Kinorückschau 2015: Die Feinkost

Frohe Botschaft voraus: Es gab 2015 derart viele gute Filme, dass ich erhebliche Schwierigkeiten damit hatte, mich in dieser Liste halbwegs einzuschränken – weswegen sie auch deutlich länger ist als die Schlechtestenliste.
Wo ich schon mal etwas drüber geschrieben habe, gibts Links.

 
Lobende Erwähnungen

Star Wars: The Force Awakens: Ehrlich gesagt würde ich den Film an dieser Stelle nicht berücksichtigen, gäbe es die miserable Prequel-Trilogie nicht – dass Star Wars immer noch gut sein kann, ist eine kleine Offenbarung. Aber die Freude darüber, dass Jar Jar Binks endlich auf dem Schrottplatz der Filmgeschichte entsorgt wurde, wird doch ein wenig von der offensiven Nostalgiebesoffenheit getrübt. Der späte George Lucas hat alle Kritik verdient, aber wenigstens fiel ihm mehr ein als noch ein gottverdammter Todesstern.

The Hunger Games: Mockingjay 2: Wie man an der Dikussion bei den Kollegen von delirium sieht (hier und hier), bewegt dieser letzte Teil der Hunger-Games-Saga auch intellektuelle Gemüter. Kritik an moderner Mediengesellschaft und Starkult im Rahmen eines Produktes von moderner Mediengesellschaft und Starkult? Mind = blown! Aber vor lauter Begeisterung sollte man nicht vergessen, dass The Hunger Games immer noch arg viel Teeniemist enthält.

Ant-Man: Ich gebe zu, dass ich mit dem Marvel Cinematic Universe nicht allzu viel anfangen kann – zu formelhaft sind mir die Streifen, zu platt die Versuche, Sympathien für die Figuren zu heischen. Und ich finde die Geschichten viel zu brav dafür, was für schräge Prämissen dahinterstecken. Ant-Man jedoch traut sich erstmals, die trashige Natur des Marveluniversums ein wenig zu feiern. Hoffentlich sieht man in Zukunft mehr davon als von der Tranigkeit à la Avengers: Age of Ultron. Jedenfalls bin ich sehr auf Doctor Strange gespannt.

1001-Nacht-Trilogie : Miguel Gomes‘ Märchentrilogie, zugleich eine Parabel auf die Weltwirtschaftskrise, ist ein verdammt interessantes Experiment; einige der Episoden gehören zum Besten, was das Kino der letzten Jahre hervorgebracht hat. Aber leider verlangt Gomes vom Zuschauer arg viel Sitzfleisch – ein klein wenig knackiger wär das schon gegangen, nicht. Wenn man sich nicht die ganze Trilogie antun will, sollte man sich zumindest den zweiten Teil anschauen.

Und nun zum Hauptprogramm:

 
8. Sicario
In meinen Augen runder als Denis Villeneuves Vorgängerfilm Prisonders, ist Sicario der spannendste Thriller des Jahres. Bei Villeneuve sitzt man von der ersten Einstellung an auf glühenden Kohlen – da kann ihm höchstens Tobias Lindholm (Krigen) das Wasser reichen.

7. The Martian
Vor vielen, vielen Jahren las ich den Webcomic Casey & Andy mit Genuss – Andy Weirs Storys und Humor sind grosses Tennis. Allerdings ist er auch ein miserabler Zeichner, weswegen sein Comic ein Geheimtipp blieb. Und bald nachdem Weir Casey & Andy beendet hatte, verschwand er in der Versenkung.
So war ich ziemlich überrascht, als plötzlich Ridley Scott einen Roman von Weir verfilmte, mit Matt Damon in der Hauptrolle und einem Drehbuch von Drew Goddard. Das Resultat war ein grossartiger (und urkomischer) Science-fiction-Film, der den Science-Anteil ernst nimmt, ohne in eine Anti-Technologie-Attitüde zu verfallen.

