#Kunstfreiheit

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Nackte Brüste in einer Galerie im Kreis 4? «Unsittlich», findet der Vermieter und droht mit Kündigung

text: Simon Jacoby

Diese Geschichte ist etwas bizarr, fast schon unglaublich und irgendwie ironisch. In einer Zeit, in der Sex und nackte Brüste immer und überall zu sehen sind, muss eine Galerie – ausgerechnet im Kreis 4 – ihre Bilder wegmachen, weil sie «unsittlich» seien.

Nur wenige Meter neben dem Bermudadreieck, sozusagen dem Sodom & Gomorra von Zürich, befindet sich an der Müllerstrasse der Offspace «Box 43». Ein kleiner Kunstraum mit einem Schaufenster als Blickfang. Wer sich in diesem Quartier bewegt, hat schon unsittlichere Dinge gesehen, als ein paar nackte Brüste auf Bildern, die im Schaufenster hängen.

HEUTE: Letzte Chance, die aktuelle Ausstellung "bodies of innocence" unzensiert zu besuchen! Ab morgen müssen einige Bilder wegen Unsittlichkeit verhüllt werden… Run, run, run!

Posted by Box43 on Mittwoch, 30. September 2015

Nichts desto trotz: Die Verwaltung der Liegenschaft griff kurz nach Eröffnung der Ausstellung «Bodies of Innocence» zum besten Druckmittel gegen Mieter, die auf günstigen Raum angewiesen sind: die Kündigungsdrohung. Wie die Galeristen mitteilen, befand die Verwaltung die Kunst als unsittlich. Genau diese Thematik wollte die Box 43 eigentlich thematisieren. Wie im Ausstellungstext zu lesen ist, sind «Scham, Moral, Schuld, Tabu und Leidenschaft» die zentralen Begriffe der Werke – gerade auch im Kontext des Langstrassen-Quartiers, in dem diese Themen mit den Sexkinos, den Puffs und Stripclubs allgegenwärtig sind. Der Blick auf die Nacktheit habe mit «dem möglichen Verbot oder dem Überschreiten eines Verbotes zu tun». Die Vermieter haben keine Lust auf einen Diskurs und machen aus dem «möglichen» Verbot ein echtes Verbot.

Trotz der verfassungsmässig garantierten Kunstfreiheit hätten die Betreiber innerhalb von 24 Stunden entweder die Bilder wegzumachen oder mit der Kündigung und damit dem Ende des Offspaces rechnen müssen.

Die Werke sind noch da, allerdings verhüllt
Die Werke sind noch da, allerdings verhüllt

Doch Kunst wäre nicht Kunst, wenn es dafür keine Lösung gäbe. Zugunsten künftiger Ausstellungen akzeptierten die Betreiber Marco Nicolas Heinzen und Franziska Andrea Heinzen den Entscheid der Verwaltung. Doch die Gastkuratorin Patricia Bianchi hängte die Werke nicht ab, sondern verhüllte sie, «um die Unschuldigkeit der Bilder in ihrem Kunstkontext zu unterstreichen und gleichzeitig die künstlerische Freiheit der Werke zu wahren».

 
Titelbild: Ausstellungsansicht «Bodies of Innocence» – Box43 kuratiert von Patricia Bianchi Künstler: Daria Marchik, Eva Kurz, Christoph Studer-Harper, Marco Nicolas Heinzen Bilder: © Box43, 2015

Dieser Artikel wurde bereits auf Tsüri.ch publiziert.

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