MadC 6: „Mein Beethoven“ von Dieter Ilg

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Wer zum Teufel kommt auf die Idee, aus Beethovens Ode an die Freude Fahrstulmusik zu machen? Dieter Ilg heisst der skrupellose Übeltäter, der dieses Verbrechen an Musik und Kultur begangen hat, und er hat verdient, dass man mit dem nackten Finger auf ihn zeigt.

Mein Beethoven ist, wie ihr unschwer erratet, Ilgs Auseinandersetzung als Jazzmusiker mit dem Werk des grossen Komponisten. Dass sich Jazzer der Klassik annehmen, ist nichts Neues, und die Idee, den alten Säcken neue Seiten abzugewinnen, findet durchaus mein Gefallen – Ilg selbst gibt ein gutes Beispiel ab, wenn er auf seiner Scheibe die Sturmsonate neu interpretiert („Sturm“). Da stürmt’s dann auch tatsächlich.

Aber eben, zuerst kommt „Ode“, ein zutiefst verdammenswerter Track, der aus einer legendär pompösen Hymne, die vor Energie und Euphorie nur so strotzt, sterbenslangweiligen Smooth Jazz macht, der als Hintergrundberieselung bei Ikea nicht schlecht aufgehoben wäre. Das ist ungefähr so, als würde Bob Ross ein Gemälde von Munch neu malen.

Wisst ihr, was besser als diese CD ist? Das hier in einer zehnstündigen Dauerschleife. Seinen Beethoven kann Dieter Ilg jedenfalls behalten.

Fahrstuhlmusik-Faktor: 65%

Dieter Ilgs Webseite.

Was ist Musik aus dem Container eigentlich? Klick hier für die Erklärung.

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Transcending: Mit dem Kopf gegen die Spüle

Zurzeit läuft im Stüssihof ein Mysterydrama des Aargauer Filmfans Michael Wettstein. Darin führen übernatürliche Phänomene ein amerikanisches Ehepaar in die Schweiz. Dass da Fans einen eigenen Film auf die Beine stellen, ist bewunderswert – aber Transcending zeigt auch die Gefahr fehlplatzierter Prioritäten.

Wettstein ist ein absoluter Hollywood-Fan, er verfügt über eine riesige Kollektion an Selfies, die er mit verschiedensten Filmstars geschossen hat. Nun ist er selbst Filmproduzent und erfüllt sich mit seinem eigenen Film einen Traum. […] Die beste Schule sei es, seinen eigenen Film zu drehen, rezitiert Wettstein den grossen Filmemacher Stanley Kubrick.
— Aus der Medienmitteilung zum Film —

Mein Ziel besteht nicht darin, Michael Wettstein oder sein Werk runterzumachen – als Nichtprofessineller einen eigenen Film auf die Beine zu stellen, ist beeindruckend, und als Mitglied der Gruppe Konverter bin ich ganz und gar für den Dilettantismus. Aber Transcending – The Beginning of Josephine ist auch ein gutes Beispiel, an dem sich einige Sünden der Laienfilmerei aufzeigen lassen. Und diese haben ihren Ursprung in einem schwerwiegenden Umstand: Es ist leicht, eine Kamera zu kaufen, aber schwierig, eine Geschichte zu erzählen.

Einen Film zu machen, ist heutzutage banal, denn dank digitaler Videotechnik verfügt jeder für wenig Geld über die nötigen Mittel – man schaue sich nur den vorvorjährigen Kritikerliebling Tangerine an, der auf einem iPhone 5s gedreht wurde. Aber abgesehen vom beispiellosen Zugang auf die Technik ist das Erzählen einer Geschichte mit filmischen Mitteln immer noch genau so schwierig wie zu Anbeginn des Kinos. Spätestens seit den Achtzigern (als sich die Videokamera auf breiter Basis etablierte) gibt es also haufenweise Leute, die zwar zur Kamera greifen, aber sich nicht die Mühe machen, das Geschichtenerzählen zu erlernen – denn sie erliegen dem Irrtum, mit dem Kauf der nötigen Technik sei das Wichtigste schon erledigt.
In Extremfällen führt das zu so etwas wie Oliver Krekels Robin Hood: Ghosts of Sherwood — ein Film, der sogar in 3D gedreht wurde, aber kein Stück besser erzählt ist als schlechtes Schülertheater (und dementsprechend unerträglich zum Angucken).

