Der Kannibale von Griechenland

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Halloween ist schon ziemlich toll. Also, nicht wegen der Kinder und so, aber ich liebe Horrorfilme und Halloween ist quasi der Feiertag des Genres. Und damit Anlass genug, einen Blick auf einen Klassiker des menschenverachtenden und jugendverderbenden Gewaltfilms zu werfen: Joe D’Amatos Anthropophagus. Ein Film so böse und schlimm, dass er seit Jahrzehnten verboten ist. Über Zeitschinderei und Kapitalismuskritik.

in einer weiteren Sequenz nach ca. 70 Minuten wird gezeigt, wie die Bestie (Kannibale) einer schwangeren Frau das ungeborene Kind durch die Vagina aus dem Körper reißt und danach beginnt, den Fötus aufzuessen (Nahaufnahme)

So heisst es in einem Beschlagnahmebeschluss des Amtsgerichts Tiergarten in Berlin. Für diese Szene vor allem ist Anthropophagus berüchtigt, sie brachte dem Film weltweit Verbote und Beschlagnahmungen ein. Und noch im September diesen Jahres wurde das Opus auf der Liste problematischer Filme aufgeführt, die jeweils der Schweizerische Video-Verband herausgibt.

anthropophagusklt_05_klWas natürlich einigermassen albern ist, denn gerade aus heutiger Sicht sind die Billigeffekte von 1980 mehr niedlich als etwas anderes – so kam damals für den Fötus ein gehäuteter Hase zum Einsatz. Im Zeitalter von Hostel und Saw muss man ziemlich wohlbehütet aufgewachsen sein, um von sowas Albträume zu kriegen.

Anthropophagus (zu Deutsch Man-Eater – Der Menschenfresser) ist ein Machwerk des italienischen Horror- und Pornofilmers Joe D’Amato (eigentl. Aristide Massaccesi, 1936-1999), dessen Filmographie so schöne Titel wie Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf oder Porno Holocaust umfasst. In kürzester Zeit für ein minimales Budget heruntergekurbelt, sollten die Streifen in erster Linie das Publikum mit sensationalistischen Plakaten ins Kino locken und es bestenfalls mit ein paar ebenso sensationalistischen Szenen bei Laune halten. Alles weitere war im Grunde egal (vor allem die cineastische Qualität). Typisch exploitation.

 
Griechischer Wein

Das künstlerisch überaus wertvolle Filmplakat zeigt den titelgebenden Anthropophagen (lat. Menschenfresser), hingebungsvoll in die Konsumation der eigenen Eingeweide vertieft. Zu Beginn der Geschichte hat er jedoch noch alle Därme beisammen und treibt an einem Badestrand sein Unwesen, indem er ein argloses Pärchen mit einem Hackmesser vom Leben in den Tod befördert.

antrhohackmssr05_klBevor wir uns weiter mit dem reizenden Gesellen befassen, lernen wir unsere Helden kennen: eine Handvoll Urlauber, die das dolce vita in Griechenland geniessen, genauer gesagt, in Athen. Dort stösst schliesslich eine gewisse Julie hinzu (gespielt von Tisa Farrow, eine Schwester der ungleich berühmteren Mia Farrow). Zusammen steigt man auf eine Segeljacht und steuert eine der vielen, vielen Inseln in der Ägäis an (weil dort Bekannte von Julie wohnen). Das Unheil nimmt seinen Lauf.

Anmerkung 1: Abgesehen von ein paar Ferienbilder in Athen, entstanden die Aufnahmen allesamt in Rom und Umgebung.

Anmerkung 2: Die Filmmusik hört sich ungefähr so an, als wäre ein hyperaktiver Drittklässsler beim freien Improvisieren am Elektropiano von einem epileptischen Anfall heimgesucht worden. Allein schon für seine Version von Theodorakis‘ Sirtaki gehört der Komponist (Marcello Giombini) mit einer Blockflöte verprügelt. Und ich will meine Zehennägel fressen, wenn der Mistkerl nicht am Thema von A Clockwork Orange vergeht.

Anmerkung 3: Joe D’Amato war immer schon ein Meister der Zeitschinderei. Wenn die Urlauber an den Hafen fahren, um sich auf die Jacht zu schwingen, erleben wir das mehr oder weniger in Echtzeit mit. Wer keine Geduld mitbringt, hat schon verloren.

