John Waters: Cry-Baby

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John Waters in Zürich: Während im Kunsthaus die Ausstellung How Much Can You Take? läuft, zeigt das Filmpodium eine Retrospektive seines cineastischen Schaffens. Den Anfang macht „Cry-Baby“, eine knallbunte Parodie auf die Musicals der 50er-Jahre — mit Johnny Depp in der Titelrolle.

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Komm mal her! Dort drüben stehen die squares (die Braven). Sieh sie dir an, in ihren Strickjacken und Faltenröcken.
Dort drüben hängen dagegen die drapes ab (die Bösen). Sie tragen Lederjacken und fahren Motorräder. Und Gel schmieren sie sich ins Harr, jede Menge Gel. Das meiste davon hat Cry-Baby auf dem Kopf, ein jugendlicher Unruhestifter, wie er im Buche steht.

Die Spitzenschülerin Allison verguckt sich in den bösen Jungen (kein Wunder: ein blutjunger Johnny Depp spielt ihn).
Er wiederum verguckt sich in sie (kein Wunder: bei den himmelblauen Augen von Amy Locane wird jeder Mann schwach).
Es ist Liebe auf den ersten Blick.
Während die drapes kein Problem damit haben, das kreuzbrave Mädel bei sich aufzunehmen, drehen die squares fast durch. Angeführt von Allisons (Ex-)Freund nehmen sie grausame Rache an Cry-Babys Motorrad — und das ist erst der Anfang.

In den Fünfzigern waren Filme über rebellische Teenager der Hit (stell dir mal Marlon Brando und James Dean vor). Und denk an „West Side Story“, wo sie schon einmal „Romeo and Juliet“ als Musical durchprobiert haben. Hinzu stösst ein letzter grosser Einfluss, der King nämlich: Da versammeln sich die ganzen drapes am Turkey Point, einem stadtbekannten Schwimmtümpel (die squares sagen dazu „Redneck Riviera“). Sie wollen Cry-Baby singen hören. Der tritt mit der E-Gitarre und einem Outfit auf die Bühne, das jeder Beschreibung spottet: Ein Fiebertraum von Elvis Presley, kurz vor dem pillenbedingten Exodus. Johnny Depp singt zwar nicht selbst, aber den Hüftschwung hat er drauf.

John Waters dreht das Kino und die Musik der Fünfziger durch den Fleischwolf, streut Zuckerwatte und Rotz darüber und inkorporiert jeden noch so albernen Einfall.
Beispiel: Cry-Baby landet im Knast, entkommt aber durch die Kanalisation. Bald total verirrt, trifft er auf eine freundliche Ratte, die ihm den Weg in die Freiheit zeigt — aber Achtung, der fiese Nager ist ein Arschloch und führt Cry-Baby direkt in die Arme der Gefängniswärter. Während sich der Gelinkte ärgert, lacht sich die Ratte ins Fäustchen.

Was für eine Wundertüte von Film! Da läuft plötzlich Iggy Pop als Cry-Babys Onkel durch die Gegend. Oder hat Willem Dafoe einen Mini-Auftritt als schleimiger Gefängniswärter. Oder spielt Pornotante Traci Lords eins der Mädels aus Cry-Babys Gang.

Den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt jedoch Kim McGuire als Hatchet-Face. Ihren Spitznamen kann man grob mit „Hackfresse“ übersetzen, und bei allem, was recht und billig ist: Das ist tatsächlich die mit Abstand abscheulichste Schnute, die jemals auf Film gebannt wurde. Steve Buscemi würde gegen Hatchet-Face gewinnen, täten die beiden bei einer Miss-Wahl antreten. Was für eine Frau!

Wieso rede ich überhaupt noch? Wer sich diesen Film jetzt nicht sofort ansieht, ist total square.

 
Die weiteren Spielzeiten findet ihr hier.

Cry-Baby
Regie & Drehbuch: John Waters
USA 1990, 85 Min.
Mit Johnny Depp, Amy Locane, Ricki Lake, Traci Lords, Iggy Pop u.a.
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3 Gedanken zu “John Waters: Cry-Baby

  1. Cry Baby ist echt super! Waters trifft genau den richtigen Ton, um ihn dann spastisch zuckend zu verzerren. Alleine die schwedische Austausch-Studentin, die nur „Joa“ sagen kann, fantastisch!

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  2. Aus irgendeinem Grund find ich an der Szene wahnsinnig amüsant, dass der Paps es nicht hinkriegt, diese komische Kopfbedeckung richtig herum aufzusetzen.

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