6. Mad Max: Fury Road
Wie eine Benzininjektion ins Hirn: Fury Road ist hyperaktiv, duchrgeknallt, explosionsgeil – und feministisch. Dass ein solcher Karneval des Actionsfilms überhaupt noch den Weg ins Kino findet, ist kaum zu glauben. Dazu sind Charlize Theron und Tom Hardy das beste Filmpärchen, das keines ist.

5. A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence
Was die längsten Filmtitel des Jahres anbelangt, hat sich Roy Andersson den ersten Platz verdient. Nach Songs from the Second Floor und You, the Living beschliesst A Pigeon … seine Trilogie über die Tragikomik menschlichen Lebens, erzählt in kleinen Episoden und einer konsequent minimalistischen Filmsprache, aber stets unglaublich komisch.

4. The Wolfpack
Crystal Moselles Dokumentarfilm porträtiert sechs Brüder, die ihr Leben lang von ihrem Vater in einer kleinen Wohnung eingesperrt wurden. Alles, was ihnen bleibt, sind Filme wie Pulp Fiction oder The Dark Knight — die sie sich wieder und wieder ansehen und nachspielen, schliesslich auch für die Kamera. Die Ausschnitte aus ihren Homevideos sind ein mitreissendes Zeugnis für die Macht des Kinos – und wenn man die Brüder dabei beobachtet, wie sie allmählich die reale Welt kennenlernen, kann man sich nur schwer die eine oder andere Träne verkneifen.

3. The Boy and the World
An guten Animationsfilmen herrschte 2015 keine Knappheit (neben einigen Abschiffern wie The Little Prince oder The Good Dinosaur): The SpongeBob Movie: Sponge Out of Water war wunderbar anarchisch, Shaun the Sheep Movie ebenso spassig wie Inside Out — und The Peanuts Movie für einen Film dieser Grössenordnung aufregend experimentell in seinem Animationsstil.
Für mich gehört das Siegertreppchen jedoch The Boy and the World: Dieser brasilianische Zeichentrickfilm ist ein Essay über die moderne Weltwirtschaft, aber gleichzeitig die berührende Geschichte eines kleinen Jungen. Eine Mischung von verschiedenen Animationsstilen, eine Hommage an die lange Geschichte des Zeichentricks — und zu alledem ein wundervolles Musikvideo.

2. It Follows
Und auch im Horrorfilm gab’s dieses Jahr unglaublich gutes Zeug, trotz Quatsch wie Unfriended. The Babadook und Ich seh ich seh sind mir gleichermassen nahe gegangen und Alejandro Amenábars Regression dürfte der erste Satanistenthriller sein, der sein Genre gleichzeitig perfekt bedient und konsequent hintertreibt.
Mein Horrorfilm des Jahres ist jedoch It Follows, und dabei bin ich mir nicht einmal ganz sicher, ob man den als Horrorfilm bezeichnen kann, denn eigentlich ist das eine Parodie, ohne aber wirklich eine Parodie zu sein — David Robert Mitchell traut sich jedenfalls, Schockmomente zu opfern, wenn er stattdessen eine Pointe machen kann. It Follows ist der versponnenste, merkwürdigste kleine Film des Jahres – und hat den besten Soundtrack seit Ewigkeiten.

1. Fish and Cat
Eigentlich könnte hier auch Birdman stehen, Iñárritus grandiose Auseinandersetzung mit Theater, Superhelden und Starkult. Aber ähnlich wie bei Fifty Shades of Grey wär das einfach zu absehbar. Dafür gab es dieses Jahr noch einen Film, der in einer einzigen Einstellung gedreht wurde: der surreale iranische Thriller Fish & Cat eben, wo es drei kannibalistische Köche auf eine Gruppe von Studenten abgesehen haben. Ähnlich wie Sebastian Schipper bei Victoria, so versucht auch Shahram Mokri, das Stilmittel der ununterbrochenen Einstellung als Spannungselement nutzbar zu machen. Wo es bei Schipper jedoch ein billiges Gimmick ohne Sinn und Verstand bleibt, hat es Mokri meisterhaft im Griff. Fish & Cat ist ein kleines Wunder und der mit Abstand beste Film von 2015.

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