So macht es mich auch misstrauisch, wenn Michael Wettsteins Pressedienst lauter oberflächliche Errungenschaften anpreist, aber kaum ein Wort zu Story oder Figuren verliert:

Wettstein hat sich bekannte Drehorte ausgesucht. Die Protagonisten des Films leben in den gleichen Häusern wie Tom Cruise in Steven Spielbergs «War of the Worlds». Ausserdem liess Wettstein eigens für seinen Film ein ganzes New Jersey-Haus in einer Aargauer Lagerhalle nachbauen. […] Wettstein engagierte für seinen Film den Basler Komponisten Raphael Benjamin Meyer, der auch schon für die TV-Serie «Der Bestatter» Musik schrieb. Für den Cast stellte er Schweizer, Deutsche und Amerikanische Schauspieler an.
— Aus der Medienmitteilung zum Film —

Worum geht’s denn eigentlich?

Der Film hebt an mit einem Prolog im schweizerischen Wohlen (Kanton Aargau). Dort wird im Jahre 1975 eine gewisse Rosa Maria Huber bestattet. Zwar gibt es keine Leiche, aber da ihr Verschwinden schon zwei Jahre zurückliegt, hat man es gut sein lassen und sie für tot erklärt. Sie hinterlässt einen kleinen Sohn (dem wir später wiederbegegnen) sowie einen Mann, den man hinter vorgehaltener Hand verdächtigt, seine (reiche) Frau um die Ecke gebracht zu haben.

Zwei Dinge sind festzustellen:

  • Look und Ton wirken auf den ersten Blick durchaus professionell – immerhin etwas.
  • Auch wenn der Prolog in der Schweiz spielt, sprechen die Figuren Englisch. Das behalte man im Gedächtnis für später.

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Berge und Cyborgs: Die Kinostarts vom 18. Februar 2016

 
Virgin Mountain (Fúsi)
Von Dagur Kári
Island/Dänemark 2015, 117 Min.
Fúsi (Gunnar Jónsson) ist gebaut wie ein Berg und hatte noch nie Sex, deshalb Virgin Mountain. Zudem wohnt er noch immer bei seiner Mutter. Da schenkt ihm deren Freund einen Line-Dance-Kurs zum Geburtstag, damit Fúsi häufiger aus dem Haus kommt (und die beiden Alten ungestört ficken können).
Fúsi gibt einen feuchten Dreck aufs Tanzen, aber er lernt dabei Fjóla (Margrét Helga Jóhannsdóttir) kennen, die sich mit ihm anfreundet. Selbstverständlich verliebt er sich in sie, mit absehbaren (und weniger absehbaren) Folgen.
Apropos absehbare Folgen: Nicht nur mit Fjóla, sondern auch mit einem Nachbarsmädchen verbringt Fúsi zunehmend Zeit. Die Kleine interessiert sich für sein Zweite-Weltkriegs-Miniaturen-Spiel, im Gegenzug spielt er mit ihr Barbie. Ein erwachsener Aussenseiter und ein kleines Mädchen machen Sachen zusammen? Ja, das endet ungefähr so, wie man es sich vorstellt.
Virgin Mountain ist so eine typische Feel-Good-Komödie, in der ein Verlierer lernt, sich endlich durchzusetzen. Kein Meisterwerk, aber ein netter Film.

