Die dunkle Seite des Mondes: Buch vs. Film

Jetzt kommt also Die dunkle Seite des Mondes ins Kino, nach dem Roman von Martin Suter. Oder auch nicht. Denn dass der Film eine Adaption von Suters Buch sei, wäre ganz schön grosszügig ausgedrückt. Will sagen: Buch und Film haben nur ein paar Eckpunkte gemein, ansonsten sind das ganz verschiedene Geschichten — was durchaus keine schlechte Sache ist.

Pilze für den Anwalt

Im Roman verhält es sich so: Der Wirtschaftsanwalt Urs Blank bringt die Fusion zweier Unternehmen erfolgreich über die Bühne, woraufhin ihm glatt eine weitere, noch grössere Fusion aufgetragen wird. Allerdings macht der Mitvierziger eine Mittelebenskrise durch, lernt ein Hippie-Mädchen kennen und lässt sich von selbigem dazu überreden, im Rahmen eines Rituals halluzinogene Pilze zu konsumieren. Woraufhin der eigentlich verlässliche Anwalt völlig aus dem Kurs gerät, mit fatalen Folgen.

Bis dahin entfernt sich der Film gar nicht so sehr von der Vorlage, aber wir stossen hier auch schon auf die erste Abweichung. Wo die midlife crisis des Buch-Blanks keinen spezifischen Anlass hat, wird sie beim Film-Blank (Moritz Bleibtreu) durch einen Selbstmord ausgelöst: Dr. Fluri (Marco Lorenzini), Leiter einer kleinen Pharmafirma, erleidet bei der erwähnten Fusion mit einer grossen Pharmafirma* entsetzliche Verluste, was er Blank zu verdanken hat. Dafür jagt er sich in dessen Büro eine Kugel durch den Schädel. (Zugegeben, nicht der nuancierteste Moment des Films — und nur mässig originell.)
* Der Roman spielt nicht in der Pharma-, sondern in der Textilindustrie.

Eine grundlegende Änderung besteht darin, die Story von Zürich* nach Frankfurt zu versetzen. Das spült einige kulturelle Unterschiede an die Oberfläche. In der Schweiz ist es zum Beispiel üblich (zumindest war es das vor fünfzehn Jahren, als das Buch erschien), dass Militär leisten muss, wer in der Wirtschaft aufsteigen will – im deutschen Setting spielt dieser Umstand keine Rolle mehr. Dazu weicht das typisch schweizerische Spiessertum auf der Teppichetage, über das sich Suter lustig macht (wie schon in seiner Kolumne Business Class), im Film dem Glamour des internationalen Wirtschaftjetsets.
Ein besonders wichtiges Detail: Wenn der Buch-Blank im Wald spazieren geht, begegnet er einem Fuchs (typisch Zürich!) — beim Film-Blank ist es ein Wolf.
* Im Buch wird Zürich zwar nie explizit erwähnt (und einzelne Orte werden umbenannt), aber wer die Stadt kennt, erkennt sie auch in Suters Schilderungen.

Vater gegen Sohn

Richtig interessant wirds schliesslich da, wo die Filmemacher Handlung und Figuren umstrukturieren und -deuten. Buch-Blank beginnt nach der Pilzepisode zu morden, weil ihm alles egal ist. Beim Film-Blank geht es mehr um den Ausbruch seiner aktiv-aggressiven, animalischen Seite — für Moritz Bleibtreu eine Gelegenheit, schauspielerisch derart vom Leder zu ziehen, dass es eine einzige Freude ist.

Bild @ Filmcoopi
Bild @ Filmcoopi
Völlig neu gestaltet ist Blanks Verhältnis zu Pius Ott, einem mächtigen Geschäftsmann, der im Hintergrund die Fäden zieht. Im Buch haben die beiden nur am Rande miteinander zu tun (wobei sie das Finale zusammenführt); für den Film wird die Beziehung der beiden zum Dreh- und Angelpunkt abgeändert.
Das Geniale daran: Bleibtreu steht in der Rolle des Ott kein Geringerer als Jürgen Prochnow gegenüber. Sein Ott erkennt in Bleibtreus Blank einen Killer im Geschäftsanzug, wie er selbst einer ist. Also nimmt er ihn unter die Fittiche. Einmal geht er mit Blank auf die Jagd und schiesst einen Rehbock. Da drückt er sein Messer dem Jüngeren in die Hand — er soll dem Tier die Halsschlagader aufschlitzen.

Als Blank schliesslich Ott enttäuscht, kommt es zwischen Ziehvater und Ziehsohn zum mörderischen Duell. Mit diesem bekommt der Film eine fast schon mythische Grösse. Und dazu eins der besten Finale der jüngeren Kinogeschichte.

Adaption und Remix

Ich kann nicht behaupten, ein grosser Fan von Suters Roman zu sein. Seine Prosa ist mir zu schmucklos und monoton, die Handlung hat zu viel Leerlauf. Also ist es mir nur recht, wenn sich die Filmemacher einzelne Elemente herausgreifen, um daraus eine neue — bessere — Geschichte zu bauen. Es ist immer wieder verblüffend, wenn einem Szenen oder Sätze begegnen, die 1:1 aus der Vorlage stammen, jedoch in einen neuen Kontext gesetzt sind. Ganz so, wie es dem Regisseur und den Drehbuchautoren gerade in den Kram passte. Die dunkle Seite des Mondes ist keine Adaption, sondern ein Remix. Bitte mehr davon.

 
Die dunkle Seite des Mondes läuft ab dem 21. Januar im Kino.

PS: Mit Pink Floyd haben weder das Buch noch der Film wahnsinnig viel zu tun.

Die dunkle Seite des Mondes
Deutschland 2015, 97 Min.
Regie: Stephan Rick
Drehbuch: David Marconi, Catharina Junk, Stephan Rick (frei nach dem Roman von Martin Suter)
Mit Moritz Bleibtreu, Jürgen Prochnow, Nora von Waldstätten, Doris Schretzmayer et al.

 

Die dunkle Seite des Mondes
Von Martin Suter
Zürich: Diogenes, 2000

 

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