Bundesordner – Schweizer PolitSatire kann doch was

Aufgewacht! Es geht ja doch was. Nein, schlafen konnte man an diesem Abend im Thurgauerhof zu Weinfelden nicht. Dazu waren die Stühle einfach zu unbequem und das Dargebotene zu laut, aber auch einfach zu witzig und interessant. Und vor allem mit einer schöne Steigerungskurve in der ersten Halbzeit. Und dem Halten der Höhe in der Zweiten.
Die Schweiz ist normalerweise eine Wüste der Satire. Viele Kleinkünstler machen Gags über die Migros und Coop und sind dabei so brav wie die NSVP alle gerne hätte. Ein Volk von fleissigen, geizig-gierigen Kleinbürgern, welches über seine alltäglichen Unzulänglichkeiten mehr schmunzelt als lacht, ohne Visionen oder mitzubekommen, was in der Welt so passiert. Und vor allem ohne Selbstirionie oder gar Selbstkritik. Das wird immer als Nestbeschmutzung empfunden und deshalb von den meisten per se sein gelassen. Nicht so an diesem Abend. Ich hatte gerade noch gegessen und wäre druchaus bereit gewesen für ein kleines Schläfchen, aber keine Chance, ich wollte wach bleiben. Selten genug in den Theatern dieser Republik.

Das ist eine Überraschung. Unter Bundesordner 2015 — Ein satirischer Jahresrückblick hätte ich exakt das Hudigägeler-Niveau, welches man vom Schweizer Fernsehen kennt, erwartet. Dies auch, weil zum Beispiel die Regisseurin Fabienne Hadorn viel für dieses gearbeitet hat. Aber nix da. Es wird viel besser. Und vor allem immer wieder richtig, richtig böse. Besonders überzeugt hat mich dabei Kathrin Bosshard, Gründerin und Hauptakteurin des Figurentheater Fleisch+Pappe. Aber auch jeder andere der neun Künstler hatte seine brillanten Momente. Das Konzept, viele verschieden Künstler zu einer Show zusammen zu bringen, funktioniert. Die Abwechslung durch verschiedene Arten der Darstellung von Musik, Tanz, Sprechsolos über Puppentheater bis zu einem Legotheater ist gegeben.

Der Abend schwankt zwar zwischen dem Gefühl, der Turnerhaltungen des STV Kradolfingen beizuwohnen, und wirklichen grossen Einfällen, aber dadurch wird auch verhindert, dass man an der zum Teile doch beträchtlichen Schwere der Themen scheitert. Die Darmaturgie von leicht seichter Slapstickunterhaltung zu harter Kritik an der Schweizer Selbstverliebtheit ohne Empathie für andere gelingt. Dabei, und das ist erfreulich, hat man auch keine Angst vor total Absurdem oder Dreckigem.
Natürlich dürfte man auch noch andere Parteien als die Rechtsextremen von der NSVP dissen. Das wäre der Authentizität der Kritik sicher zuträglich. Man macht es sich dann doch arg bequem in der linken Ecke, wenn nur der Fakehassias aus Herrliberg und seine Jünger an allem Schuld sein sollen. Ein Breitseite gegen die Mitläufer der anderen Parteien hätte man sich durchaus auch gewünscht. Gerade weil diese im Gegensatz zu den Machern vom Bundesordner in vorauseilendem Gehorsam versumpfen.

Es ist zwar ein etwas langer Abend mit 2 1/2 Stunden inkl. Pause, aber langweilig wird es nie. An Einschlafen ist nicht zu denken. Und was mir hierzulande oft fehlte, es gibt immer wieder die In-your-face-Aussagen, die auch weh tun. Das Publikum weiss dann jeweils nicht so sehr, ob es lachen soll. Oder was eigentlich. Dieses Publikum ist ein typisches Schweizer Mittelstands-Publikum und deshalb ziemlich begeisterungsresistent gegen aussen, auch wenn ich persönlich den Eindruck hatte, dass es den Leute sehr wohl gefallen hat. Man kann also auch einem konservativen Thurgauer Provinzpublikum ans Bein pissen, um eine gerade in der Schweiz so dringend benötige Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Auch wenn die Leute dann doch zügig nach Hause gehen wollen, ob vor den unangenehmen Aussagen flüchtend oder doch, weil ja Dienstagabend ist und morgen die Arbeit wartet. Man kann nur hoffen, dass was hängen geblieben ist, und da wäre ich durchaus optimistisch. Gerade auch zum Thema Flüchtling.

Die Erkenntnis dieses Abend ist für die ganze Politik wichtig, man könnte der radikalen Neobiederkeit dieser Tage um einiges frecher entgegentreten. Das täte allen gut und wäre mehr als dringend nötig. Dann müsste ich hier auch keine Schlafkritiken mehr schreiben, sondern könnte sie Café de Rebellion nennen. Naja oder fast, wir wollen es jetzt auch nicht übertreiben.

Bundesordner 2015

Von und mit schön&gut, Kathrin Bosshard, Anet Corti, Nils Althaus, Les trois Suisses, Jess Jochimsen, Jane Mumford und Lea Whitcher.
Regie: Fabienne Hadorn

Weitere Auftritte:
KKThun 20.1.2016
Kulturzentrum Schützi Olten 21. / 22.1.2016
Kreuz Jona 23.1.2016
Theater Casino Zug 24.1.2016
Stadttheater Schaffhausen 27. / 28.1.2016
Casinotheater Winterthur 29. / 30. / 31.1.2016

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