 
Zoolander 2
Von Ben Stiller
USA 2016, 102 Min.
Der erste Teil war seinerzeit kein finanzieller Hit, hat sich über die Jahre aber zum Kultfilm gemausert. Zoolander (2001) dreht sich um das gleichnamige Männermodel (Ben Stiller), welches in ein Mordkompltt verwickelt wird: Der Modedesigner Mugatu (Will Ferrell) plant die Ermordung des malaysischen Präsidenten, denn der hat sich dem Kampf gegen Kinderarbeit verschrieben. Zoolander wird von ihm gegen seinen Willen zum Schläfer programmiert, findet aber Hilfe bei der „Time“-Journalistin Matilda (Stillers Ehefrau Christine Taylor) und seinem grössten Konkurrenten auf dem Laufsteg, Hansel (Owen Wilson).
Der Film hat so seine Probleme (Zoolanders love interest Matilda z.B. ist extrem langweilig), aber auch einen schrägen Charme und einige grandios witzige Szenen — die Episode an der Tankstelle beispielsweise ist auch heute noch zum Brüllen komisch.
Das zu wiederholen zu wollen, was vor fünfzehn Jahren gerade so geklappt hat, war natürlich eine blöde Idee. Zoolander 2 ist nicht wirklich ein schlechter Film, wirkt aber doch merklich bemühter als der Vorgänger. Und gewisse Gags, die man dem ersten Teil noch verzeihen kann, weil die Menschen anno 2001 anders tickten, kommen heute doch arg vorgestrig rüber (ja, ich spreche von Benedict Cumberbatchs Auftritt als geschlechtslosem Model).
Die Handlung ist nicht der Rede wert: Zoolander und Hansel kehren nach Jahren des Exils ins Rampenlicht zurück und geraten prompt in ein Komplott, das sich wiederum Mugatu ausgedacht hat (Achtung, Spoiler). Immerhin, Will Ferrell ist fantastisch in der Rolle.
Anmerkung am Rande: Gleich zu Beginn des Films macht sich Ben Stiller über 9/11 lustig. Die Rache dafür, dass der Anschlag damals die Kinoauswertung des ersten Teils abgewürgt hat?

 
Colonia
Von Florian Gallenberger
Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015, 110 Min.
Paul Schäfer war ein deutscher Sektenführer, der in Argentinien die sogenannte Colonia Dignidad errichtete, eine Kolonie seiner Anhänger mitten im Urwald, umgeben von Mauern und Stacheldraht. Schäfer paktierte mit Pinochet und half dessen Schergen dabei, Gegner des Systems zu foltern.
Dieser Film ist den realen Opfern gewidmet, die Handlung ist jedoch an den Haaren herbeigezogen: Der deutsche Fotograf Daniel (Daniel Brühl) wird als Allende-Anhänger verhaftet und an Schäfer ausgeliefert. Seine Freundin Lena (Emma Watson) versucht ihn zu befreien, indem sie vorgibt, sich der Sekte anzuschliessen.
Man hätte über die Colonia Dignidad ein subtiles Sektendrama drehen können, doch Regisseur Gallenberger und sein Drehbuchkomplize Torsten Wenzel haben sich für pure Exploitation entschieden. Da geilt sich der Film an Folterszenen und am Verprügeln von Frauen auf, oder spielt Brühls Figur eine geistige Behinderung vor. Ein billiges Klischee jagt das nächste und am Ende ist nur eines unterhaltsam: Dass alle deutschen Figuren Englisch mit verschiedenen Akzenten sprechen.

 
Reprise: I’m a Cyborg, But That’s OK
Von Park Chan-wook
Südkorea 2006, 107 Min.
Eine Liebesgeschichte für die Ewigkeit: Das Mädel hält sich für einen Roboter, der Junge meint, er könne die Persönlichkeiten und Fähigkeiten anderer Menschen übernehmen. Die beiden finden sich in einer Nervenklinik und am Ende muss der Junge das Mädel retten.
Ein durchgeknallter, surrealer Bildersturm vom selben Typen, der auch Oldboy und Snowpiercer gemacht hat. Romeo & Juliet (egal welche Version) ist ein Kack dagegen.
Der Film läuft am 19. und 20. Februar um 23.20 Uhr im Xenix.

