Spinnen-Trash aus Gotthelfs Zeiten

Ab heute zeigt das Kino Stüssihof den Director’s Cut von „Die schwarze Spinne“. Für Fans von Trash ist der angeblich erfolgreichste Schweizer Spielfilm der 80er durchaus einen Blick wert.

02_schwarze_spinne_B

Jeremias Gotthelfs Novelle „Die schwarze Spinne“ ist ein grossartiges Stück Weltliteratur – und das sage ich nicht nur als Fan von Spinnenhorror. Fast hundertfünfzig Jahre später verstieg sich der Schweizer Tierschutzaktivist und Regisseur Mark Rissi darauf, die Geschichte auf Film zu bannen – allerdings in einer modernisierten Version.

So landen wir also mitten in der Schweiz der 1980er, wo der schlechte Geschmack regiert (wie damals überall auf der Welt). In einer abgefuckten Beiz bummeln ein paar Jugendliche herum und lauschen den Klängen eines DJ, der ungefähr dreimal so alt wie sein Publikum ist und sich an der New Wave abreagiert wie ein Serienkiller an seinen Opfern. Frisurentechnisch wüten Haarspray und Föhn, die Mode ist ein Ausbund an unaussprechlichen Grässlichkeiten, die selbst Lovecraft nicht zu beschreiben gewagt hätte. Es fehlen nur noch ein paar bunte Neonröhren und das ginge ohne Probleme als Alphaville-Video durch. Hätten Alphaville kein Geld gehabt.

Die Musik stammt übrigens von der damals nur halbwegs bekannten Band Yello (hier noch in der Originalbesetzung mit Carlos Perón). Bis zum interantionalen Durchbruch mit „Oh Yeah“ sollte es ja noch zwei Jahre dauern.

Junkies on the loose

Und apropos Überdosis: Ein paar jugendliche Junkies streiten sich gerade darum, wie man wohl die Moneten für den nächsten Schuss herbeischaffen könne. Die Mädels des Grüppchens prostituieren sich fleissig, aber das allein macht den Kohl auch nicht fett. (Ich stell mir vor, dass die Budgetbesprechung zum Film ähnlich ablief.) Da hat einer die Idee, in eine Chemiefabrik einzubrechen. Einfach ein paar Chemikalien klauen und die Drogen selber brauen!

Zwischenbemerkung: Der Jugendslang, den Regisseur und Drehbuchautor ihren Schauspielern in den Mund legen, ist wirklich von erlesener Bräsigkeit. Ständig werfen die Junkies mit Kindergartenbeschimpfungen wie „Du Gartenzwerg!“ um sich oder bedienen sich hipp modifizierter Sprichwörter wie „Das spielt doch jetzt keinen Tango mehr.“
Die beste Zeile ist aber fraglos diese: „Wegen dir Mostkopf sitzen wir jetzt auf den grünen Bäumen wie die Affen!“
Das alles natürlich auf Schweizerdeutsch und von überforderten Laiendarstellern hölzern vorgetragen.

Weiter im Text: Wider Erwarten schaffen die Junkies den Einstieg, führen sich in der Fabrik jedoch auf wie die Stummfilmkomiker. Soll heissen: Einer wirft aus Versehen irgendein Reagenzglas um, was eine mittlere Giftgaskatastrophe auslöst, wegen der die ganze Gegend evakuiert werden muss. Scheisse gelaufen.

Während die halbe Bevölkerung in Panik flüchtet, verstecken sich die Junkies bei einem alten Bauern, der auf den unverhofften Besuch mit wenig Gastfreundschaft reagiert. Aber ach, die Drögeler haben Messer und Pistole, da kann er sie schlecht rauswerfen.
Das eine Mädel ist blöd genug, sich irgendeine Chemikalie, die sie hat mitgehen lassen, auf gut Glück in die Vene zu spritzen. Prompt stirbt sie daran. Die Reaktion des Bauern: „Man sollte dem Mädchen Schnaps einreiben.“

Wenn sie schon mal da sind, zertrümmern die überlebenden Fixer die Einrichtung des Opas, denn der hat sicher irgendwo Geld versteckt. Schliesslich lassen sie ihre überschüssige Energie an einem alten Tragbalken aus, was den Bauern in Angst und Schrecken versetzt: „Da ist die schwarze Spinne drin!“
Daraufhin zerschlagen unsere „Helden“ den Balken erst recht, was eine Rückblende ins Mittelalter auslöst.

