Geschüttelt, nicht gerührt!

Requiem auf eine verflossene Liebe

Ein blauäugiger Held, seit nunmehr vier Filmen: Casino Royale, Quantum of Solace, Skyfall – und nun Spectre. Aber so blauäugig und naseweis unverfroren ist Daniel Craig eben nicht. Und ich wünsche mir die alten Bondfilme zurück. Statt eines charmant-eleganten Agentenhelden kriegen wir immer mehr einen gefühlsduseligen Nostalgiker vor die Nase gesetzt – mehr noch als in den vorangegangenen rührseligen Bondproduktionen mit Craig. Wie würde das aus dem Mund Bonds doch richtig lauten? „Macht mir die Gefahr möglichst gross, im Filmskript steht schliesslich, dass ich immer ohne ein Stäubchen auf dem Anzug aus den wildesten Prügeleien hervorgehe.“ Wir wissen es alle und lieben Bond dafür. Nun wartet er plötzlich mit bedeutungsschwangeren Ahnungen auf. Als er drauf und dran ist, sich in die Höhle des Löwen zu begeben, sagt er seinem Bondgirl (Léa Seydoux), das eigentlich seine Geliebte und nicht bloss seine erotische Gespielin ist: „Es könnte sein, dass ich nicht zurückkehre.“ Hoffentlich auch: Ein solcher Bond kann mir gestohlen bleiben.

Der seit dem zweiten Bondfilm, From Russia with Love, gesuchte Chef-Bösewicht der Verbrecherorganisation ‚Spectre‘, Ernst Stavro Blofeld, entpuppt sich als Bonds Stiefbruder, gespielt von Christoph Waltz. Wie aber ist es möglich, aus einem Schauspieler, der in Tarantinos Inglorious Bastards durch seine Kultiviertheit das Böse noch um Grade bedrohlicher erscheinen liess, einen handzahmen Ganoven ohne Ausdruck zu machen? – Sein verbrecherischer Plan besteht darin, mittels Terrorattacken die globale Überwachung voranzutreiben. „Information ist alles“, belehrt Blofeld Bond. Und das alles gibt es schon: Mit den Softwaregiganten und Geheimdiensten wie der NSA ist Bigdata längst zum Alltag geworden. Die Terrorattacken wiederum sind billige und geschmacklose Kopien der realen Anschläge: London, Paris, Nairobi. Wie war das doch 1967 bei You only Live Twice? Eine Raumkapsel wird im Erdorbit von einem riesigen Raumschiffmaul wortwörtlich verschluckt. Unvorstellbar: Die technischen Möglichkeiten der Zeit auf die Spitze getrieben. Und bei Moonraker 1969? Eine Raumstation noch vor MIR und ISS. Das ist Fantasie. Osama bin Laden jedenfalls bewies mit dem Masterplan von New York mehr grausige Imagination als der Regisseur Sam Mendes.

Stattdessen die einfallslose Zugabe in Spectre: Im Film wird das Doppelnullprogramm aufgehoben, weil Drohnen Agenten ersetzen sollen. Noch einmal wird Schindluder mit der schrecklichen Realität, wie sie den Leuten im Nahen Osten oder Afghanistan allzu bekannt sein dürfte, getrieben. Bond jedenfalls ist nicht mehr On Her Majesty’s Secret Service. Wie es Her Majesty, Queen Victoria, schon sagte: „We’re not amused.“ Der elegante Agent wird zum einsamen Rächer à la Rambo, der seinen Stiefbruder jagt und in der Vergangenheit wühlt. Der Kinohit Bond ist zum Familiendrama geworden. Immerhin hat Mendes für seine Produktion 300 Millionen ausgeben dürfen, der teuerste Film aller Zeiten – und ich habe dazu beigetragen, dass die eingespielten 1.1 Milliarden von Skyfall noch übertroffen werden, wie es die Erwartungen fordern. Shame on me… Aber ich konnte es eben nicht lassen. Ich habe Bond doch immer geliebt. Das ist die wahre Liebesgeschichte. Auf das Happyend im Film hätte ich gerne verzichtet, wäre mir dafür meine Liebe geblieben. Stattdessen bin ich auf meinem Kinosessel der Protagonist einer Tragödie, während Bond am Ende mit seiner Geliebten im legendären Aston Martin (repariert von einem jungen Computernerd, anstelle eines verrückten Ingenieurs als Q) davonbraust. Bonds Ahnung hat ihn nicht getäuscht. Aus der Höhle des Löwen ist bloss sein Körper zurückgekehrt. Sein Geist hat ihm Blofeld mit winzigen Bohrern aus dem Gehirn gedreht (immerhin eine tolle Folterszene). Eigentlich müsste dies das Ende aller Bond-Filme sein. R.I.P. James… schone deine alten Knochen, lass deine geschundene Seele baumeln und zwar auf einem beschaulichen englischen Landgut bei einem guten Glas Martini, schliesslich gibt es das Doppelnullprogramm nicht mehr. Ich jedenfalls bin am Ende – geschüttelt, aber sicher nicht gerührt!

 

Spectre
GB/USA 2015, 148 Min.
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: John Logan, Neal Purvis, Robert Wade, Jez Butterworth
Mit Daniel Craig, Christoph Waltz, Léa Seydoux et al.
Advertisements

4 Gedanken zu “Geschüttelt, nicht gerührt!

  1. Es ist bezeichnend, im Konsum gewisser Filmreihen diese in einer Analogie mit dem Gefühl von „Liebe“ zu beschreiben. Beziehungsweise in der Enttäuschung des „liebenden Konsumenten“, der für sein Entgelt nicht mehr als den ausgebliebenen Rausch erhält. Sicherlich finden sich auch an der Langstrasse Freier, die mäkeln, dass „früher die Nutten noch besser waren“.
    Aber abgesehen davon, ja: Indiana Jones sollte Nazis verhauen und James Bond KGB-Agentinnen flach legen. Die Frage ist nur, ob sich in der zwanghaften Anpassung an die Gegenwartsverhältnisse eher allgemeiner Marktschwachsinn („relaunch einer brand“) oder historischer Dumpfbacken-Relativismus zeigt („Russen, Afghanen, Nordkoreaner – ist doch alles das selbe; damals halt die Kommis, heute solche Hacker oder Muselmänner…“).

    Gefällt mir

  2. Nun: Die Vorlage war da. Weshalb zum Teufel muss den heute immer und überall eine leicht erotisierte Liebesgeschichte gespielt werden? Das war eine Einladung und im Übrigen: Ich habe mich soeben emanzipiert. Mich ruft die marokkanische Wüste oder sonst irgendeine leere Öde…

    Was die Muselmänner betrifft, so ist das gewissermassen der einzige Punkt, den der neue Bond nicht versaut. Zwar ist das Datenzentrum von Blofeld in der marokkanischen Wüste, aber immerhin scheinen es keine Muselmännner zu sein, die Bomben legen. Über die Anschläge erfährt man im Film ja so gut wie nichts… Fazit: Es gibt halt immer irgendwelche, die uns in die Luft jagen wollen. Und schon hat der Film, der so reflektiert, gefühlvoll und gegenwärtig daherkommen will, ein weiteres Mal danebengehauen… Da ist mir die alte, total platte und dafür umso ehrlichere Schwarz-Weiss-Malerei der Bondfilme lieber…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s