Vier Gedanken zu „Suffragette“

Es ist zu begrüssen, dass ein Spielfilm die Suffragetten zum Thema macht – denn man kann sich schon fragen, wie präsent die historischen Details dem Durchschnittsmenschen von der Strasse sind (bei der Gelegenheit oute ich mich geschichtstechnischer Bildungslückler). Sarah Gavrons Suffragette ist denn auch ganz gut gemachtes Kino, exzellent besetzt mit Schauspielerinnen wie Carey Mulligan, Helena Bonham Carter oder Meryl Streep (und Brendan Gleeson in einer Nebenrolle als Polizist).
Nur sind mir dann doch ein paar fragwürdige Dinge aufgefallen. Bevor wir dazu kommen, eine kurze Inhaltszusammenfassung:

Anno 1912 in London: Maud Watts (Carey Mulligan) arbeitet für einen Hungerlohn in einer Wäscherei. Die Männer bekommen mehr Geld und die besseren Jobs, während der Vorarbeiter die weiblichen Angestellten mehr oder weniger wie seinen persönlichen Harem behandelt.
Da erlebt Maud auf einem Botengang einen Vandalenakt der Suffragetten mit – und in der Wäscherei lernt sie Violet (Anne-Maria Duff) kennen, die sich als Mitglied der WSPU entpuppt. Anfänglich eher zurückhaltend, engagiert sich Maud schliesslich in der Gruppe. Da tritt sie zum Beispiel anstelle von Violet vor einen Parlamentsausschuss und sagt über ihre Arbeitssituation aus.

Maud lernt also, für die Sache der Frauen zu kämpfen, erleidet aber auch Repressalien durch die Behörden und das gesellschaftliche Umfeld. Mehrmals landet sie im Gefängnis, Inspector Arthur Steed (Brendan Gleeson) lässt sie unter Beobachtung stellen. Ihre Welt bricht schliesslich zusammen, als ihr Mann (Ben Whishaw) sie aus dem Haus wirft und ihr den Umgang mit dem kleinen Sohn verbietet.
Unter Leitung der Apothekerin Edith Ellyn (Helena Bonham Carter) unternimmt die Gruppe einen Bombenanschlag auf das Haus eines Politikers – und plant schliesslich, ein wichtiges Pferderennen zu stürmen, an dem auch das Tier des Königs antritt. Presseleute aus der ganzen Welt werden anwesend sein und sollen den Suffragetten internationale Aufmerksamkeit verschaffen.

Soweit die Handlung. Hier die versprochenen Überlegungen:

  • Ich finde es leicht respektlos, reale Persönlichkeiten wie Emmeline Pankhurst oder Emily Davison zu Nebenfiguren in der Story einer fiktiven Heldin zu degradieren. Kommt hinzu, dass die Geschichtskenntnisse des Publikums eh schlecht genug sind, auch ohne solche Verwirrungen.
  • Streng im Stil eines traditionellen Hollywooddramas gehalten, ist Suffragette zu klischiert und konventionell, als dass sich die aufrüttelnde Wirkung entfalten könnte, die wohl angedacht ist. Und es stört nicht wenig, dass der Film soviel mehr aufs Herz als aufs Hirn zielt. Jedenfalls wird man hier keine politische Diskussion finden, die über markige Parolen hinausgeht.
  • Geht es nach dem Film, so waren die Suffragetten eine homogene Vereinigung unter der uneingeschränkten Führung von Emmeline Pankhurst (hier gespielt von Meryl Streep). Darüber hinaus hat der Tod von Davison das Problem des Frauenstimmrechts im Alleingang gelöst. So einfach war es dann doch nicht. Hier rächt sich extrem, dass das Thema auf ein simples Melodrama runtergebrochen wird.
  • Es bräuchte nicht viel, und Suffragette wäre eine Apologie des Selbstmordattentätertums. Die Frage nach dem Einsatz von Gewalt stellt sich in vielen Freiheitsbewegungen – im Film wird das mitunter andiskutiert, aber am Ende überwiegt die Heroisierung des militanten Flügels der Suffragetten. Dass zum Beispiel nicht nur Davison zu Schaden kam, als sie vom Pferde des Königs überrannt wurde, sondern auch der Jockey (wenngleich nicht mit tödlichen Folgen), wird hier bequemerweise unter den Tisch gekehrt. Dass Davison von der Bewegung als Märtyrerin instrumentalisiert wurde, könnte man kritisch hinterfragen – der Film stimmt stattdessen in den Chor mit ein.

 

Suffragette
GB 2015, 107 Min.
Regie: Sarah Gavron
Drehbuch: Abi Morgan
Mit Carey Mulligan, Helena Bonham Carter, Anne-Marie Duff, Natalie Press, Meryl Streep, Brendan Gleeson, Ben Whishaw et al.

 

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