Das mit der Zeitschinderei zieht sich bei der anschliessenden Segeltour weiter. Der Kahn treibt durchs Wasser, die Passagiere lauern an Deck herum, der Zuschauer sinniert über die eigene Vergänglichkeit, etc. Etwas Abwechslung bringt einzig Carol (Zora Kerova), die übersinnlich begabt ist und der schwangeren Mary (Serena Grandi) die Karten legt. Aber ach, die Spielkarten schweigen. Bevor Carol erklären kann, was es damit auf sich hat, wird die Schwangere von ihrem Mann Arnold (Bob Larson) weggeholt, denn er findet den Büchsenöffner nicht.
Zu Julie meint nun die Wahrsagerin: „Wenn du nach der Zukunft eines Menschen fragst und die Karten nicht antworten, dann bedeutet das, dass derjenige auch keine Zukunft mehr hat.“
Da kommt Mary aber auch schon zurück: „Das Essen ist fertig!“
Sie war maximal eine Minute fort. Kombiniere: Es gibt Dosenravioli aus der Mikrowelle. Dann doch lieber Menschenfleisch.

Die angesteuerte Insel erweist sich als eher unheimlich: Im Dorf ist kein Mensch zu sehen, dafür hat irgendwer die Morsestation zerstört. Und in einem Zimmer liegt eine vertrocknete Leiche herum. Machen wirs kurz: Der Man-Eater wars. Er hat das ganze Eiland entvölkert und setzt jetzt unseren Urlaubern nach. Guten Appetit!

 
Der Geruch von Menschenblut

Wie gesagt, generell ist Joe D’Amato als Regisseur eine ziemliche Trantüte. Aber immer wieder geraten ihm memorable Szenen (und seis aus purem Zufall).

So zum Beispiel, als unser Reisegrüppchen das Haus von Julies Bekannten in Beschlag nimmt, um dort zu übernachten. Um Mitternacht hört Julie irgendwen ein Piano spielen (was ich zunächst prompt für einen Teil der Filmmusik hielt) und schlägt sich mit einer Kerze in der Hand durch dunkle Gänge. Da verspürt man plötzlich ein bisschen gothischen Grusel.

anthropohenr04_klDaniel (Mark Bodin) schliesst sich Julie an (nachdem er sie mit einem Fleischermesser erschreckt hat) und zusammen gehen die beiden den Klaviertönen nach – am Ende finden sie das Instrument im Weinkeller (wo auch sonst). Ebenda schmeisst irgendwer ein kleines Kätzchen auf die Tasten, woraufhin eine junge Frau wie ein Springteufel aus einem der Weinfässer schnellt und Daniel mit einem Messer eine Fleischwunde in die Schulter versetzt. Eingesaut vom Wein, erinnert sie an die mit Schweineblut übergossene Carrie.

Bei der Maid handelt es sich um Henriette (Margaret Mazzantini). Als einzige hat sie das Inselmassaker überlebt, obwohl sie blind ist. Sie warnt unsere Freunde vor dem Killer: „Ich erkenne ihn am Geruch. Ja, ich rieche ihn und laufe vor ihm weg. Immer wieder.“
Andy (Saverio Vallone): „Wie erkennst du ihn? Wonach riecht er?“
Henriette: „Nach Blut. Nach Menschenblut! Blut!“

Regelrecht nervenzerfetzend ist das Finale – zumindest für die Verhältnisse von Joe D’Amato. Hier kommen ihm seine Temposchwierigkeiten zugute: Julie landet zusammen mit dem Menschenfresser in einem Brunnen und versucht verzweifelt, ihm zu entkommen. Gerade dass sich ihr Überlebenskampf ewig hinzieht, macht den Moment zum Nägelbeisser.

 
Der kapitalistische Kannibale

Man kann schlecht über Anthropophagus reden, ohne George Eastman zu würdigen. Und damit meine ich nicht den Gründer von Kodak (nach dem auch das Farbfilm-Verfahren Eastmancolor benannt ist), sondern den italienischen Filmemacher und Schauspieler, der 1942 als Luigi Montefiori zur Welt kam. Seinen Aufstieg erlebte er in den 60ern und 70ern im Italowestern, wo er mit seinem düsteren Aussehen und einer Körpergrösse von 2.10 m ein profilierter Bösewicht war. Und als Drehbuchautor war er an Keoma tätig, nachweislich der beste Film aller Zeiten.

Als jedoch die Blütezeit des Spaghettiwesterns vorbei war, ging es auch mit Eastman bergab, so dass er sich mehr und mehr in drittklassigen B-Movies verdingen musste. Die Mad-Max-Variante 1990: I guerrieri del Bronx ist immerhin noch lustig, genau so wie der Barbaren-Trash La guerra del ferro: Ironmaster – aber Eastman landete eben auch in den Fängen von Joe D’Amato (der ebenfalls vom Italowestern kam). Von Keoma zu Porno Holocaust: Tief gefallen, sehr tief, ist Salomon! Ach, Gott verlässt ihn.

