Verschissene Welt

Das Filmpodium zeigt Alexei Germans Science-Fiction-Epos Es ist schwer, ein Gott zu sein. Wir werfen einen Blick auf das dreistündige Mammutwerk — und schauen in die Romanvorlage der Brüder Strugatzki.

Bäh! Verschissen ist diese Welt. Verschissen, feucht und grau. Schau dir die baufälligen Häuser an und die zerlumpten Bewohner, wie sie durch Schlamm und Rotze waten. Regenschauer durchnässen sie bis auf die Knochen; man riecht Kacke, Urin und Schimmel. Zum kotzen!

Don Rumata (Leonid Yarmolnik) wurde als Beobachter auf diesen Planeten geschickt (er tarnt sich, indem er die Identität eines toten Aristrokraten annimmt). Hier haben sich Menschen wie auf der Erde entwickelt, aber sie sind 800 Jahre hintendrein. So steckt die Stadt Arkanar noch mitten im finstersten Mittelalter. Hier hat Don Reba (Aleksandr Chutko) im Namen des Königs ein Terrorregime errichtet, in dem sich jeder verdächtig macht, der schreiben kann. Finden seine Soldaten zum Beispiel Schriftstücke im Besitz eines alten Mann, etränken sie ihn dafür in einer Latrine. „Eine Renaissance gibt es hier nicht“, erklärt der Erzähler.

Wie gesagt, Don Rumata (eigentlich heisst er Anton) ist nur als Beobachter da und soll die Gesetzmässigkeiten historischer Prozesse erforschen; er sammelt Material für ein Geschichtsinstitut auf der Erde. Aber er hat so seine Schwierigkeiten damit, die Distanz zu wahren, erst recht, nachdem er sich in eine junge Frau verliebt hat. Er ist den Menschen von Arkanar so weit überlegen, dass er im Vergleich zu ihnen fast schon ein Gott ist – aber es ist ihm verboten, einzugreifen. Schliesslich fängt er an, Gelehrte vor Don Rebas Zugriff zu retten, und er stellt sich dem Tyrannen entgegen. Wenig überraschend, dass er damit eine Katastrophe heraufbeschwört.

 
Cineastisches Ungetüm

Die Geschichte stammt aus einem Roman der Gebrüder Arkadi und Boris Strugatzki. Ihres Zeichen sind sie die bedeutendsten russischen Science-Fiction-Autoren gleich nach Stanislaw Lem – Picknick am Wegesrand (1972) zum Beispiel war die Inspiration für Andrei Tarkowskis Stalker (1979). Etwas früher, Mitte der 1960er nämlich, verfassten die Strugatzkis den Roman Es ist schwer, ein Gott zu sein. Schon damals bemühte sich der Regisseur Aleksei German um eine Verfilmung, es sollte aber bis 1998 dauern, bis er die Möglichkeit erhielt, das Projekt in Angriff zu nehmen.

An diesem sass er dann auch fünfzehn Jahre, bis zu seinem Tod 2013. Sein Sohn Aleksei jr. (ebenfalls ein Regisseur) musste den Film zuende bringen. Das Ergebnis stellt für jedes Publikum eine Herkulesaufgabe dar: Fast drei Stunden lang, ist dieses Ungetüm eine einzige Sinnesüberlastung. Immer wieder rückt die Handkamera den Figuren direkt auf die Pelle, während sie wie in einem Rausch frenetisch durch den Raum torkelt – dann gibt es jedoch wieder ewig lange statische Tableaus. Die Kulissen sind mit Gerümpel vollgestellt wie ein Wimmelbild aus dem Fibertraum eines Messies. Dazu tun die Nebenfiguren alles Menschenmögliche, um einen von der Handlung abzulenken – und sei es, dass sie direkt in die Kamera schreien wie eine Horde von Brüllaffen. Ein infernalisches Durcheinander! So ähnlich muss sich fühlen, wer nach einer durchsoffenen Nacht LSD einwirft und in einen Kindergeburtstag gerät. Man sieht sich den Film nicht an, man lässt ihn über sich ergehen.
Und eins ist mal klar: Wer den Roman nicht gelesen hat, hat keine Chance, der Story zu folgen.

 
Chruschtschows Empörung

Ihr Buch schrieben die Strugatzkis zu einer Zeit, als eine Welle von Kritik über die Künstler der Sowjetunion hereinbrach: Ende 1962 liess sich Chruschtschow höchstpersönlich über eine Ausstellung mit moderner Malerei aus, woraufhin alle braven Kommunisten ihre Empörung über abstrakte und „formalistische“ Versuche bekundeten. Letzten Endes ging die Sache glimpflich aus (keine Massenabschiebungen in die Gulags), aber wer in Russland malte (oder schrob) war gewarnt.
Und da denken sich die Strugatzkis eben einen Stadtstaat aus, in dem jeder Schriftkundige getötet wird, der sich nicht in den Dienst der herrschenden Ideologie stellt. Allzu optimistisch geben sich die Brüder nicht, wenn sie die menschliche Natur auseinander nehmen. Da holt Rumata zum Beispiel den Intellektuellen Budach aus Don Rebas Fängen und spricht mit ihm über das Böse im Menschen. Dazu Budach:

Stets wird es mehr oder weniger grausame Könige, mehr oder weniger barbarische Barone geben – und stets das unwissende Volk, das zu seinen Unterdrückern aufblickt und seine Befreier hasst. Und das, weil ein Sklave seinen Herrn, mag er noch so grausam sein, besser versteht als seinen Befreier, denn er vermag sich wohl in die Rolle des Herrn zu versetzen, nicht aber in die seines selbstlosen Retters.

Von der Diskussion bleibt nun allerdings im Film nicht viel übrig. Aleksei German streicht das Gespräch der beiden auf ein Minimum zusammen – und zeigt stattdessen, wie Budach seine Blase an einer Hausmauer erleichtert. Bei den Strugatzkis sind die Intellektuellen in Gefahr, bei German sind sie in der Scheisse ersoffen. Der Regisseur hat kein Interesse mehr daran zu diskutieren, sondern ergibt sich der Resignation und feiert sie mit einer geradezu pubertären Freude am Ekel. Angesichts der gegenwärtigen Lage in Russland kann man es ihm nicht ganz verdenken.

 
Es ist schwer, ein Gott zu sein läuft ab dem 1. Januar 2016 im Filmpodium.

Es ist schwer ein Gott zu sein (Трудно быть богом)
Russland 2013, 177 Min.
Regie: Alexei German
Drehbuch: Aleksei German, Svetlana Karmalita
Mit Leonid Yarmolnik, Aleksandr Chutko, Yuri Tsurilo, Yevgeni Gerchakov et al.

 

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