Rücksturz ins Mittelalter

Von hier an folgt der Film weitgehend der allseits bekannten Geschichte: Ein böser Ritter knechtet seine Leibeigenen (zwanzig Leute, wenn’s hochkommt), und zwar nach allen Regeln der Kunst. Um einen Besucher aus Polen zu beeindrucken, befiehlt er seinen Bauern, innert eines Monats einen Schattengang für seine nagelneue Trutzburg anzupflanzen. Weil das unmöglich zu schaffen ist, gehen die Bauern einen Pakt mit dem Teufel ein: Er schafft die nötigen Bäume heran, dafür überlassen sie ihm das nächstbeste neugeborene Kind.

Die Dörfler halten sich allerdings für ganz schlau: Bei jeder Geburt holen sie den Pfarrer heran, der das Kind sogleich tauft und damit Belzebubs Zugriff entzieht. Weil der Teufel ein schlechter Verlierer ist, hetzt er ihnen dafür eine Spinnenplage auf den Hals, der Mensch und Vieh zum Opfer fallen.

Mit dem Mittelalterteil geht leider der 80er-Jahre-Wahnsinn verloren, stattdessen erleben wir Gotthelf auf dem Niveau eines dahergelaufenen Dorftheaters. Nicht einmal mehr Yello-Musik hören wir, nur noch Liszt aus der Konserve. Das zieht sich mitunter ganz schön, aber immerhin, man findet immer noch den einen oder anderen amüsanten Moment.
So hatten die Filmemacher offensichtlich keinen realen Schattengang zur Verfügung. Also schaut der böse Ritter einfach aus dem Fenster und sagt sinngemäss: „Ja, tatsächlich, da ist ein Schattengang.“ Muss man ihm halt glauben.

Und da wäre natürlich die grosse Spinneninvasion, zweifellos der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Projekts. Rissi und Co. hatten jedoch nicht mehr zur Hand als eine einzelne Tarantel und eine grosse Gummispinne. Darüber versuchen sie mit „geschickten“ Schnitten hinwegzutäuschen, versagen jedoch auf ganzer Linie. Der böse Ritter findet schliesslich sein Ende, indem man dem Schauspieler die Gummispinne auf die Glatze klebt. Was soll man dazu noch gross sagen?

Ein letztes Highlight ist die Prozession, die sich auf die Spinnenplage hin versammelt. Das sind eine Handvoll Leute in Bettlaken, angeführt von einem Kapuzenkerl, die gemeinsam querfeldein ziehen um Busse zu tun. Die könnten gerade so gut aus „Monty Python and the Holy Grail“ entlaufen sein.

Was vom Tage übrig bleibt

Am Ende springen wir zurück in die Gegenwart. Aber wer jetzt erwartet, die Rahmenhandlung würde auf einen irgendwie sinnvoll gearteteten Abschluss hinauslaufen, sieht sich getäuscht: Ein paar Typen in Schutzanzügen transportieren die tote Junkiebraut ab, fertig.

An Rissis „Die schwarze Spinne“ lässt sich wunderbar der Unterschied zwischen Ambition und Realität demonstrieren. So hat man hier ein Werk voller künstlerischem Ehrgeiz, das aber frappierend an die ultrabilligen italienischen Horrorfilme der 80er erinnert. Die haben ja auch oft eine aufgesetzte sozialkritische Botschaft, die weder durch ein messbares Budget noch durch cineastisches Können getrübt wird. Würde man den Mittelalterteil straffen, so wäre „Die schwarze Spinne“ ein kleines Meisterwerk des schweizerischen Trashfilms.

 
Die schwarze Spinne
CH 1983, 98 Min. (Director’s Cut von 2015)
Regie: Mark M. Rissi
Drehbuch: Walther Kauer
Musik: Yello, Franz Liszt
Mit Sigfrit Steiner, Beatrice Kessler, Walo Lüönd, Peter Ehrlich u.a.

Karten für die Vorstellungen im Kino Stüssihoft kriegt man hier.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s