anthropogeorge06_klAnthropophagus profitiert nun von der massiven Gestalt und der puren Präsenz des Schauspielers. Mit seiner fleckigen Halbglatze und dem dreckigen Grinsen ist der Man-Eater eine der grässlichsten Gestalten des Horrorkinos. Aber eigentlich heisst der Hallodri Nikos Karamanlis und war einst ein stinkreicher Grossindustrieller. Julie: „Die Karamanlis waren praktisch die Besitzer der Insel. Sie besassen Fischerboote, Viehherden und Olivenhaine.“
Und sie lebten in einer herrschaftlichen Villa mitten auf dem Eiland, angenehm abgeschieden vom Dorf, wo der Pöbel wohnt.
Julie: „Vor ein paar Monaten war in allen Zeitungen ein grosser Bericht über die Familie. Nikos Karamanlis ist mit Frau und Kind beim Segeln verschollen. Man nimmt an, dass sie ertrunken sind.“

Wie sich herausstellt, konnte sich die kleine Familie nach dem Untergang der Jacht in ein Gummiboot retten. Tagelang trieben sie übers Meer, ohne Wasser oder Nahrung. Verbrannt von der gnadenlosen Sonne. Bis Nikos einen gierigen Blick auf den Sohn warf und zum Messer griff: „Er ist tot. Totes Fleisch. Fleisch, das wir zum Überleben brauchen!“ Seine Frau Maria warf sich ihm entgegen, Nikos erstach sie aus Versehen – und fiel dem Wahnsinn anheim.

Nachdem er seine Lieben gefressen hatte, schaffte er es irgendwie zurück auf seine Insel. Dort begann er, die Dorfbewohner nach und nach umzubringen. Seine Schwester Ruth (Rubina Rey) half ihm dabei – von Schuldgefühlen überwältigt, erhängt sie sich schliesslich im Treppenhaus der Villa Karamanlis.

So haben wir hier also einen Grosskapitalisten, der sich buchstäblich von den Menschen ernährt, die er „besitzt“. Als er schliesslich untergeht, fallen sie alle seiner Gier zum Opfer. Die Parallelen zur gegenwärtigen Griechenlandkrise liegen auf der Hand!

Neben dem Vampir ist der Kannibale eine klassische Figur der Kapitalismuskritik, gerade auch im Kino. Man denke nur an das Menschenfressertum im brasilianischen Tropikalismus. In Macunaíma (1969) zum Beispiel begegnet der Held einem Grossgrundbesitzer, der im Swimmingpool seines Anwesens eine Menschensuppe anrührt.
Ein moderneres Exempel stammt von 2014, eine Kammerkomödie von Johannes Naber um Unternehmensberater, die sich in der Dritten Welt austoben. Der Titel? Zeit der Kannibalen.

Im oben zitierten Beschlagnahmebeschluss schreibt das AG Tiergarten auch: „Anhaltspunkte für überwiegende schutzwürdige künstlerische Darstellungen haben sich nicht ergeben.“ Doch als die Behörde das Werk als simple Darstellung „exzessiver Gewalt und Grausamkeit“ abstempelte, taten sie ihm damit nicht unrecht? Haben sie nicht übersehen, dass Joe D’Damato ein cleverer Zergliederer des Kapitalismus ist? Haben sie ihn nicht als Visionär unterschätzt, der uns vor der Wirtschaftskrise warnte?

Die Antwort lautet: Nein.

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Anthropophagus (dt. Man-Eater – Der Menschenfresser)
Italien 1980, 87 Min.
Regie: Joe D’Amato
Drehbuch: Joe D’Amato, George Eastman
Mit Tisa Farrow, George Eastman, Serena Grandi, Zora Kerova u.a.
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2 Gedanken zu “Der Kannibale von Griechenland

  1. „Kombiniere: Es gibt Dosenravioli aus der Mikrowelle. Dann doch lieber Menschenfleisch.“
    Für solche Sätze lieben wir dich, und allein dafür gebührt dir ein Preis, den wir noch erfinden müssen. So eine Art Pulitzerpreis für Kritik/Kategorie Trash.
    Nur an den Kapitalismusbezügen musst du noch ein bisschen arbeiten. Denn der Maneater ist zugleich eine Metapher auf den Kapitalisten alten Schlages. Als Vater, bzw Patron vernichtet er seine Umgebung und im Gegensatz zum Gespann Manager/Aktionär ist er historisch überholt. Er residuiert auf einer Insel, auf die er sich zurückgezogen hat, im Gegensatz zum globalisierten und hyperaktiven Kapital. Er konsummiert und vernichtet die Produktivkräfte zugleich, in seinem kreisförmigen Streben nach Konsumation der Arbeitskräfte ist er gefangen in einer Schlaufe, die seine eigene Vernichtung bereits beschwört. Als jene Kraft, welche „die Menschen erfasst, zermalmt und verbraucht wieder ausspuckt“ ist er archaischer Teil kapitalistischer Organisation der Gesellschaft, aber eben: Nur Teil. Selbst nur Zahnrad dieser Maschinerie vermag er uns eben deswegen sogar Mitleid oder Belustigung zu entlocken.

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