„The House of Friction“ – Unterhaltung der anderen Art

Ich stehe wieder draussen an der frischen Luft. Zurück in der Realität. Leicht wankend gehe ich retour zur Kasse der Lokremise und gebe der Empfangsdame den Schlüssel zurück. An meinen Schuhen klebt Taubenkot, meine Kleider sind staubig und ich frage mich: „Was zur Hölle war denn das?“

Ich bin in Christoph Büchels Falle getappt. Wie so viele vor mir. Der Schweizer Künstler schlägt sich ein Schnippchen und lässt die Kunstszenis über verstaubte Dachböden klettern, Bauröhren hinabrutschen und Feuerwehrleitern runter in die Scheisse gleiten. Und damit auch niemand haftet, weder Künstler noch Institution, wenn doch mal etwas schief geht, signiert man als Besucher vorher ein Formular mit Warnhinweisen.

Doch vielleicht male ich hier alles zu schwarz.

Die Installation im Wasserturm der Lokremise in St. Gallen wurde 2002 im Rahmen der Ausstellung „House of Fiction“ durch Christoph Büchel erbaut. Damals war die Lokremise noch nicht Teil des St. Galler Kunstmuseums, sondern wurde von der Galerie Hauser & Wirth für ihre Sommerausstellungen genutzt. Die Werke der Ausstellung von namhaften Künstlern wie Dan Graham, Pipi Lotti Rist, Ugo Rondinone, Fischli & Weiss setzen sich mit dem Thema Fiktion auseinander und kreieren künstliche Welten im White Cube, auf welche man sich als Betrachter einlassen kann.

Christoph Büchel unterwandert mit seinem Werk „House of Friction“ die klassische Form der Ausstellung. Er erbaute im Wasserturm einen Kosmos aus Räumen und Durchgängen, die scheinbar früher bewohnt wurden und nun aus unerfindlichen Gründen so zurückgelassen wurden. Das Werk wurde daraufhin für 10 Jahre geschlossen und ist 2013 im Rahmen der Ausstellung „Home Sweet Home!“ (vom (un)heimeligen Zuhause in der Kunst) des St. Galler Kunstmuseums wieder eröffnet worden. Das Werk ist in der Zwischenzeit gealtert. Staub hat sich in allen Ecken eingenistet und Tauben haben Einzug gehalten. Es wird erzählt, dass Junkies sich in dieser Zeit im Wasserturm installiert haben und ihre Überreste jetzt noch dort zu finden sind. Doch auch vorher schon glichen die Räume gammeligen Müllhalden. Es ist schwer zu sagen, welche Geschichten wahr, welche erfunden sind. Der Künstler, Christoph Büchel, äussert sich zu seinen Werken nicht. So gibt auch die Lokremise keine weiteren Auskünfte zu Werk und Künstler.

Die Installation wird erst durch mich, die Betrachterin, die sich in diese Welt begibt, zum Kunstwerk erhoben. Alleine betrete ich das Werk und stelle mich den fiktiven Geschichten, die Büchel mir mittels seiner Installation erzählt. Die verlassenen Zimmer, verstaubten Gegenstände suggerieren mir Geschichten von möglichen ehemaligen Bewohner. Getrieben von Neugier und Furcht gehe ich von Raum zu Raum, jeder Durchgang ist eine neue Herausforderung, die es zu erklimmen gilt. Als Besucher bin ich physisch gefordert und in das Werk eingebunden. Und irgendwann gibt es kein Zurück mehr.

Es ist eine Grenzerfahrung weg vom Massenkonsum. Ich sitze nicht sicher zuhause auf meiner Couch. Falle ich von einer Leiter, falle ich wirklich. Beinahe hyper-realistisch mutet mich diese Kunstform an. Sie bedient sich naturalistischer Mittel, Alltagsgegenstände, und kreiert ein realistisches Abbild unserer Welt. Genau so könnten grossmütterliche Wohnzimmer, verstaubte Dachböden aussehen. Und doch muss ich mich auf Büchels Geschichten einlassen, um nicht einfach eine Ansammlung von Schrott zu sehen. Durch die Unmittelbarkeit, die fehlende Distanz zum Werk als Betrachter, ist keine rationale Reflexion mehr möglich. Ich bin zurückgeworfen auf mich selbst, auf meine eigenen Emotionen, die realer nicht sein könnten. Geläutert, gereinigt verlasse ich den Wasserturm – wie durch die Katharsis der antiken Tragödie in tausendfacher Verstärkung. Oder einfach verängstigt, vom Künstler gezwungen, durch den Staub zu kriechen? Büchel übt mit seiner Kunstform eine immense Macht aus. Er erhebt Abfall zu Kunst und zwingt den Kunstbetrachter in die Knie.

Voraussichtlich ist die Installation von Christoph Büchel am Sonntag, 8. November 2015 zum letzten Mal offen. Jedoch wurde sie bis anhin im Frühling wieder für Besucher geöffnet. Hoffen wir, dass es auch dieses Mal wieder der Fall ist – und sonst unbedingt noch ein letztes Mal am 8. November vorbeigehen. Wagemutige vor!

Büchel_Aussen_2002

„The House of Fiction“ ist eine Installation von Christoph Büchel, zu sehen in der Lokremise des St. Galler Kunstmuseums, geöffnet jeweils sonntags von 11 bis 18 Uhr. Zur Begehung der Installation wird geschlossenes Schuhwerk und robuste Kleidung dringend empfohlen. Bitte beachten Sie ausserdem, dass die Installation erst ab 18 Jahren zugänglich ist!
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