostituierten Vanessa (Morena Baccarin) seine grosse Liebe findet, denn die ist ebenfalls ein kindischer Scherzbold (Morena Baccarin kennt man übrigens aus Firefly, wo sie auch schon eine Prostituierte spielte). Den beiden zuzugucken, wie sie sich einen dummen Witz nach dem anderen um die Ohren hauen, ist eine gottverdammte Freude – und die Liebesgeschichte der beiden geht einem tatsächlich zu Herzen. Das sollten sich Krebsdramen mal merken: Es hilft, wenn einem die Figuren nicht am Arsch vorbeigehen, und das heisst in erster Linie, dass keinesfalls ihr einziger Charakterzug darin bestehen darf, Krebs zu haben.

Apropos Krebsdrama: Wade erkrankt an Krebs. Vor lauter Metastasen sieht man kaum noch das Röntgenbild, viel kann man also nicht mehr machen. Daher verpflichtet er sich für das hochexperimentelle Krebsprogramm von Ajax (Ed Skrein). Die Grundidee besteht darin, im Patienten verborgene Mutantenkräfte zu wecken … Machen wirs kurz: Ajax stellt sich als Bösewicht heraus (weil, er ist Engländer), das Experiment geht schief und Wade kriegt zwar Superheilkräfte, sieht aber aus wie ein „Hoden mit Zähnen“ — und er weiss plötzlich, dass er eineFilmfigur ist, weswegen er nun ständig die sogenannte fourth wall durchbricht.
Das hat er ja schon in den Comics gemacht. 1991 von Fabian Nicieza und Rob Liefeld als Bösewicht im X-Men-Universum erdacht, mutierte er irgendwann zum Antihelden, der sich ständig mit dem Leser oder den Textboxen unterhielt.
Jedenfalls, Wade schlüpft in einen roten Anzug, nennt sich Deadpool und schwört Ajax Rache.

Einer der besten Einfälle des Filmes besteht darin, kurz vor dem Finale einzusteigen und die origin story des „Helden“ in einer Reihe von Rückblenden zu erzählen – für einen Superheldenfilm ist das eine fast schon avantgardistische Erzählstruktur. Hätten sie alles der Reihe nach erzählt, hätten wir uns erst mit der Deadpool-Werdung von Wade gelangweilt, nur um uns anschliessend ob der ständigen blöden Witze von Deadpool (und machen wir uns nichts vor, die Witze sind wirklich saublöd) zu nerven. Aber so ist das Verhältnis genau richtig.

Wie gesagt, die Witze sind saublöd. Darüber, dass Ryan Reynolds die Hauptrolle im Riesenflop Green Lantern spielte, nimmt der Film gleich mehrmals Bezug. So zum Beispiel, wenn Wade ins OP gefahren wird: „Macht meinen Superheldenanzug einfach nicht grün. Oder animiert.“ Und selbstverständlich hat Wade eine Deadpool-Figur aus X-Men Origins: Wolverine in seinem Besitz. (Macht das Sinn? Natürlich nicht.)
Oder da lebt er nach seinem „Unfall“ bei einer alten Schwarzen, die blind ist, aber zum Hobby hat, Ikea-Möbel zusammenzubauen — die dann pflichtschuldigst einstürzen.

Das ist alles extrem Kopfpatsch-würdig, aber die Filmemacher sind sich dessen offensichtlich bewusst, ohne sich für irgendwas zu schämen (die Drehbuchautoren kommen übrigens von Zombieland, nur ums mal gesagt zu haben). Das macht es schon wieder charmant und auf eine perverse Art urkomisch. Und hey, mit Brianna Hildebrand als Negasonic Teenage Warhead (!) gibt es auch eine Figur im Film, mit der man sich wunderbar über die ganze Lahmarschigkeit aufregen kann.

Negasonic Teenage Warhead (wie es Deadpool ausdrückt: „That’s the coolest name ever!“) und Colossus (Stefan Kapicic) sind zwei Vertreter der X-Men, die Deadpool dazu überreden wollen, der Gruppe beizutreten, statt einfach so rumzurennen und Leute umzubringen. Während der gutmütige Russe (und Stahlhautträger) Colossus hier ist, damit sich der Film über das Konzept von sauberen, netten Superhelden lustig machen kann, fällt es Negasonic Teenage Warhead halt zu, mit den Augen zu rollen (pffzz, Teenager), wenn Deadpool seine Witze reisst. Im Grunde könnte der Film auch „Dad Joke“ heissen.

Das ist, wenn man sich darauf einlassen mag, soweit äusserst unterhaltsam. Irgendwann stösst das Konzept aber an seine Grenzen, wenn man nämlich merkt, dass sich Deadpool zwar ständig über die Klischees des Superheldenfilms lustig macht, diese am Ende aber trotzdem bedient.
Am schmerzlichsten wird das an Vanessa spürbar: Sobald Wades Freundin von seiner Krebsdiagnose hört, verliert sie jeden Humor (also ihre Persönlichkeit) und ist dann nur noch dazu gut, im Finale vom Bösewicht entführt und folgerichtig von Deadpool gerettet zu werden.
Erinnert ihr euch an ihren Spruch im Trailer? „I’ve played a lot of roles, damsel in distress ain’t one of them.“ Tja, die Zeile kommt im Film nicht vor. Das ist schon bemerkenswert verlogen und ein Bullshit sondergleichen.
Am Ende verzeit Vanessa Wade übrigens auch, dass er sich jahrelang vor ihr versteckt hat, weil er dachte, sie würde ihn viel zu hässlich finden. Das ist schlicht und einfach zu blöd, selbst für diesen Film.

Deadpool
USA 2016, 108 Min.
Regie: Tim Miller
Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick
Mit Ryan Reynolds, Ed Skrein, Morena Baccarin, Brianna Hildebrand, Stefan Kapicic, T.J. Miller et al.

Bildvorlage von Swiss Press Portal.

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2 Gedanken zu “Deadpool: Krebs macht gute Laune

  1. A propos „Dad Jokes“: Der Jefe himself ist zum Altmeister geworden: Ash. Dort finden sich ähnlich dümmliche Sprüche, aber gut gealtert. Ich warte noch auf eine Kritik zu den „Evil Dead“ – oder muss ich die selber schreiben und meiner Idolatrie für ältere Herren frönen? 😛
    Auf jeden Fall werden wir zur Zeit nicht verschont mit älteren Herren, die sich daneben benehmen. Es scheint, eine Generation steht vor einer humoristischen Anklage…

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