Deadpool: Krebs macht gute Laune

Dying Young, My Life,Death of a Superhero, The Fault in Our Stars, My Sister’s Keeper, Me and Earl and the Dying Girl und demnächst Miss You Already:
Krebsdramen sind die hinterletzte Scheisse, allesamt. Die Krankheit dient stets als billiger Tränengenerator, der die Filmemacher scheinbar von jeglichem filmischen Anspruch befreit.
Richtige Emotionen? Dafür müsste man sich ja Mühe geben. Wir rasieren einfach dem/der Hauptdarsteller/in die Haare weg und spielen traurige Musik – schon können wir in den Feierabend!

Zum Glück gibt’s jetzt Deadpool, das erste Krebsdrama, das nicht nervt. Ryan Reynolds spielt Wade Wilson, einen Ex-Soldaten und Söldner. Er ist aber kein böser, sondern ein guter Söldner, weswegen er keine irakischen Zivilisten tötet, sondern Pizzaboten triezt, die Teenagermädels stalken. (Yay, Selbstjustiz?)
Darüber hinaus ist Wade ein kindischer Scherzbold, weswegen er in der Prostituierten Vanessa (Morena Baccarin) seine grosse Liebe findet, denn die ist ebenfalls ein kindischer Scherzbold (Morena Baccarin kennt man übrigens aus Firefly, wo sie auch schon eine Prostituierte spielte). Den beiden zuzugucken, wie sie sich einen dummen Witz nach dem anderen um die Ohren hauen, ist eine gottverdammte Freude – und die Liebesgeschichte der beiden geht einem tatsächlich zu Herzen. Das sollten sich Krebsdramen mal merken: Es hilft, wenn einem die Figuren nicht am Arsch vorbeigehen, und das heisst in erster Linie, dass keinesfalls ihr einziger Charakterzug darin bestehen darf, Krebs zu haben.

Apropos Krebsdrama: Wade erkrankt an Krebs. Vor lauter Metastasen sieht man kaum noch das Röntgenbild, viel kann man also nicht mehr machen. Daher verpflichtet er sich für das hochexperimentelle Krebsprogramm von Ajax (Ed Skrein). Die Grundidee besteht darin, im Patienten verborgene Mutantenkräfte zu wecken … Machen wirs kurz: Ajax stellt sich als Bösewicht heraus (weil, er ist Engländer), das Experiment geht schief und Wade kriegt zwar Superheilkräfte, sieht aber aus wie ein „Hoden mit Zähnen“ — und er weiss plötzlich, dass er eineFilmfigur ist, weswegen er nun ständig die sogenannte fourth wall durchbricht.
Das hat er ja schon in den Comics gemacht. 1991 von Fabian Nicieza und Rob Liefeld als Bösewicht im X-Men-Universum erdacht, mutierte er irgendwann zum Antihelden, der sich ständig mit dem Leser oder den Textboxen unterhielt.
Jedenfalls, Wade schlüpft in einen roten Anzug, nennt sich Deadpool und schwört Ajax Rache.

Einer der besten Einfälle des Filmes besteht darin, kurz vor dem Finale einzusteigen und die origin story des „Helden“ in einer Reihe von Rückblenden zu erzählen – für einen Superheldenfilm ist das eine fast schon avantgardistische Erzählstruktur. Hätten sie alles der Reihe nach erzählt, hätten wir uns erst mit der Deadpool-Werdung von Wade gelangweilt, nur um uns anschliessend ob der ständigen blöden Witze von Deadpool (und machen wir uns nichts vor, die Witze sind wirklich saublöd) zu nerven. Aber so ist das Verhältnis genau richtig.

