Der Ritter im Baum

Auf nichts warte ich sehnlicher jeden Monat, als auf die Humorkritik des „endgültigen Satiremagazins“ Titanic. Was habe ich mir nicht alles schon angesehen/gekauft/eingeführt, nur weil Hans Mentz es mir empfohlen hat!

So auch Horst Brunners Von achtzehn Wachteln und dem Finkenritter — Deutsche Unsinnsdichtung des Mittelalters. Ich habe sowohl eine Schwäche für lustigen Quatsch als auch eine für mittelalterliche Literatur (letzteres nicht zuletzt studiumsbedingt), also habe ich mir das nette kleine Reclam-Büchlein bestellt und mich durch die Sammlung altertümlicher Lügendichtung gelesen.

Im Urteil bin ich weniger hart als Mentz, denn seien wir ehrlich: Wenn wir uns nur schon durch unseren Facebook-Feed klicken und uns ein paar der kursierenden Memes angucken, erscheint es uns doch recht arrogant, gegenüber den mittelalterlichen Humoristen den Snob raushängen zu lassen.
Zudem: Wenn die Lektüre der Kompilation etwas anstrengend ist, hat das weniger mit den simplen Strickmustern der Lügendichtung zu tun, sondern mehr damit, dass die verschiedenen (meist anonymen Autoren) sehr oft direkt aufeinander aufbauen (wie es seinerzeit üblich war), so dass einem dieselben Ulke gleich mehrfach begegnen. „Der Hase fesselt den Löwen“: Das ist beim fünften Mal zwangsläufig nicht mehr ganz so witzig.

Mentz hat aber unbedingt recht damit, dass „Der Finkenritter“ (anonymer Dichter, um 1560) die beste Story des Büchleins ist, und wer sich nicht allzu tiefgehend mit vormodernem Humor auseinandersetzen, aber trotzdem mal reingucken will, tut gut daran, sich auf diese zu beschränken (übrigens, auch der Ritter schöpft ausgiebig aus früheren Geschichten). Wobei ich dem halbwegs interessierten Leser zumindest noch „Die Geschichte des Backofens“ und Hans Sachs‘ „Das Schlauraffenland“ empfehlen möchte.

Nun aber ein kurzer Ausschnitt aus „Der Finkenritter“:

da fande ich einen vbergrossen / dicken / geschmeidigen/ kleinen Eychbaum / darein was ein Ymme geflogen / ich gedacht / da würde ich honig finden / vnnd schloffe zuo dem selbigen loch hinein inn den baum / die Ymmen erschracken flogen herauß / vnd hatten mir die Augen zerstochen / das mir mein hinder gesicht so gar krumb ist worden / als ein sichel / Wie ich aber gleich wieder herauß wolt / vnd jhnen entlauffen / da was mir das loch vil zuo klein worden / kundte nicht auß dem Baum mehr kommen / ich war zornig / lieff bald heym / vnd holt ein axt / vnd hüwe den Baum ab / vnnd schloff also durch die Wurztel heraus

Hier Brunners Übersetzung derselben Stelle:

Da fand ich einen riesigen, dicken, biegsamen, kleinen Eichbaum. Da hinein war eine Biene geflogen. Ich dachte, ich würde da Honig finden und schlüpfte durch dasselbe Loch hinein in den Baum. Die Bienen erschraken, flogen heraus und hatten mir die Augen zerstochen, dass meine Hinternansicht so krumm wurde wie eine Sichel. Wie ich aber umgehend wieder heraus wollte, um vor ihnen davonzulaufen, da war das Loch für mich viel zu klein geworden, ich konnte nicht mehr aus dem Baum hinauskommen. Ich war zornig, lief rasch heim, holte eine Axt, fällte den Baum und schlüpfte durch die Wurzel heraus.

 
Das Buch auf der Reclam-Seite

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