Wie gesagt, die Witze sind saublöd. Darüber, dass Ryan Reynolds die Hauptrolle im Riesenflop Green Lantern spielte, nimmt der Film gleich mehrmals Bezug. So zum Beispiel, wenn Wade ins OP gefahren wird: „Macht meinen Superheldenanzug einfach nicht grün. Oder animiert.“ Und selbstverständlich hat Wade eine Deadpool-Figur aus X-Men Origins: Wolverine in seinem Besitz. (Macht das Sinn? Natürlich nicht.)
Oder da lebt er nach seinem „Unfall“ bei einer alten Schwarzen, die blind ist, aber zum Hobby hat, Ikea-Möbel zusammenzubauen — die dann pflichtschuldigst einstürzen.

Das ist alles extrem Kopfpatsch-würdig, aber die Filmemacher sind sich dessen offensichtlich bewusst, ohne sich für irgendwas zu schämen (die Drehbuchautoren kommen übrigens von Zombieland, nur ums mal gesagt zu haben). Das macht es schon wieder charmant und auf eine perverse Art urkomisch. Und hey, mit Brianna Hildebrand als Negasonic Teenage Warhead (!) gibt es auch eine Figur im Film, mit der man sich wunderbar über die ganze Lahmarschigkeit aufregen kann.

Negasonic Teenage Warhead (wie es Deadpool ausdrückt: „That’s the coolest name ever!“) und Colossus (Stefan Kapicic) sind zwei Vertreter der X-Men, die Deadpool dazu überreden wollen, der Gruppe beizutreten, statt einfach so rumzurennen und Leute umzubringen. Während der gutmütige Russe (und Stahlhautträger) Colossus hier ist, damit sich der Film über das Konzept von sauberen, netten Superhelden lustig machen kann, fällt es Negasonic Teenage Warhead halt zu, mit den Augen zu rollen (pffzz, Teenager), wenn Deadpool seine Witze reisst. Im Grunde könnte der Film auch „Dad Joke“ heissen.

Das ist, wenn man sich darauf einlassen mag, soweit äusserst unterhaltsam. Irgendwann stösst das Konzept aber an seine Grenzen, wenn man nämlich merkt, dass sich Deadpool zwar ständig über die Klischees des Superheldenfilms lustig macht, diese am Ende aber trotzdem bedient.
Am schmerzlichsten wird das an Vanessa spürbar: Sobald Wades Freundin von seiner Krebsdiagnose hört, verliert sie jeden Humor (also ihre Persönlichkeit) und ist dann nur noch dazu gut, im Finale vom Bösewicht entführt und folgerichtig von Deadpool gerettet zu werden.
Erinnert ihr euch an ihren Spruch im Trailer? „I’ve played a lot of roles, damsel in distress ain’t one of them.“ Tja, die Zeile kommt im Film nicht vor. Das ist schon bemerkenswert verlogen und ein Bullshit sondergleichen.
Am Ende verzeit Vanessa Wade übrigens auch, dass er sich jahrelang vor ihr versteckt hat, weil er dachte, sie würde ihn viel zu hässlich finden. Das ist schlicht und einfach zu blöd, selbst für diesen Film.

Deadpool
USA 2016, 108 Min.
Regie: Tim Miller
Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick
Mit Ryan Reynolds, Ed Skrein, Morena Baccarin, Brianna Hildebrand, Stefan Kapicic, T.J. Miller et al.

Bildvorlage von Swiss Press Portal.

Vier Gedanken zu „Suffragette“

Es ist zu begrüssen, dass ein Spielfilm die Suffragetten zum Thema macht – denn man kann sich schon fragen, wie präsent die historischen Details dem Durchschnittsmenschen von der Strasse sind (bei der Gelegenheit oute ich mich geschichtstechnischer Bildungslückler). Sarah Gavrons Suffragette ist denn auch ganz gut gemachtes Kino, exzellent besetzt mit Schauspielerinnen wie Carey Mulligan, Helena Bonham Carter oder Meryl Streep (und Brendan Gleeson in einer Nebenrolle als Polizist).
Nur sind mir dann doch ein paar fragwürdige Dinge aufgefallen. Bevor wir dazu kommen, eine kurze Inhaltszusammenfassung:

Anno 1912 in London: Maud Watts (Carey Mulligan) arbeitet für einen Hungerlohn in einer Wäscherei. Die Männer bekommen mehr Geld und die besseren Jobs, während der Vorarbeiter die weiblichen Angestellten mehr oder weniger wie seinen persönlichen Harem behandelt.
Da erlebt Maud auf einem Botengang einen Vandalenakt der Suffragetten mit – und in der Wäscherei lernt sie Violet (Anne-Maria Duff) kennen, die sich als Mitglied der WSPU entpuppt. Anfänglich eher zurückhaltend, engagiert sich Maud schliesslich in der Gruppe. Da tritt sie zum Beispiel anstelle von Violet vor einen Parlamentsausschuss und sagt über ihre Arbeitssituation aus.

Maud lernt also, für die Sache der Frauen zu kämpfen, erleidet aber auch Repressalien durch die Behörden und das gesellschaftliche Umfeld. Mehrmals landet sie im Gefängnis, Inspector Arthur Steed (Brendan Gleeson) lässt sie unter Beobachtung stellen. Ihre Welt bricht schliesslich zusammen, als ihr Mann (Ben Whishaw) sie aus dem Haus wirft und ihr den Umgang mit dem kleinen Sohn verbietet.
Unter Leitung der Apothekerin Edith Ellyn (Helena Bonham Carter) unternimmt die Gruppe einen Bombenanschlag auf das Haus eines Politikers – und plant schliesslich, ein wichtiges Pferderennen zu stürmen, an dem auch das Tier des Königs antritt. Presseleute aus der ganzen Welt werden anwesend sein und sollen den Suffragetten internationale Aufmerksamkeit verschaffen.

Soweit die Handlung. Hier die versprochenen Überlegungen:

  • Ich finde es leicht respektlos, reale Persönlichkeiten wie Emmeline Pankhurst oder Emily Davison zu Nebenfiguren in der Story einer fiktiven Heldin zu degradieren. Kommt hinzu, dass die Geschichtskenntnisse des Publikums eh schlecht genug sind, auch ohne solche Verwirrungen.
  • Streng im Stil eines traditionellen Hollywooddramas gehalten, ist Suffragette zu klischiert und konventionell, als dass sich die aufrüttelnde Wirkung entfalten könnte, die wohl angedacht ist. Und es stört nicht wenig, dass der Film soviel mehr aufs Herz als aufs Hirn zielt. Jedenfalls wird man hier keine politische Diskussion finden, die über markige Parolen hinausgeht.
  • Geht es nach dem Film, so waren die Suffragetten eine homogene Vereinigung unter der uneingeschränkten Führung von Emmeline Pankhurst (hier gespielt von Meryl Streep). Darüber hinaus hat der Tod von Davison das Problem des Frauenstimmrechts im Alleingang gelöst. So einfach war es dann doch nicht. Hier rächt sich extrem, dass das Thema auf ein simples Melodrama runtergebrochen wird.
  • Es bräuchte nicht viel, und Suffragette wäre eine Apologie des Selbstmordattentätertums. Die Frage nach dem Einsatz von Gewalt stellt sich in vielen Freiheitsbewegungen – im Film wird das mitunter andiskutiert, aber am Ende überwiegt die Heroisierung des militanten Flügels der Suffragetten. Dass zum Beispiel nicht nur Davison zu Schaden kam, als sie vom Pferde des Königs überrannt wurde, sondern auch der Jockey (wenngleich nicht mit tödlichen Folgen), wird hier bequemerweise unter den Tisch gekehrt. Dass Davison von der Bewegung als Märtyrerin instrumentalisiert wurde, könnte man kritisch hinterfragen – der Film stimmt stattdessen in den Chor mit ein.

 

Suffragette
GB 2015, 107 Min.
Regie: Sarah Gavron
Drehbuch: Abi Morgan
Mit Carey Mulligan, Helena Bonham Carter, Anne-Marie Duff, Natalie Press, Meryl Streep, Brendan Gleeson, Ben Whishaw et al.